Sarah Amberg aus Bad Wildungen verbrachte zwei Monate als Elefantenpflegerin in Nepal

Kindheitstraum, Todesangst inklusive

Das tägliche Bad im Fluss. Wilde Nashörner aus dem angrenzenden Nationalpark verschafften den Volontären atemberaubende Eindrücke. Nur zu nahe kommen darf man ihnen nicht.

Bad Wildungen - Dickhäuter - das sagt sich leichthin. „Elefanten haben ganz weiche, sehr empfindliche Fußsohlen“, erklärt Sarah Amberg. Dieses Wissen hat die Wildungerin nicht aus Büchern, Filmen oder bei einem Zoobesuch aufgeschnappt.

Zwei Monate lang arbeitete sie als Volontärin in Nepal, als freiwillige Pflegerin einer Gruppe von indischen Elefanten. „Ich habe mir einen Kindheitstraum erfüllt“, verrät die junge Frau.

Nach dem Abitur am Stresemann-Gymnasium tauchte sie Ende vorigen Jahres in eine fremde Welt ein. Eine Welt, die ihr bei ihrem Eintreffen einen Schrecken versetzte. „Ich kam bei Dunkelheit an, und auf der Fahrt zum Waisenhaus schockierte mich die große Armut überall in den Straßen.“ Sarah und die übrigen Volontäre der Elefantenstation wohnten während ihres Aufenthaltes in dem Waisenhaus, das neben dem Gehege der Tiere liegt. Die Gäste aus dem Westen bescheren dem Haus eine kleine Einnahme.

Fünf erwachsene Elefantenkühe und ein 15 Monate altes, männliches Junges leben auf dem Gelände am Fluss, das eingegrenzt ist durch einen Elektrozaun. Innerhalb des Areals können sie sich frei bewegen. Ein Luxus für die Tiere, fügt Sarah hinzu, denn fast alle Artgenossen in Nepal fristen ein anderes Dasein. Elefanten stellten für den Tourismus und damit das gesamte Land einen wesentlichen Wirtschaftsfaktor dar. „An jeder Ecke steht einer“, hat Sarah beobachtet. Sie gehören dem Staat und müssen hart arbeiten als „Hotel-Elefanten“. An Ketten angelegt haben sie in einer Hütte an den Luxus-Domizilen der Urlauber auszuharren, bis sie von diesen für den nächsten Ausflug, die nächste Safari bestiegen werden. „Eigentlich bewegen sich Elefanten langsam“, sagt Sarah, aber wenn es vor den Hotels losgeht, werden die Tiere zur Eile über die steinigen, schlecht oder nicht befestigten Wege angetrieben - mit schlimmen Folgen für die sehr weichen Fußsohlen. „Sie sind für Dschungelboden gemacht. Die Steine auf den Straßen reißen tiefe, schmerzende Löcher in die Sohlen“, berichtet die Wildungerin.

„Unsere Elefanten haben es besser“, erzählt sie und allein dieser Satz beweist, wie sehr sie die großen Tiere ins Herz geschlossen hat: „Ich vermisse sie.“ Besonders das Weibchen Junkali, ihren Lieblingselefanten.

Und Junkali vermisst wohl Sarah.

Das meint zumindest der „Mahoud“ (Führer) der Elefanten-Dame, mit dem Sarah Kontakt hält. So weit es geht. Die hauptamtlichen Betreuer, die sich zu zweit um ein Tier kümmern, sprechen kein Englisch. Sie leben in Holzhütten, direkt bei ihren Elefanten, und dürfen alle paar Wochen ihre Familien besuchen, die weit entfernt wohnen. Handzeichen und einige erlernte Brocken der Mahoud-Sprache dienten zwei Monate lang der Verständigung im Gehege und erfüllen ihren Zweck nun via Internet. Einige Kinder aus dem Waisenhaus ermöglichen das über ihr elektronisches Postfach. Sie halfen mit ihrem Schul-Englisch den Volontären auch als Übersetzer.

„Wir haben jeden Morgen mit den Kindern gefrühstückt“, berichtet Sarah. Vorher aber, um 7 Uhr in der Frühe, versorgten die Mahouds und ihre ausländischen Helfer die sechs Elefanten. „Sie bekamen Kuchis zu essen“, erzählt die junge Frau: Rouladen für Rüssel-Gourmets. Dazu formten die Pflegerinnen und Pfleger aus sehr langem Gras eine Art Körbchen oder Knäuel, das sie mit einer Mischung aus Reis, Honig, Kichererbsen und Sojabohnen füllten.

Als nächstes am Vormittag standen ausgiebiges Putzen und die Pflege der Füße und der weichen Sohlen auf dem Programm. „Wir durften jeden Tag auf den Elefanten zum Fluss reiten. Anders als die meisten Touristen, die während einer Safari in großen Körben sitzen, saßen wir ohne Hilfsmittel hinter dem Mahoud“, schildert Sarah mit glänzenden Augen und einem Lächeln.

Bei einem dieser Ritte rief der Mahoud seinem Elefanten plötzlich „Boilt, boilt“ zu: Setz dich.

Plötzlich allein auf dem Rücken des Elefanten

Das Tier ging auf die Knie, sein Führer sprang ab und der Elefant stand auf. Unversehens fand sich Sarah allein auf dem Rücken des graubraunen Goliath. Der Mahoud bedeutete ihr, sie solle versuchen, das Tier zu lenken. „Agat, agat, rief ich, lauf, lauf, aber der Elefant reagierte nicht“, erinnert sich Sarah lachend. Ihr fehlt die tiefe Stimme eines Mahouds und die Tiere sind sehr auf ihre Führer geprägt.

