Sprachpaten aus Bad Wildungen unterstützen sieben Flüchtlinge beim Erwerb des Hauptschulabschlusses

Lernen für eine bessere Zukunft

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Peter Früke gibt für Wildunger Flüchtlinge Mathematik-Unterricht.Foto: Andreas Lewen

Bad Wildungen - Peter Früke begrüßt seine Schüler zur Mathe-Stunde im Martin Luther-Haus. Er ist im Ruhestand und nutzt seine Zeit, um Aslybewerbern kostenlosen Unterricht zu geben.

Nach einer auflockernden Plauderei beginnt er mit einem Rückblick auf die letzte Stunde: Multiplikation von normalen Zahlen stand auf dem Lehrplan. „Heute geht´s einen Schritt weiter“, kündigt er an, „denn Multiplikation mit Kommazahlen ist die nächste Stufe.“ Die Schüler schlagen ihre Hefte auf und schreiben die Stellenwerttabelle von der Tafel ab. „So. Jetzt machen wir wie immer vorab einen kleinen Test“, sagt Peter Früke, während er Arbeitsblätter austeilt. Was in vielen deutschen Klassenzimmern Unruhe auslöst, beeindruckt die sieben Flüchtlinge nicht. Sie arbeiten ruhig und konzentriert an den Aufgaben, kommen nur ab und zu nach vorne, um sich von ihrem Lehrer helfen zu lassen.

Sind die Aufgaben besprochen, holt Peter Früke nacheinander jeden seiner Schüler an die Tafel und rechnet Übungsaufgaben mit ihnen durch. Aufgaben, die zum Teil Abiturienten ins Schwitzen bringen können, lösen sie allein an der Tafel oder mit Peter Früke und der Unterstützung der übrigen. Zum Schluss gibt es Hausaufgaben, „dieses mal etwas mehr, ihr habt ja genug Zeit über das Wochenende“, sagt der Lehrer unnachgiebig trotz des guten Wetters.

Das ganze Projekt wurde von einer Gruppe Sprachpaten ins Leben gerufen, nachdem ein Flüchtling Ende vorigen Jahres den Impuls dazu gab. „Das Anliegen stieß bei der noch kleinen Gruppe von Sprachpaten auf Zustimmung und wir haben uns sofort darum gekümmert“, erzählt Ute Claßen von der evangelischen Gemeinschaft Bad Wildungen. Der Hauptschulabschluss ist in Deutschland unabdingbar für den Einstieg in eine Berufsausbildung.

Spenden und eigene Beiträge finanzieren die Lehrmittel

Das kostengünstig beschaffte Lehrmaterial finanziert sich aus Spenden und Eigenanteilen der Schüler. „Regelmäßig kommen Arbeitsblätter und Lehrbücher aus Darmstadt, die wir dienstags und donnerstags mit den Schülern durchgehen“, ergänzt Claßen.

Alle sieben Teilnehmer befinden sich im laufenden Asylverfahren, jedoch deutet laut Claßen alles darauf hin, dass dieses zu ihren Gunsten entschieden wird. „Asylsuchende warten teilweise zwei bis drei Jahre auf die Bearbeitung ihres Antrages. Diese Zeit wollen wir sinnvoll nutzen“, erzählt Marlene Koch, ebenfalls freiwillige Sprachpatin und Lehrerin der Flüchtlinge. „Sogar wenn einige aus der Gruppe abgeschoben werden, wird ihnen das hier Gelernte sicherlich nicht schaden. Allein das ist für uns Motivation genug“, ergänzt sie.

Die sieben wissensdurstigen Flüchtlinge weisen so gute Deutschkentnisse auf, dass ein relativ reibungsloser Unterricht möglich ist. Einige von ihnen sind in Afrika zur Schule gegangen, zwei haben sogar das Abitur gemacht. „Allerdings wurden ihnen, um sie an der Flucht zu hindern, keine Zeugnisse ausgestellt“, berichtet Marlene Koch. Dennoch habe niemand ihnen das vorhandene Wissen nehmen können und die meisten von ihnen müssten deshalb nicht bei null anfangen. Außerdem seien sie keine pubertierenden Jugendlichen mehr, sondern Männer im Alter von 20 bis 26 Jahren, was die Unterrichtsstunden zusätzlich entspanne, berichtet Armin Heiden, ehemaliger Lehrer am Gustav Stresemann-Gymnasium und ebenfalls Sprachpate: „Normalerweise habe ich am GSG Mathe unterrichtet, aber hier bin ich für das Fach Erdkunde zuständig. So lerne ich nicht nur pädagogisch, sondern auch inhaltlich eine Menge dazu“, offenbart er.

Hintergrund

Seit 2011 organisiert das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau- und Reaktorsicherheit (BMUB) den Wettbewerb für Integrationsprojekte „Menschen und Erfolge“. In der nächsten Zeit wolle man das Hauptschulabschluss-Projekt aus Bad Wildungen dort vorstellen, verspricht der Lehrer und Sprachpate Heiden, um eventuell Zuschüsse für ein Projekt zu erhalten, das auf freiwilligem Engagement von Sprachpaten aus der Badestadt basiert. Sollte kein Preis für das Projekt dabei herausspringen, würden allein durch die Teilnahme an dem bundesweiten Wettbewerb vielleicht andere Gemeinden darauf aufmerksam und ließen sich inspirieren. Allein das sei Gewinn genug.

Von Andreas Lewen

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