In Amerika verhaftet

Spektakulärer Kriminalfall von 1906: Leiche im Koffer verschickt - von Bad Wildungen nach Frankfurt

„Graf Waldersee“: Das Passagierschiff befuhr die Hamburg-Amerika-Linie der Hapag.
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„Graf Waldersee“: Das Passagierschiff befuhr die Hamburg-Amerika-Linie der Hapag.

Der Berliner Autor Harald W. Marpe hat einen Kriminalfall akribisch aufgearbeitet, der 1906 Aufsehen erregte. Schauplätze: Frankfurt, New York – und Bad Wildungen.

  • Der Berliner Autor Harald W. Marpe, gebürtig aus Diemelstadt-Neudorf, hat einen Kriminalfall akribisch aufgearbeitet, der 1906 Aufsehen erregte.
  • Ein Mann hatte neun Monate eine Leiche in einem Koffer aufbewahrt und ihn dann per Express von Bad Wildungen nach Frankfurt geschickt.
  • Die Polizei öffnete wenig später den übel riechenden Koffer und kam einen Mann auf die Spur; er wurde mit seiner Verlobten auf einem Passagierschiff bei der Ankunft in Amerika festgenommen.

Bad Wildungen – Als am 12. Mai 1906 die „Graf Waldersee“, ein Passagierdampfer der Hapag, aus Hamburg im Hafen Hoboken gegenüber von New York einlief, hatte die Kriminalpolizei zwei der 2500 Reisenden im Fokus. US-Bundesmarschall Bernhard fragte im Speisesaal zweiter Klasse einen Mann: „Sie sind doch der Herr Meyer. Wo ist Frau Meyer geblieben?“

„Meyers Gesicht wurde weiß und dann aschgrau“

Die „Illustrierte Kronen-Zeitung“ aus Wien berichtet: „Meyers Gesicht wurde weiß und dann aschgrau. Er klappte auf dem Sitz zusammen, von dem er sich eben erhoben hatte, und stammelte noch einige unverständliche Worte. Sofort sprangen die Gehilfen vor und legten Meyer Handschellen an.“ Seine Begleiterin fiel in Ohnmacht. „In dem Saale entstand ein wilder Tumult.“

Meyer stand in Verdacht, Marie Vogel ermordet zu haben, eine 74-jährige Wildungerin. Die Tote hatte er neun Monate in einem Koffer aufbewahrt und dann mit der Bahn nach Frankfurt/Main geschickt. Meyer und Christiani landeten im Gefängnis „The Tombs“. Meyer wurde ausgeliefert nach Frankfurt, Christiani kehrte zurück nach Wildungen, wo ihr Vater Schreiner war. Ermittlungen ergaben, dass sie nicht in den Fall verwickelt war.

Von Meschede in die USA - als Flaschenspüler, Hausknecht und Kellner

Am 5. Dezember 1906 begann vor dem Schwurgericht beim Landgericht in Kassel ein fünftägiger Prozess, über den Zeitungen im Reich und im deutschsprachigen Ausland berichteten. Die Kronen-Zeitung in Wien beschreibt Meyer so: ein „untersetzter, kräftiger Mensch. Er hat dunkle Haare, eingefallene Backen, einen stechenden, scheuen Blick und trägt dunkle Kleidung“.

Er war 1875 in Meschede geboren, ging um 1900 in die USA und schlug sich als Flaschenspüler, Hausknecht und Kellner durch. Marie Vogel wurde 1829 in Göttingen geboren. Zwei Ehemänner starben. Dann reiste sie in die USA, heiratete den Deutschen Vogel. Er sei bald gestorben und habe ihr ein Vermögen hinterlassen, sagte ein Zeuge.

In Bad Wildungen ein Möbelgeschäft erworben

Meyer berichtete, wie Vogel in New Orleans auftauchte, wo er bei einem Tapezierer und Dekorateur arbeitete. „Sie bat mich, zu ihr zu ziehen, sie habe ein schönes Zimmer leer, da wären wir immer zusammen und könnten uns abends immer schön erzählen. Das tat ich dann auch. Eines Tages eröffnete sie mir, dass sie meine Tante sei, sie gab sich als Schwester meiner Mutter aus.“

Das sollte er aber nicht nach Hause schreiben. Zur Silbernen Hochzeit seiner Eltern wollten beide nach Deutschland reisen. Ende 1904 fuhren beide zunächst nach Berlin und nach Köln und landeten in Wildungen, wo Meyer ein Möbelgeschäft kaufte.