Drei der Elefanten-Weibchen sind täglich als Reittiere für Touristen-Safaris im Einsatz. Stets ohne Körbe und stets ohne Umweg über Straßen, denn auf der anderen Seite des Flusses beginnt der Dschungel. Dort liegt der Nationalpark, der wilden Elefanten, Nashörnern, Krokodilen und vielen anderen Tieren ein Refugium bietet. „Unsere drei Elefanten müssen auch nur von 11 bis 15 Uhr arbeiten, nicht den ganzen Tag, wie die übrigen Elefanten in Nepal“, erläutert Sarah.

Die Mutter des Elefanten-Babys und Melkali, das älteste Weibchen, verbringen ihre Tage ohne Arbeit. Melkali genießt die größten Freiheiten. Nach Essen und Pflege wird sie in den Nationalpark-Dschungel entlassen, kann sich dort frei bewegen, und kehrt jeden Abend gegen 17 Uhr ins Gehege zurück.

Ihre für Nepal ungewöhnlichen Lebensbedingungen verdanken die sechs Elefanten - neben der 72-jährigen Melkali und dem Baby sind es vier Kühe im Alter von 9 bis 40 - einer amerikanischen Tierschützerin. „Carol Buckley kommt aus Tennessee und engagiert sich weltweit in Elefanten-Projekten. Ihr gehören unsere Elefanten zur Hälfte“, erklärt Sarah. Zur zweiten Hälfte stehen die Tiere im Besitz des Staates. Diese Verteilung garantiert der kleinen Herde ihre Privilegien im Vergleich zu den Hotel-Elefanten. „Nepal ist arm und hat zu wenig Geld, um alle Elefanten so zu halten wie unsere“, meint die Wil­dungerin.

Elefantenschützerin persönlich kennengelernt

Sie hat Carol Buckley persönlich kennengelernt. Nicht alle Volontäre haben diese Gelegenheit, weil die Elefantenschützerin im Zuge ihrer Projekte in vielen Ländern unterwegs und nur gelegentlich in Nepal ist. Das Treffen war ein Glück, „denn Carol wies uns darauf hin, dass Melkali seit vielen Jahren Tuberkulose hat.“ Die Freiwilligenorganisation, bei der Sarah ihren Einsatz gebucht hatte, hatte darüber nie ein Wort verloren, und Tuberkulose fällt nicht unter die Impfempfehlungen für Nepal. Die Krankheit kann auch vom Elefanten auf den Menschen übertragen werden.

„Natürlich macht man sich Gedanken, aber hier zu Hause habe ich mich sofort testen lassen und zum Glück habe ich mich nicht angesteckt“, berichtet Sarah.

Sehr gelassen.

Kein Wunder.

Denn in Nepal, bei ihren Elefanten, hat sie Schlimmeres hinter sich gebracht: einen unendlich scheinenden Moment in Todesangst, in dem ihr Leben am seidenen Faden hing: an ihrer körperlichen Fitness als Sportlerin und an einem gehörigen Quäntchen Glück im Unglück.

Ein wütendes Nashorn im Nacken

„Zu unseren Aufgaben gehörte, das Gehege mit Schippe und Schubkarre auszumisten und die Futterreste nach draußen zu bringen“, schildert Sarah. Die Brosamen der Elefanten-Mahlzeiten lockten Tiere aus dem Nationalpark an. Eines Morgens winkte ihr einer der Mahouds zu. „Er zeigte mir ein Nashorn in hundert Metern Entfernung. Toll. Auf so etwas warteten wir Volontäre“, erzählt die junge Frau. Sie eilte in ein Nachbargehege, um eine Kollegin zu holen. Als sie zurückkam, winkte der Mahoud erneut, „ich dachte, um uns zum Nashorn zu führen.“ Sarah ging gerade an einem großen, dicken Baum vorüber - da stand sie Auge in Auge dem massigen Tier gegenüber, wenige Meter entfernt. „Ich hörte nur ‚run, run!‘, drehte mich um und rannte, rannte, rannte“, erinnert sie sich. Hinter sich vernahm sie das Stampfen des angreifenden Nashorns. „Ich stolperte über eine Wurzel und fiel. So schnell habe ich mich in meinem ganzen Leben noch nicht aufgerappelt.“ Nur weg, ins Elefanten-Gehege, war ihr einziger Gedanke in der Panik. „Ich hab’ den Zaun berührt, als ich endlich hinein bin, und bekam einen heftigen Stromschlag, aber das war mir völlig egal.“ Das Nashorn drehte vor dem Zaun ab und verschwand im Dschungel.

Auf Facebook besser nicht alles berichtet

„Von dem Mahoud erfuhr ich später, dass es ein altes Nashornweibchen war. Den Angriff eines jungen Tieres hätte ich nicht überlebt, meinte er.“ Wütende Nashörner werden bis zu 60 Stundenkilometer schnell.

Während ihres Aufenthaltes hielt Sarah per Facebook Freunde und Verwandte zu Hause auf dem Laufenden. Von dem wütenden Nashorn schrieb sie nichts. Das wollte sie ihrer Mutter lieber persönlich und schonend nach der Rückkehr beibringen. Manch anderes verschwieg sie aus demselben Grund, denn sie lernte das fremde Land Nepal nicht nur aus der Perspektive einer Elefanten-Pflegerin kennen. Welch gegensätzliche Erfahrungen die junge Wildungerin noch machte, schildert sie nächste Woche in der WLZ-FZ.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare