500 Gäste in der Bad Wildunger Wandelhalle

Walter Sittler: Mit Erich Kästner brachte er die Zuhörer zum Weinen

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Trug Texte von Erich Kästner vor: Schauspieler Walter Sittler in der Bad Wildunger Wandelhalle.

Bad Wildungen. TV-Zuschauer lieben Walter Sittler vor allem als ZDF-Kommissar Robert Anders. Beim Literarischen Frühling glänzte der Schauspieler als Erich-Kästner-Experte.

Vielleicht hat Walter Sittler doch unrecht. Seit Jahren tourt der Schauspieler mit Prosatexten und Gedichten des Schriftstellers Erich Kästner erfolgreich durch die Lande – wie am Mittwoch beim Literarischen Frühling in Bad Wildungen. Der 65-Jährige ist ein Kästner-Experte. Trotzdem liegt er womöglich falsch, wenn er in Interviews sagt, Kästner sei kein Moralist: „Er gibt nie vor, wie man leben soll, er sagt nur, wie das Leben ist.“

Den meisten Applaus von den 500 Zuhörern in der vollen Wandelhalle im Kurpark bekam Sittler für Kästner-Sätze, die eben genau davon handeln, wie man leben soll. Etwa: „Nur wer erwachsen wird und Kind bleibt, ist ein Mensch.“ Oder: „Nehmt auf diejenigen Rücksicht, die auf euch Rücksicht nehmen.“ Oder auch: „Seid nicht zu fleißig.“

Egal ob Kästner ein Moralist war, der andere überzeugen wollte, oder ein „radikaler Humanist“, für den ihn Sittler hält – „Das Kleinmaleins des Seins – Ein Abend mit Erich Kästner“ zeigte eindrucksvoll, wie zeitlos aktuell das Werk des gebürtigen Dresdners (1899 bis 1974) ist.

Mit dem in Schweden geborenen Pianisten Lars Jönsson bewegte sich Sittler, den vor allem Frauen für seinen TV-Kommissar Robert Anders lieben, eineinhalb intensive Stunden lang durch die 20er-, 30er- und 40er-Jahre des vorigen Jahrhunderts. „Immer wenn von der Vergangenheit gesprochen wird, ist auch von der Zukunft die Rede“, heißt es bei Kästner.

Sittler trug dessen Briefe an „mein liebes Muttchen“ vor, in denen der junge Journalist erzählt, wie laut und inspirierend seine neue Heimat Berlin ist. Es geht um seinen Aufstieg zu einem der wichtigsten deutschen Autoren, um Erinnerungen, denn die „sind der einzige Besitz, den uns niemand stehlen kann“, und um die Nazis.

Es stockt einem der Atem, wenn Sittler Kästner von der Bücherverbrennung erzählen lässt. Erst warfen die Nazis seine Werke ins Feuer, dann wird er ausgebombt. Manche Zuhörer weinen, oft muss man aber lachen über diesen Humor, den Sittler angenehm unprätentiös auf die Bühne bringt. Er hat mit Sicherheit recht, wenn er über Kästner sagt: „Er weiß um den Schmerz des Lebens und will, dass trotzdem heiter gelebt wird.“

Karten beim Literarischen Frühling gibt es noch für die Veranstaltungen mit Lilian Loke (Freitag, 17 Uhr, Schloss Friedrichstein), Monika Maron (Samstag, 19 Uhr, Frankenberg) und Tanja Kinkel (Sonntag, 14 Uhr, Schloss Waldeck).

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