Nach heftigem Streit nach Kassel

„Ich wollte in Wildungen einen Hausstand halten und lernte die Christiani kennen, die mir als fleißiges und tüchtiges Mädchen geschildert wurde.“ Dass er sie heiraten wollte, habe der Vogel nicht gefallen. Er berichtete von anzüglichen Redensarten und eindeutigen Angeboten, von Drohungen, das Mädchen zu erschießen und Geld zu entziehen. „Sie zeigte mir ihr Testament und sagte, wenn ich sie heirate, bekäme ich ihr ganzes Vermögen, das aus 60 000 Mark bestehe.“

Nach einem heftigen Streit fuhr Meyer für einige Tage nach Kassel. Als er zurückkam, war die Wohnung verschlossen, der Schlüssel lag unter dem Fußabtreter. Die „Berliner Börsen-Zeitung“ berichtete, was nun geschah. „Als er in das Wohnzimmer eintrat, stand die Kognakflasche noch genau so auf dem Tisch, als wie er das Zimmer verlassen habe.“

„Marie, schläfst Du schon?“

Er habe die Frau zu der späten Stunde im Bett vermutet und sei guten Mutes gewesen, da er immer noch hoffte, sie loszuwerden. Er habe gerufen: „Marie, schläfst Du schon?“ Weil sie nicht antwortete, sei er ins Schlafzimmer getreten „und sah, wie die Vogel vor dem Bett am Boden lag.“

Er habe mit Kognak Stirn und Brust eingerieben und da erst bemerkt, dass sie tot war. Um den Hals habe sie eine Hundeleine gehabt, deren Handgriff war am Bettpfosten befestigt. Er habe den Todesfall melden wollen, aber die Polizeiwache war schon geschlossen.

Tote in einen Koffer gelegt

Drei Tage später legte er die Tote in einen Koffer. Als sie in Verwesung überging und Maden in den Flur krochen, schüttete er Chlorkalk dazu. Seine Schwester habe die Wohnung gereinigt. „Bei dir riecht es so furchtbar“ habe sie gesagt.“ (Berliner Volks-Zeitung). Nachbarn erzählte er, die Vogel sei verreist. Viele Wochen schlief Meyer mit dem Koffer im Zimmer.

Am 25. April 1906 wollte Meyer nahe des Frankfurter Güterbahnhofs bei der Spedition Mensinger einen Koffer mit Kleidung, den er per Express aufgegeben hatte, während einer dreimonatigen Italienreise unterstellen.

Koffer „roch modrig“

Christiani kam später an. Als „Wilhelm Meyer und Frau aus Wildungen“ checkten beide in einem Hotel ein. Am Tag darauf traf der Koffer ein, 1,20 Meter lang, 80 Zentimeter hoch, 117 Kilogramm schwer. „Er roch modrig“, so Mensinger vor Gericht.

Als Maden krochen und der Gestank bestialisch war, wurde er am 11. Mai von der Polizei geöffnet. Kleidung wurde mit Mistgabeln entfernt. Auf dem Boden lag eine Leiche mit angezogenen Beinen und mit Chlorkalk bedeckt. Die langen Haare deuteten auf eine Frau. „Es war eine zusammengeschrumpfte, pergamentartig aussehende Körpermasse, an der man gar nichts mehr unterscheiden konnte“, sagte ein Mediziner.

Es wimmelte von Würmern, Maden und Käfern

Es wimmelte von Würmern, Maden, Käfern zwischen Jacken, Opernglas, Sonnenschirm, Päckchen bunter Wolle, Damenhemden und Unterbeinkleidern. Papiersäcke von Wildunger Geschäftsleuten brachten die Polizei auf die entscheidende Spur. Auf dem Frachtbrief stand der Absender: Wilhelm Meyer, Wildungen.

Eine Anfrage bei der Wildunger Polizei ergab, dass eine 74-Jährige vermisst wurde, die mit ihrem angeblichen Neffen zusammengewohnt hatte. Auf der Brust der Toten hatte ein Gebiss gelegen. Ein Aufkleber der Amerika-Linie der Hapag und einer New Yorker Spedition lieferte einen weiteren Hinweis.

