Gellershäuser Organistin Gerda Tönges wird mit Festgottesdienst geehrt

Mehr Gottesdienste als jeder Pfarrer

Edertal-Gellershausen - „60 Jahre lang praktisch jeden Gottesdienst, das schafft kein Pfarrer“, sagt Pfarrer Jörn Rimbach bewundernd und wie eine lange Reihe von Seelsorgern vor ihm und wie seine Ehefrau Pfarrerin Romy Rimbach schätzt er an Gerda Tönges zwei Eigenschaften ganz besonders: „ihre Zuverlässigkeit und ihr Engagement im Organistendienst.“

Seit sechs Jahrzehnten sitzt die heute 83-Jährige jeden Sonntag in der Gellershäuser Kirche am Instrument. „Abgesehen vom einen oder anderen Krankheitsfall habe ich keinen Gottesdienst versäumt und ich tue diesen Dienst bis heute sehr gerne“, erzählt Gerda Tönges.

Sonntag Festgottesdienst

Das Jubiläum, auf das die ganze Gemeinde stolz ist, wird am kommenden Sonntag gebührend bei einem Festgottesdienst in der Gellershäuser Kirche gefeiert. Ab 17 Uhr spielt Gerda Tönges dann mal nicht selbst, sondern lauscht mit den anderen Besucherinnen und Besuchern der Bezirkskantorin Ulrike Tetzer und dem Posaunenchor Gellershausen, die den musikalischen Rahmen gestalten. Dekan Laucht nimmt am Gottesdienst teil, an den sich ein Empfang für die Jubilarin anschließt.

Ehemann sagte für sie zu

Das hätte sich Gerda Tönges nicht träumen lassen, als ihr Mann 1950 auf Anfrage des damaligen Pastors im Namen seiner Frau zusagte, sie werde den Organistendienst übernehmen. „Richtig ärgerlich war ich, als ich das erfuhr“, erinnert sie sich mit einem Lachen. In Frebershausen, wo es keinen Organisten gab, begann sie zu spielen. Sie wusste bereits, dass sie ab 1952 auch in Gellershausen in diesen Dienst eintreten würde, denn ihre Vorgängerin, eine Lehrer-Ehefrau, hatte angekündigt, gemeinsam mit ihrem Mann nach Kassel zurückziehen zu wollen.

Aus diesen Anfängen entwickelte sich ein Engagement an der Orgel im gesamten Kirchspiel, nicht nur bei Gottesdiensten, sondern auch bei Hochzeiten und Beerdigungen.

Techno auf Beerdigung

Manche Schnurre erlebte die Ehefrau und Mutter dabei, wie vor Jahren den Schreck, als sie zu einer Beerdigung am Keyboard spielen wollte. Junge Leute aus dem Dorf hatten sich das Instrument zuvor ausgeliehen - und vergessen, den von ihnen gewählten Techno-Rhythmus wieder auszuschalten. Das unterlegte Schlagzeuggeräusch wollte nicht zur Trauermusik passen und die Organistin fand den Knopf nicht, an dem sich das Übel abschalten ließ. Ein Gast aus der Gemeinde wusste schließlich Rat und half.

Im Gegensatz zur Kirchenmusikerin versagten die Instrumente auch in anderer Hinsicht manchmal den Dienst. Vor einigen Jahren bei einem Unwetter fiel plötzlich der Strom aus und die Orgel in der Gellershäuser Kirche brachte keinen Ton mehr hervor. So angenehm moderne Technik sein kann. Das wäre früher nicht passiert, als Konfirmanden noch über Blasebalge die Pfeifen mit Luft versorgte. Gerda Tönges erinnert sich noch gut daran.

In ihrer Heimat, Mariahilf bei Zuckmantel im Sudetenland, hat sie als Kind das Klavierspielen gelernt. Die Eltern betrieben ein Hotel in der Nähe der Kirche, in dem Brautpaare nach der Hochzeit oft mit ihren Gästen feierten. Ein Klavier stand im Gastraum, ein weiteres im Saal.

Auf die Flucht konnte die Familie die Instrumente nicht mitnehmen, aber Gerda Tönges hat sie viele Jahrzehnte danach bei einem Besuch in der Heimat wiedergesehen. Sie standen immer noch im Hotel.

Bis heute übt die Organistin ihre Stücke am heimischen Klavier und dann ein weiteres Mal, eine halbe Stunde vor Beginn des Gottesdienstes, an der Kirchenorgel. „Ich sollte damals zur Ausbildung nach Schlüchtern gehen, aber das war doch nicht möglich, wegen meines dreijährigen Sohnes“, erinnert sie sich an die Anfänge ihres Organistendienstes. So brachte ihr der damalige Wildunger Kantor die Grundbegriffe des Orgelspiels im Unterschied zur Klaviermusik bei und sie bestand die folgende Prüfung ohne Probleme.

So lange wie möglich weiter

Die Familie verzichtete manche Stunde zunächst auf die Mutter, wenn diese an Sonn- und Feiertagen in der Kirche spielte. Doch ihr Mann, der vor 24 Jahren starb, hatte dafür Verständnis, nicht nur, weil er seine Frau zum Spielen gebracht hatte. Er selbst engagierte sich schließlich als Chor- und Posaunenchorleiter in der Musik.

Gerda Tönges möchte, so lange es ihr möglich ist, weiter im Dienst der Kirchengemeinde musizieren. Weil die Knie ihr Schwierigkeiten bereiten, kann sie die Bässe mit den Füßen zwar nicht mehr bedienen, aber sie gleicht das durch zusätzliche Fertigkeit mit den Händen aus. Etwas reduziert hat sie ihren Dienst allerdings. Auf Hochzeiten und zu Beerdigungen spielt Gerda Tönges nicht mehr, weil sie das eigene Auto inzwischen abgegeben hat und nicht mehr selbst zu den Anlässen fahren kann. Bei den Gottesdiensten ist das kein Problem. „Wir holen Frau Tönges gerne ab und bringen sie zur Kirche. Gute Organisten sind heute sehr schwer zu finden“, sagt Pfarrer Rimbach.(su)

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