Gefällte Ahorn-Bäume am Scharnier leben weiter in Kunstwerken von Thomas Graupner

Karriere der Straßenbäume

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Natur-Art vom Straßenrand: Gefällte Ahorn-Bäume vom Scharnier, Linden oder Robinien, die der Kettensäge zum Opfer fielen, machen im Atelier von Thomas Graupner späte Karriere.Foto: Höhne

Bad Wildungen - „Der Baum ist tot“, klingt es wehmütig in einem Lied. Etliche Wildunger stimmten den Refrain in Gedanken mit an, als die Ahorn-Bäume am Scharnier gefällt wurden. Die gute Nachricht: Sie leben weiter - in den Kunstwerken von Thomas Graupner als Hauptdarsteller seiner „NaturArt“.

Zwölf Ahorn-Bäume hat sich der Künstler gesichert, als sie im vergangenen Jahr der Kettensäge zu Opfer fielen. Einige hat er mit kreativer Schaffenskraft bearbeitet. Wuchtige Hände, markante Gesichter aus Holz, ein Seufzer in roter Maserung oder grazile Frauenfiguren aus Ahorn, Robinie oder Linde schmücken sein Atelier - jedes Unikat ist ein besonderer Blickfang.

„Die Natur ist der Künstler,“ sagt Graupner. Der 48-Jährige hat die Natur-Art für sich entdeckt und mit seinem Namen zur „Natur-Art-Grau“ erklärt. „Das ist nicht nur eine Kunstrichtung sondern eine künstlerische Philosophie.“ Das Werden und Vergehen, zeitlos und unter Einfluss der Elemente - all das spielt in seine Werke mit ein und ist dennoch untergeordnet. „Die Patina der Natur (verwitterte Oberfläche) ist das größte Geschenk für Natur-Art.“

„Jeder Mensch ist ein Künstler“

Vom Großvater hat er als 14-Jähriger die ersten Bearbeitungstechniken erlernt, und sich dann in all den Jahren an verschiedenen Stilrichtungen versucht. Er schuf Vasen aus Resten von Tischplatten, Bleistiftzeichnungen von Winterlandschaften und Scherenschnitte.

Aus einer Arbeitsmappe zieht er schmunzelt zwischen Farbstudien das Porträt seiner Schwiegermutter hervor. Motive aus Pastellkreide, Öl und Tusche tragen seine Handschrift.

Vor allem aber hat er sich der Bildhauerei verschrieben. Mit Winkelschleifer und Kettensäge modelliert er eigenwillige Skulpturen, die sich selbst interpretieren. Der geschwungene Frauenkörper beispielsweise - er mutet an, wie ein entspannendes Strecken morgens nach dem Aufstehen. Oder die Hand, die nach oben greift. „Hier steckt alles drin: Ukraine, Harz IV, Lampedusa - das kann jeder selbst für sich sagen.“

Inspirieren lässt sich Graupner bei einem Spaziergang in Wald und Feld. Umgesetzt wird seine Idee nach angefertigten Skizzen. „Ich arbeite nicht aus dem hohlen Bauch heraus.“ Skulpturen und Objekte aus Natur-Art zieren den Garten des Bad Wildunger Lebenshilfe-Wohnheims in der Brunnenallee, wo der 48-Jährige als Ergotherapeut arbeitet. Für den Stadtrand von Frankenau hat der passionierte Künstler eine Bank mit Figuren geschaffen.

Vorstellen beim Fest am Scharnier

Kunst ist kein Hexenwerk, versichert der Chemnitzer mit dem unverwechselbaren Dialekt. „Jeder Mensch ist ein Künstler“, glaubt der Familienvater, der seit 14 Jahren in Wildungen lebt. Ob Malen, Ausschneiden oder Holz zusammensetzen - die kreative Vielfalt sei groß. „Das Wichtigste ist, dass man sein Handwerk beherrscht.“ Deswegen stehen immer wieder auch Übungen und Skizzen im Programm, wo auf harmonische Proportionen geachtet wird oder auf bestimmte Elemente, die die Aussagekraft von Werken hervorheben oder abschwächen können.

Wenn der Baum aus der Brunnenmeile zur „Natur-Art-Grau“ mutiert, dann steckt darin keine tiefsinnige Interpretation sondern ein kreativer Anspruch. „Ich will beim Betrachter ein angenehmes Gefühl hervorrufen, will erreichen, dass man sich verlieren kann.“ Was aus den Bäumen vom Straßenrand geworden ist, das möchte Graupner gern zeigen bei einem Fest am fertiggestellten Scharnier.

Mehr im Internet unter www.natur-art-grau.de

Von Conny Höhne

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