Rainer Rüsch trotzt seiner schweren Sehbehinderung: Wildunger Online-Journalist aus Leidenschaft

Karriere als „Mister Badestadt.de“

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Trotz schwerer Sehbehinderung arbeitet Rainer Rüsch jeden Tag in seiner Altstadt-Redaktion, rechts ein Bildschirm mit Leselupe: Der Bad Wildunger ist „Mister Badestadt.de“.

Bad Wildungen - Nur noch ein Fünkchen Augenlicht, aber ein brillanter Fotograf und engagierter Internet-Chronist: Rainer Rüsch wagt jeden Tag aufs Neue den Schritt aus der Dunkelheit ins Rampenlicht - das liebenswerte Schwergewicht ist „Mister Badestadt.de“.

Der 63-Jährige ist stark sehbehindert. „Auf einem Auge habe ich fünf Prozent Sehstärke, auf dem anderen noch weniger.“ Plötzlich und unerwartet stand er im Dunkeln. „Morgens kam ich aus der Dusche und konnte mich im Spiegel nicht mehr sehen.“

Rüsch hatte Diabetes - seit rund zehn Jahren und unbemerkt. 13 Operationen am Auge folgten und weitere Eingriffe. „Bei jedem wurde es immer schlechter.“ Das ist acht Jahre her. Heute kann er Menschen nur noch schemenhaft erkennen, Farben kaum noch. Aber seine Sehkraft ist stabil - auf geringstem Niveau.

1000 Klicks am Tag

Trotz Schwerbehinderung zieht sich der Wildunger nicht zurück auf Couch oder Fernsehsessel, sondern sucht die tägliche Herausforderung. Die heißt für den Familienvater: www.badestadt.de. Rüsch hat eine Internet-Homepage aufgebaut. Die bestückt er hochaktuell mit Nachrichten aus Bad Wildungen. Baustellen im Zeitraffer über die Sommerwochen, rührendes Hunde-Schicksal am Rande eines Flugtags, aber auch Unfälle, Alarm im Kirchturm und besondere Ereignisse fehlen nicht. Der fleißige Chronist hat längst schon eine treue Fangemeinde, die stetig wächst.

Viele Urlauber schauen rein und schnuppern aus der Ferne Heimatluft. Gebürtige Wildunger aus aller Welt informieren sich bei „Mister Badestadt.de“. Erste Kenntnisse mit Internet-Auftritten eignete sich der frühere Heloponte-Betriebsleiter in Mandern an. Dort machte er sich mit einer Gastwirtschaft selbstständig, bis seine Sehprobleme massiv zum Durchbruch kamen. „Ich habe gekocht und sah nicht mehr, was in der Pfanne war.“ Die Wirtskarriere endete jäh, in Mandern baute Rüsch jedoch eine Homepage auf, die jede Menge Klicks erreichte.

Gemeinsam mit seiner Frau Ute zog er vor eineinhalb Jahren in die Wildunger Altstadt. „Hier kann ich alles zu Fuß erreichen“, nennt der Sehbehinderte seine Gründe. Noch vor dem Umzug hatte er ein neues Ziel im Visier. Er sicherte sich die Internetadresse www.badestadt.de. „Das hat mich bei Google an die erste Stelle im Ranking gebracht“, freut sich der 63-Jährige. Über 1000 Klicks zähle er täglich auf seiner Seite, die von Livekameras bis hin zu Presseberichten aus der Waldeckischen Landeszeitung mit Nachrichten gespickt ist.

