Wolfgang Gottschalk verabschiedet sich aus Edertal · „Viele Freunde gefunden

Kirchturmdenken ist seine Sache nicht

+
Den letzten Haushalt, den er verantwortet in der Hand, Geschenke, die er als Bürgermeister erhielt, an der Wand: Wolfgang Gottschalk verlässt das Edertal

Edertal - Das Schwierigste an der Rolle als Bürgermeister?Wolfgang Gottschalk überlegt einen Moment, einen langen Moment.

Das manchmal heikle Manövrieren zwischen den Fraktionen des Parlamentes, die oft hohen und zugleich widerstrebenden Erwartungen der Bürger und unterschiedlichster Interessengruppen an einen Verwaltungschef, das Einstecken von Niederlagen, wenn sich eigene Ideen politisch nicht durchsetzen lassen - all das hätten Antworten auf diese Frage sein können.

Vielleicht künftig Zweitwohnung in Edertal

Doch dem scheidenden Edertaler Bürgermeister ist etwas anderes schwergefallen, ganz persönlich: „Es ist eine besondere Aufgabe, bei einer Beerdigung zu reden, wenn die Hinterbliebenen erwarten, dass man die richtigen Worte findet.“ Gerade zu Beginn sei es als Ortsfremder sehr schwierig gewesen, dem gerecht zu werden.

Aus Fuldabrück kamen Wolfgang Gottschalk und seine Frau Petra damals ins Edertal. „Wir sind sehr liebevoll aufgenommen worden und haben viele Freunde gefunden, denen wir verbunden bleiben“, sagt der 56-Jährige. Die Eigentumswohnung in Fuldabrück blieb ein wichtiger Ankerpunkt der Familie. Das Ehepaar richtete sich in Wellen eine zweite Wohnung ein. Nun, nach zwölf Jahren im Amt, geht es zurück. Das steht fest. Ob die Gottschalks einen zweiten Wohnsitz in Edertal behalten, entscheidet sich in den kommenden Wochen. Der noch drei Tage amtierende Verwaltungschef denkt keinesfalls daran, sich aus dem Berufsleben zurückzuziehen, sondern befindet sich in Gesprächen über eine neue Aufgabe. Eine lehrende Tätigkeit wäre eine Variante. „Von der Entscheidung darüber hängt die Frage nach einer Zweitwohnung in Edertal ab“, verrät er. Auf jeden Fall werde er mit seiner Frau auch in Zukunft viel Freizeit hier verbringen, nicht zuletzt auf dem Rad.

Ortsfremd ist Wolfgang Gottschalk längst nicht mehr. Geht er als Edertaler? „Nein, ich bin als Nordhesse gekommen und gehe als Nordhesse.“

Kirchturmdenken ist seine Sache nicht und deshalb stellt die begonnene interkommunaleZusammenarbeit zwischen Edertal, Bad Wildungen und Fritzlar für Gottschalk eines der wichtigsten, gelungenen Projekte seiner Amtszeiten dar. Ein Projekt mit weiteren Perspektiven für die Zukunft aus seiner Sicht, erst recht mit Blick auf die schwierige Finanzlage der Städte und Gemeinden allgemein.

Stolz auf den Radweg

Stolz ist er darauf, dass er eines seiner zentralen Wahlkampfthemen von ehedem mit Erfolg bearbeitet hat, gemeinsam mit der Gemeindevertretung: den Ausbau des Radweges zwischen Affoldern und Bringhausen, parallel zum Lückenschluss auf der Waldecker Seite. Eine schwierige und kostspielige Aufgabe, die der Gemeinde von außen gestellt wurde, war der Bau der neuen Kläranlage. „Das haben wir im Konsens sehr gut hinbekommen“, bilanziert der Bürgermeister.

Bei anderen Themen gab es dagegen deutliche Meinungsverschiedenheiten und Diskussionen, die sich lange hinzogen. Die Skipiste Peterskopf ist so ein Beispiel. „Eine faszinierende Idee, aber ich bin froh, dass wir nicht eingestiegen sind, denn ich hatte nie Gelegenheit mit einem Investor zu verhandeln“, erinnert sich Wolfgang Gottschalk. Es wäre unverantwortlich gewesen, als Gemeinde in Vorleistung zu treten ohne Geldgeber hinter dem Projekt. Davon ist er überzeugt und verweist auf das gescheiterte Beberbeck-Golf Resort Hofgeismar. „Es sind die gleichen Personen dahinter wie bei der Skipiste“, fügt er hinzu.

Die Piste und der in Aussicht stehende Nationalpark; diese beiden Pole beherrschten damals die Debatte. Gottschalk war stets ein Anhänger der Nationalpark-Idee und obwohl sie heute Wirklichkeit geworden ist, verbindet sich mit ihr die politische Niederlage, die er am meisten bedauert. Was er mit seinem Vorgänger gemeinsam hat. Die Gemeindevertretung sprach sich nach einem entsprechenden Bürgerentscheid in Edertal per Beschluss ein zweites Mal gegen die Einrichtung des Großschutzgebietes aus. „Deshalb ist es uns nicht gelungen, die Nationalparkverwaltung nach Edertal zu bekommen und diese Entscheidung der Landesregierung kann ich sogar nachvollziehen“, sagt Wolfgang Gottschalk.

Neues Info-Zentrum hätte er gerne stehen sehen

Der letzte kräftige Dämpfer, den ihm das Parlament versetzte, war der Beschluss gegen die Pläne für ein neues Info-Zentrum der Edersee-Touristic auf dem Sperrmauervorplatz. „Das hätte ich gerne verwirklicht gesehen“, gibt er zu, um im selben Atemzug zu betonen: „Aber das sind die Spielregeln der Demokratie.“ Damit muss er nicht nur leben, er kann es auch.

Kritik und Misserfolge gehören zum Geschäft jedes Bürgermeisters. Fehler werden Verwaltungschefs in der politischen Auseinandersetzung regelmäßig vorgehalten. Gibt es einen, den Wolfgang Gottschalk besonders bedauert? Er überlegt. Kurz. „Fehler habe ich sicherlich gemacht, aber ein schwer wiegender fällt mir spontan nicht ein“, sagt er.

Ohne nachzudenken antwortet er auf die Frage, was er nach dem kommenden Donnerstag, dem Tag des Abschieds, am meisten an der Arbeit als Bürgermeister vermissen wird: „Die Kolleginnen und Kollegen. Wir haben ein starkes Team. Und die vielen Begegnungen mit Freunden, Bekannten und den unterschiedlichsten Akteuren.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare