Frau muss sich wegen Untreue gegen eine 82-Jährige verantworten

Jemanden gesucht, der Halt gibt

Bad Wildungen / Fritzlar - . „Ich wollte jemanden haben, wo für die alten Tage bei mir ist. Ich hab ihr blindlings vertraut.“ In Rosbach hielt 2009 nichts mehr die heute 82-jährige Rentnerin. Keine Kinder, keine anderen Verwandten. Ihr Mann, den sie zu Hause gepflegt hatte, war gestorben. Zwei Vollmachten erteilt

So verkaufte sie das Haus und folgte ihrer damaligen heute 54-jährigen Mieterin auf deren Vorschlag nach Reinhardshausen: Ein Neuanfang im hohen Alter in der Hoffnung, dass die jüngere Frau sie pflegen werde, wenn es ihr mal schlecht ergehe. „Ich geh in kein Altersheim und immer, wenn wir darüber sprachen, hat sie mir den Himmel auf Erden versprochen“, berichtete die 82-Jährige vor dem Fritzlarer Schöffengericht. Sie hielt die jüngere Frau für eine echte Freundin. Sie stellte ihr eine Bankvollmacht und gar eine Vorsorgevollmacht aus, die der 54-Jährigen sogar die Möglichkeit gegeben hätte, den Aufenthaltsort der Älteren zu bestimmen. Mehr Vertrauen geht kaum.

Seit Donnerstag muss sich diese vermeintliche Freundin als Angeklagte vor Gericht verantworten, weil sie aus dem Geldvermögen der Witwe summasummarum rund 27 000 Euro veruntreut haben soll zwischen Dezember 2009 und Mai 2011. Die 54-jährige Wahl-Reinhardshäuserin hat ihre Bankvollmacht missbraucht, lautet der Vorwurf der Anklagevertretung.

„Das stimmt alles nicht“ „Das stimmt alles nicht“, gab die Bezichtigte gestern zu Protokoll. Sie änderte ihre Stellungnahme auch nicht, als Staatsanwalt Urbanek sie eindringlich darauf hinwies, dass eine Haftstrafe ohne Bewährung im Fall einer Verurteilung drohe. Alle paar Wochen hob die Angeklagte per Karte vom Automaten oder am Bankschalter in Bad Wildungen vierstellige Summen vom Konto der 82-Jährigen ab: mal in Begleitung der Rentnerin, mal allein, während die alte Dame im Auto wartete.

Eine Bankangestellte bestätigte als Zeugin, dass die Angeklagte mal alleine, mal in Begleitung der alten Dame in der Bank aufgetreten sei: „Die beiden waren befreundet und sprachen auch so miteinander.“ Die Vollmacht und der Umgang damit weckte deshalb in der Bank kein Misstrauen. 4000 Euro an einem Tag „Ich habe immer das gesamte abgehobene Geld ausgehändigt“, beteuerte die Angeklagte.

Nein, bestritt die 82-Jährige als geschädigte Zeugin. Es sollten stets nur 500 Euro abgehoben werden, und sie habe nie mehr Geld von der Angeklagten erhalten. Den Rest soll die 54-Jährige laut Anklageschrift für sich selbst behalten haben, als regelmäßige zusätzliche Einkommensquelle, denn insgesamt 18 solcher Kontobewegungen sind durch Auszüge zwischen 2009 und 2011 nachgewiesen. Der Mindestbetrag lag bei 1000 Euro, der Höchstbetrag bei 3000 Euro. An manchen Tagen gab es mehrere Abhebungen, in einem Fall erst zweimal 1000 Euro am Automaten und dann weitere 2000 Euro am Bankschalter. „So etwas hätte ich nie gemacht“, unterstrich die Geschädigte, während die Angeklagte aussagte, diese Vorgänge lägen in spontanen Entscheidungen der alten Dame begründet. „Sie sagte dann: Ich brauche noch mehr Geld. Das war für Renovierungen und Einkäufe“, schilderte die Angeklagte.

Die Rentnerin verfügte über zwei Konten: ein Girokonto, auf dem die Rente und weitere, kleinere monatliche Zugänge eingingen, und ein Tagesgeldkonto, auf dem der verbliebene Rest vom Hausverkauf als Reserve lag. Von diesem Tagesgeldkonto wurden zwischen 2009 und 2011 dreimal 10?000 Euro auf das Girokonto überwiesen. Anders wären die 18 Abhebungen mangels Masse auch nicht möglich gewesen. Auffällig laut Gericht: Umschichtungen und Abhebungen folgten zeitnah aufeinander, so dass beim reinen Anschauen des Giro-Kontostandes die Bewegungen nicht gleich ins Auge fallen mussten.

Als das Gericht die 82-Jährige darauf aufmerksam machte, war sie wie vom Donner gerührt: „Was für 10 000 Euro?“ Sie habe nie so viel Geld vom Tagesgeld auf ihr Girokonto überwiesen – sie merkte erst im Frühjahr 2011, dass das Tagesgeldkonto merkwürdig leer war. Arglos hatte sie zuvor ihre Konten nie genauer unter die Lupe genommen. Überdies zeigte sie sich großzügig gegenüber der Freundin: finanzierte ein Auto, eine Mikrowelle für die neue Wohnung, löste Schulden ab oder gab Spritgeld. 50 Euro legte die alte Dame nach eigener Aussage öfter beim Aussteigen auf den Beifahrersitz und erinnerte sich an einen Vorfall: Richtiggehend wütend habe die Angeklagte den Schein genommen, auf die Straße geworfen und sei weggefahren. Bevor sie richtig Verdacht schöpfte, wurde die 82-Jährige von ihrer Freundin erstmals enttäuscht. „Ich hatte 2010 eine Herz-OP und eine Reha.“ Während der vier Monate in den Kliniken habe sich die Angeklagte kaum gekümmert. Der Prozess wird nach Ostern fortgesetzt.(su)

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