Mit der Fähre und dem Ranger unterwegs

„Jede Minute ändert sich das Bild“

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Atemraubende Stimmung in früher Morgenstunde am Edersee.

Edersee - Finster ist es morgens um fünf am Edersee, nur am Fähranleger auf der Halbinsel Scheid brennt Licht. Fährmann Karl Suck sticht mit Frühaufstehern in See - zu einer erlebnisreichen Morgentautour in den Nationalpark.

Von Scheid schippert die Ederseefähre zunächst auf das gegenüberliegende Ufer nach Rehbach, wo weitere Gäste und Nationalparkranger Uwe Liehr zusteigen. Dann nimmt die Fähre Kurs auf das Fürstental. Die Passagiere an Bord, eingemummt in dicke Jacken, genießen die Stille und die besondere Stimmung des anbrechenden Tags. Vom Osten her wird es allmählich heller, die Natur erwacht.

Liehr zeigt auf den Felsen des Adamsbergs im Westen von Scheid: „Hier kann man genau sehen, mit wie wenig die Bäume und Sträucher zurechtkommen.“ Auf der Weiterfahrt erzählt er aus der Geschichte des Edersees und gibt Wandertipps für den 70 Kilometer langen Urwaldsteig, der um den See herum führt: „Gerade auf der nicht zum Nationalpark gehörenden Nordseite des Sees gibt es wunderbare alte Eichenmischwälder. Man hat eine wunderschöne Aussicht.“

Hinter Fürstental fällt ein Erdrutsch auf. „Der Urwaldsteig geht darüber hinweg“, erklärt Karl Suck. Die Bergwacht hat an diesem Steilhang schon mehrfach unvorsichtige Wanderer gerettet. Am südlichen Ufer steuert der Fährmann in eine Bucht. „Wir biegen ins Banfetal ein“, kündigt Suck an. Wanderer und Ranger steigen aus, und die Fähre legt wieder ab. Auf dem Marsch am Ufer entlang am felsigen Abhang präsentiert Liehr gleich „ein Highlight“ des Nationalparks. „Hier blüht die Pfingstnelke. Es ist das nördlichste Verbreitungsgebiet der Pfingstnelke in Deutschland.“

Weiter geht es bergauf, weg vom Edersee. Die Wanderer genießen schweigend die Natur, nur die Schritte und das Zwitschern der Vögel sind zu hören. „Wenn ein Vogel in den Nationalpark gehört, dann der Buchfink“, informiert der Ranger.

Ein Stück weiter weist er auf einen Zaun. Diesen ließ der Fürst von Waldeck, der das weiträumige Gebiet als Jagdrevier nutzte, von 1895 bis 1904 errichten. 1934 wurde er erweitert und umzäunte das damalige Wildgatter. Seit Gründung des Nationalparks wurde das Muffelwild, da es nicht in diese Gegend gehört, entnommen. Dafür ist der Luchs inzwischen mehrfach gesichtet worden, berichtet Liehr.

Auch die Wildkatze ist wieder heimisch. Der Ranger weiß von fünf Exemplaren - vier Kater und eine Katze. Im Nationalpark entwickelt sich die Natur selbst. Liehr: „Es ist uns gelungen, hier auf 90 Prozent der Flächen nichts mehr zu tun.“ Motto: „Natur Natur sein lassen.“

Nachdem der Nationalpark Kellerwald-Edersee zum Weltnaturerbe der Unesco geadelt wurde, „spielen wir in der gleichen Liga wie Galapagos und Grand Canyon,“ sagt Liehr. An einem kleinen Bach halten die Frühaufsteher Ausschau nach Feuersalamandern - aber ohne Erfolg. Dafür zeigt der Ranger an einem Tümpel ein Teichmolchmännchen. Die rote Färbung ist sein Hochzeitskleid.

Am Christianseck genießen die Wanderer bei einer Rast die Aussicht ins Banfe- und Keßbachtal. Hier schmeckt ein Butterbrot mit einem Blättchen frischem Buchenlaub. Gut gestärkt geht es durch einen Schluchtwald. Kleine Quellen entspringen aus dem Erdreich, hier wachsen Ahorn, Farnwurz und Hexenkraut. Auch Totholz, was es häufig gibt, ist für den Wald als Lebensraum für Tiere wichtig. „Im Totholz tobt das Leben“, so der Ranger.

Am Fünfseenblick oberhalb von Bringhausen fällt der Blick auf Dorf und See. Auf schmalen Pfaden geht es zurück ans Ufer, wo jeder Teilnehmer eine Buchecker erhält. In der Notzeit nach dem Zweiten Weltkrieg wurde daraus Öl gepresst, und sie wurde als Kaffeeersatz verwendet. Die Rotbuche ist im Nationalpark die häufigste Pflanze, erfahren die Teilnehmer.

Die Fähre bringt die Morgentau-Entdecker zurück zum Fähranleger Scheid, wo Karl Suck mit einem kräftigen Frühstück wartet. Im vorigen Jahr waren zehn Morgentautouren geplant, sagt er. Wegen des niedrigen Wasserstandes im Edersee fiel die Hälfte aus. Aktuell ist der Edersee voll, freut sich der Fährmann. Gedankenverloren blicken die Teilnehmer über die schimmernde Wasserfläche. Karl Suck nickt: „Jede Minute ändert sich morgens das Bild.“

Die Morgentau-Tour findet an folgenden Samstagen um 5 Uhr statt: 12. Mai, 26. Mai, 2. Juni, 23. Juni, 30. Juni, 7. Juli, 14. Juli, 21. Juli, 28. Juli, 4. August, 18. August, 25. August. Abfahrt: Fähranleger Scheid/Rehbach. Kosten: 25 Euro inklusive Bootsfahrt und Verpflegung. Anmeldung im Nationalparkamt. Tel. 05621/75249-0.

(von Jörg Schüttler)

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