„Wenn ich durch die Altstadt laufe, dann sehe und höre ich so viel Interessantes“, sprudelt Rüsch vor Eifer. Vieles davon sprenge die Berichterstattung der Heimatzeitung, aber der Online-Journalist geht noch mehr ins Detail. „Trotzdem muss auch ich vieles ablehnen“, bescheinigt er. Zielstrebig hat er sich einen guten Ruf erarbeitet, ist bei Pressegesprächen im Rathaus und allen wichtigen Veranstaltungen präsent. „Ich sehe mich als Bindeglied zwischen Presse- und privaten Informationen“, skizziert Rüsch seine Arbeit. „Aber für mich ist das alles ein wunderschönes Hobby und ich schöpfe keinen Gewinn von meiner Arbeit ab.“ Unter dem Kürzel „rü“ erscheinen auch immer wieder WLZ-Artikel aus seiner Feder. Einen guten Draht hat Rüsch zur Feuerwehr. Früher gehörte er zur Einsatzabteilung, heute freut er sich, wenn er kurz nach der Alarmierung brandaktuell schon eine Meldung im Internet präsentiert. Auch für die Wehr arbeitete er am Internet-Auftritt mit.

„Was mir besonders an meiner Tätigkeit gefällt, das ist die Vielseitigkeit“, sagt er. „Und es ist das Einzige, was ich mit meinen Augen noch machen kann.“

Morgendliche Devise: Rasieren auf Verdacht

Hausarbeit ist längst nur noch die Sache seiner Ehefrau. In seiner Altstadt-Redaktion mit Blick auf die Stadtkirche hat er zwei Bildschirme, einen davon mit riesiger Leselupe. Kaum sehen, aber trotzdem exzellente Fotos schießen - wie kann das gehen, fragen sich viele verwundert? „Ich fotografiere viel und frage dann meine Frau, welche Bilder scharf sind“, schmunzelt Rüsch spitzbübisch.

Ungewohnte Umgebung wirft ihn aus der Bahn. „In Wildungen finde ich mich allein gut zurecht, aber in fremden Städten brauche ich eine Begleitperson.“ Und bei der Morgentoilette heißt seine Devise: Rasieren auf Verdacht. „Ich bin auf meine Frau angewiesen - in allen Lebenslagen.“ Den Blindenstock lehnt er ab, aber wenn er seinen gelben Blindenbutton nicht auffällig trägt, muss er sich öfters geringschätzige Kommentare gefallen lassen von Menschen, die seine Sehschwäche nicht einschätzen können.

Mit Bus und Bahn

Seine größte Furcht ist die vor einem Versagen: „Ich habe in meinem Leben immer geholfen, im Schwimmbad oder bei der Feuerwehr - ich fürchte mich davor, irgendwo hinzukommen und nicht helfen zu können.“

Sein Leben hat der Ruheständler völlig umgekrempelt. Der früher leidenschaftliche Motorradfahrer kommt nur mit Bus und Bahn ans Ziel und erkennt Freunde nur aus nächster Nähe. Trotzdem gibt er den Mut nicht auf und steckt sich jeden Tag neue Ziele. „Wir versuchen das Beste draus zu machen“, zwinkert er Ehefrau Ute zu.

„Bei meinem 60. Geburtstag habe ich mir vorgenommen: Du machst nur noch das, was dir Spaß macht.“ Und das ist Wildunger Online-Journalismus. „Jeden Tag sitze ich ein paar Stunden am Computer, und wenn ich mal nichts zum Berichten habe, dann gehe ich durch die Stadt und mache Bilder.“

In Grenzach geboren

1949 in Grenzach bei Basel geboren, absolvierte Rainer Rüsch eine Textilfärber-Lehre und wechselte dann in den kommunalen Dienst. Er war Schwimmbad- und Saunameister in einem neu gebauten Hallenbad. 1973 heiratete er seine Frau Ute. Fünf Jahre später zog das Paar nach Vallendar am Rhein bei Koblenz, wo ein großes Hotelbad übernommen wurde. Der stellvertretende Geschäftsführer für Hotel, Seniorenwohnsitz und Altenpflege wurde später Leiter eines großen Tenniszentrums. In dieser Zeit wurde sein Sohn geboren. 1982 wurde er Betriebsleiter der Bad Wildunger Freizeiteinrichtung Heloponte, wo er zuletzt auch die Gaststätte mit betreute. Nach insgesamt 20 Jahren hörte er auf, lebte acht Jahre als Gastwirt in Mandern, bevor er in seine heutige Wohnung in der Bad Wildunger Altstadt zog.(höh)

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