Bad Wildungen

Der Koffer aus Theresienstadt

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- Bad Wildungen (gr). In loser Folge stellt die WLZ-FZ das Wildunger Stadtmuseum in der Lindenstraße vor. Heute geht es um einen besonderen Koffer.

Im Stadtmuseum Bad Wildungen ist ein dunkler Koffer ausgestellt, auf dem in weißen Buchstaben der Name der Besitzerin steht: Selma Hammerschlag. Der Koffer hat eine besondere Geschichte: Er stammt aus dem Ghetto Theresienstadt in der Nähe von Prag. Dorthin wurde die Wildunger Jüdin Selma Hammerschlag mit ihrem Mann Max, Sohn Edgar und Schwiegervater Adolf am 7. September 1942 gebracht. Als gelernte Krankenschwester konnte sie dort arbeiten, was ihr das Leben rettete. 1945 von der Roten Armee befreit, trat sie den Weg in die Heimat an.

Vermutlich kam sie so in den Besitz des Koffers, dessen vormaliger Besitzer – so lässt eine Inschrift im Inneren vermuten – Dr. Fritz Bennigson war; er war ebenfalls Jude, von Beruf Chemiker und starb am 9. Februar 1943 in Theresienstadt.Zurück in Bad Wildungen, lebte Selma Hammerschlag in der Brunnenstraße; hier hatte die Familie früher ein Konfektionsgeschäft geführt. Sie arbeitete mit den US-amerikanischen Besatzungssoldaten zusammen, engagierte sich beim Roten Kreuz und versuchte, finanzielle Ansprüche ehemaliger einheimischer Juden geltend zu machen, deren Häuser und Grundstücke zu Spottpreisen verkauft worden waren.

In Bad Wildungen erfuhr die 47-Jährige, dass sie die einzig Überlebende ihrer Familie war: Der Mann starb wenige Tage vor Kriegsende in Buchenwald, der Sohn in Auschwitz, der Schwiegervater bereits vier Wochen nach der Deportation in Theresienstadt. Schwager Hermann wurde mit Frau Irene und Tochter Inge in Auschwitz ermordet.

Vor ihrer Auswanderung hatte sie den Koffer einer guten Bekannten in Edertal-Hemfurth zur Aufbewahrung gegeben, die ihn auf den Dachboden stellte. Über 40 Jahre später wurde er aufgefunden und ins Museum gegeben. Er ist – neben einigen Fotos und Briefen aus der Nachkriegszeit – das einzige Lebenszeichen von Selma Hammerschlag, die von Zeitzeugen als intelligente, angenehme Person mit gutem Charakter beschrieben wird, die gerne große Hüte trug und eine mondäne, feine Frau war.Heute erinnern acht „Stolpersteine“ des Künstlers Demnig in der Brunnenstraße 20 und 22 sowie der Name eines Gässchens unterhalb der Stadtkirche an das Schicksal ihrer Familie.

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