Die Polizei fand heraus, dass ein „Wilhelm Meyer, 30 Jahre alt, aus New Orleans, und Sophie Meyer, 23 Jahre alt, aus New Orleans“ zwei Plätze zweiter Klasse, Kabine 108, auf dem Dampfer „Graf Waldersee“ belegt hatten, der am 29. April in Hamburg ausgelaufen war. Der deutsche Generalkonsul in den USA wurde eingeschaltet, und das Paar wurde verhaftet.

Wegen Mordes vor Gericht: Wilhelm Meyer.

Raub und Mord zur Last gelegt

Im Prozess wurden Meyer Raub und Mord zur Last gelegt. Hunderte versuchten vergeblich, Einlass in den Gerichtssaal zu bekommen. Den Vorsitz hatte Landgerichtsdirektor Barkhausen. Meyer stand Rechtsanwalt Dr. Hohm aus Köln zur Seite.

Meyers Vater, ein pensionierter Lokomotivführer, lebte dort und hatte ihm den Juristen besorgt. „Der Angeklagte Meyer macht einen sympathischen, netten Eindruck. Sein blondes Haar ist sehr sorgfältig gescheitelt und er blickt ziemlich unbefangen im Saale umher“, schrieb die Berliner Börsen-Zeitung.

50 Zeugen zum Prozess am Kasseler Landgericht geladen

50 Zeugen waren geladen, Polizisten, der Spediteur, Nachbarn aus Wildungen – auch seine Verlobte, sie verweigerte aber die Aussage. Da Meyer US-amerikanischer Staatsbürger war, kam auch der amerikanische Generalkonsul.

Medizinalrat Prof. Tuscher von der „Landesirrenanstalt“ in Marburg konstatierte eine nervöse Verfassung von Frau Vogel nach allem, was er gehört habe, sah aber keine Disposition zur Selbsttötung. Die Merkwürdigkeiten seien wohl im „Amerikanismus“ der Frau Vogel begründet.

Angeklagter beteuerte seine Unschuld

Meyer beteuerte seine Unschuld. „Ich dachte, da ich das Geld nicht fand, würde sich der Verdacht auf mich lenken,“ antwortete er auf die Frage, warum er nicht die Polizei gerufen hatte. Wenn er die Tat ausgeführt hätte, wäre er nicht so dumm gewesen, sich selbst als Absender auf dem Frachtbrief anzugeben. Er habe alles von Amerika aus aufklären wollen.

Am 11. Dezember 1906 wurden die Plädoyers gehalten. Staatsanwalt von Dittfurth kam zu dem Schluss, dass Meyer Frau Vogel zwar vorsätzlich getötet habe, es liege aber kein Beweis dafür vor, dass er die Tötung mit Überlegung ausgeführt habe. „Wer vorsätzlich einen Menschen tötet, wird, wenn er die Tötung mit Überlegung ausgeführt hat, wegen Mordes mit dem Tode bestraft“, lautete der entsprechende Paragraf im Strafgesetzbuch, der bis in die NS-Zeit galt. Der Staatsanwalt beantragte deshalb eine Verurteilung wegen Raubes.

Zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt

Dr. Hohm, Meyers Anwalt, ließ kein gutes Haar an Frau Vogel. „Die Zeugen haben uns ja hier bekundet: Sie war ein Drachen. Ein goldenes Kalb haben sie sie genannt, drei Männer hat diese Frau gehabt und dabei immer noch in anderer Weise ihrer Sinneslust zu frönen gewusst. Es ist durchaus glaubhaft, daß die Vogel befürchtete, der Angeklagte werde sie verlassen, wenn er die Christiani heirate. Aus Gram und Kummer hat sie sich dann das Leben genommen.“ Meyer sagte: „Ich habe weder die Vogel ermordet noch beraubt.“

Die Geschworenen hielten ihn nicht des Mordes für schuldig. Der Richter verkündete das Strafmaß: 15 Jahre Zuchthaus, Tragen der Kosten sowie Zulässigkeit der Stellung unter Polizeiaufsicht wegen schweren Raubes.

„Meyer nahm das Urteil sehr niedergeschlagen auf; vorher hatte er, am ganzen Körper zitternd, nicht um eine milde, sondern um eine gerechte Strafe gebeten.“ Vor dem Gericht hatte sich eine Menschenmenge gesammelt, „die das Urteil mit lebhaften Verwünschungen gegen den Angeklagten aufnahm“. Er legte Revision ein; sie wurde 1907 vom Reichsgericht in Leipzig verworfen. Über sein weiteres Leben ist nichts bekannt. (Harald W. Marpe)

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