Zeugin äußert sich ausschlaggebend

Fahrlässige Tötung: Urteil gegen Lkw-Fahrer steht fest

Der Ense-Parkplatz an der B253, der Wildunger Umgehungsstraße.
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Das verbotene Abbiegemanöver eines Lastzuges kostete im Herbst 2019 einen Motorradfahrer an dieser Stelle das Leben.

Wegen fahrlässiger Tötung eines Motorradfahrers auf einer Wildunger Umgehungsstraße ist ein 29-jähriger nun vom Amtsgericht Fritzlar verurteilt worden.

  • Das Amtsgericht Fritzlar hat einen Lkw-Fahrer wegen fahrlässiger Tötung eines Motorradfahrers bei Bad Wildungen im Herbst 2019 verurteilt
  • Der Lastwagen bog unvermittelt und verbotenerweise über eine doppelt durchgezogene Linie und drei Fahrspuren hinweg nach links ab.
  • Der von hinten heranfahrende Motorradfahrer prallte auf den Anhänger des Lastzuges und starb am Unfallort.
  • Strafmildernd wertete das Gericht eine um etwa 20 Stundenkilometer überhöhte Geschwindigkeit des Motorrades.

Bad Wildungen/Fritzlar – Nach Überzeugung von Richterin Corinna Eichler bog der Angeklagte auf der B253 unvermittelt und verbotenerweise mit seinem Lkw-Gespann über drei Spuren hinweg nach links ab. Der von hinten nahende Wildunger Motorradfahrer prallte auf den Anhänger. Das Urteil ist rechtskräftig, weil Anklage, Nebenklage und Verteidigung auf Einsprüche verzichteten.

Fahrlässige Tötung wird mit Gefängnis bis zu fünf Jahren oder einer Geldstrafe geahndet, hatte die Staatsanwältin in ihrem Plädoyer erläutert. Doch sie beantragte weder Haft noch den Entzug des Führerscheins, sondern Geldstrafe. In einem „Augenblicksversagen“ habe der bisher unbescholtene, junge Mann seine Sorgfaltspflicht verletzt und unter tragischen Umständen den Tod des Motorradfahrers am Morgen des 18. Oktober 2019 entscheidend mitverschuldet.

Tempo des Motorradfahrers strafmildernd

Wie das Gericht verwies die Anklagevertreterin strafmildernd auf die Mitverantwortung des tödlich verunglückten Wildungers. Der Biker fuhr laut Unfallgutachten auf feuchter, schmieriger Straße 120 Stundenkilometer. Nicht auszuschließen seien 130. Beim maximal erlaubten Tempo von 100 km/h hätte das Krad rechnerisch rechtzeitig bremsen können, sagte der Sachverständige aus. „Vorausgesetzt, der Motorradfahrer hätte in dem Schrecken fehlerfrei reagiert“, betonte Richterin Eichler.

Tatsächlich blieben an dem Morgen laut Berechnung nur 1,8 Sekunden fürs Bremsen und Ausweichen. Der 49-jährige Wildunger versuchte alles und hatte trotz des ABS an seiner modernen Maschine keine Chance.

Lkw-Fahrer kreuzte Überholspur und Gegenfahrbahn trotz doppelt durchgezogener Linie

Der Lastzug war aus Richtung Fritzlar zunächst auf die rechte der zwei bergauf führenden Spuren gewechselt. In Höhe der Einfahrt zum Ense-Parkplatz an der Bundesstraße 253 bog er plötzlich nach links ab und kreuzte dabei mit einer Geschwindigkeit um die 30 Stundenkilometer sowohl Überholspur als auch Gegenfahrbahn – trotz doppelt durchgezogener Linie, die das untersagt.

Automatikgetriebe des Lastwagens soll gestreikt haben

Der Angeklagte stritt all das vor Gericht ab. Der Vorwurf der fahrlässigen Tötung mit Führerscheinentzug als möglicher Konsequenz bedrohe die berufliche Existenzgrundlage seines Mandanten, bemerkte der Verteidiger im Verlauf der Verhandlung – als er noch nicht ahnte, dass die Staatsanwältin die Fahrererlaubnis gar nicht im Visier hatte. Sein Klient gab an, versehentlich nur leicht nach links gezogen zu haben, weil er mit dem stotternden Automatikgetriebe seines 20-Meter-Lastzuges zu kämpfen hatte.

Dagegen betrachtete der Sachverständige die Auswertung des Fahrtenschreibers, die Spuren auf der Straße, am Anhänger, am Motorrad und am Helm des Bikers als Beleg für ein illegales Abbiegemanöver.

Aussage einer Zeugin gibt Ausschlag für Verurteilung

Den Ausschlag für das Urteil gab laut Richterin Eichler allerdings die Aussage der einzigen Zeugin, die das Geschehen in der Sekunde des Aufpralls beobachtete – ohne sich in jenem Moment der Tragweite ihrer Eindrücke bewusst zu sein. Sie kam mit ihrem Auto dem Lastwagen entgegen, als dieser abbog. Die Frau bremste scharf ab, um einen Zusammenstoß zu vermeiden.

Im selben Augenblick bemerkte sie Teile, die seitlich am Lkw-Anhänger vorbeiflogen, der sich noch auf der linken Gegenseite befand: „Ich dachte, er verliert Ladung.“ Weil der Lastwagen ihre Aufmerksamkeit beanspruchte, entdeckte die Frau den gestürzten Motorradfahrer am linken Straßenrand nicht und fuhr weiter. Erst später, als die Polizei einen Zeugenaufruf im Radio startete, verstand sie.

Weshalb der Lastwagenfahrer das Manöver vollführte? „Warum hätte ich das tun sollen? Meine Pause hatte ich schon gemacht“, versuchte der 29-Jährige seine Version des Geschehens zu untermauern: Erst in Folge des Unfalls sei er im Schock auf den Parkplatz gefahren. Die Frage nach dem Grund seines Augenblickversagens blieb so ohne Antwort. Es tue im Leid, er habe das nicht gewollt, sagte der Angeklagte und sprach der Familie des getöteten Motorradfahrers sein Beileid aus. (Matthias Schuldt)

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