Großteil des Dachwerks der Stadtkirche hat fast 700 Jahre auf dem Buckel

Millionenschwere Reparatur unvermeidlich

Bad Wildungen - Die Wildunger Stadtkirche ist ein außergewöhnliches Gotteshaus - keineswegs nur wegen des berühmten Soest-Altares. Ihr Dach begeistert Denkmalschützer nicht minder, und den Grund dafür hat die evangelische Gemeinde seit zwei Tagen Schwarz auf Weiß in Händen: Der weitaus größte Teil der Balkenkonstruktion ist so alt wie das Gebäude selbst!

Das können nicht viele Kirchen von sich behaupten. „Saftfrische“ Eichenbalken wurden im Chordach 1349 verbaut. Ebenso „saftfrisches Holz“ kam bei den Dacharbeiten am Mittelschiff ab 1363 zum Einsatz. So formuliert es ein Gutachten des Freien Instituts für Bauforschung und Dokumentation (IBD) aus Marburg, das die Gemeinde für eine bauhistorische Untersuchung engagiert hatte. Die Ergebnisse wurden am Mittwoch einer ausgewählten Runde von Wildungerinnen und Wildungern präsentiert, die regelmäßig in der und für die Stadtkirche tätig sind.

Ähnlich konstruiert wie moderne Stahlträgerbauten

Experte Matthias Kornitzsky bediente sich der „Dendrochronologie“ als Methode, um das Alter der Balken zu bestimmen. Je nach Wettereinfluss wachsen Bäume unterschiedlich stark in den warmen Monaten, während sie im Winter ruhen. Die unterschiedlichen Dicken der so entstehenden Jahreszeitenringe in ihrer speziellen Abfolge ermöglichen einen Vergleich mit bekannten Wetter- und Klimadaten aus der Geschichte und damit die Datierung.

Größere Reparatur zur vorletzten Jahrhundertwende

Auf diese Weise hat Kornitzsky auch herausgefunden dass an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert das Dach über dem „Chorpolygon“, dem abgerundeten, östlichen Teil des Chores, erneuert wurde, ebenso wie das Dach über der östlichen Dreiseitkapelle. „Ältere Wildunger erzählen, dass damals diese Teile des Kirchendaches eingestürzt sein sollen“, berichtet Pfarrerin Andrea Hose-Opfer. Wobei das Dach nur von außen wie eine Einheit wirke. „Tatsächlich ist es geteilt“, fügt die Seelsorgerin hinzu. Die Wildunger Stadtkirche hat mehrere Dächer, erläutert das Gutachten: über dem Chor, den Kapellen, dem Mittelschiff, den Seitenschiffen.

Selbst Kyrill konnte dem Dach wenig anhaben

Das fast 700 Jahre alte Gebälk des Mittelschiffes beeindruckt die Fachleute besonders. Obwohl heute wahrscheinlich stärkere Balken gewählt würden, hat sie eine verblüffende Beständigkeit an den Tag gelegt und ähnelt laut Kornitskys Gutachten Stahlträgerkonstruktionen der Moderne. „Selbst Stürme wie Kyrill richeten keine größeren Schäden an“, sagt Andrea Hose-Opfer.

Trotzdem sorgt sich die Kirchengemeinde, denn irgendwann bedürfen die stabilsten, auf klügste Weise entworfenen Bauteile einer Reparatur. Dieser Gedanke gab den Ausschlag, das Gutachten in Auftrag zu geben und er erhielt Nahrung bei einem Rundgang des Kirchenvorstandes mit Architekten der Landeskirche. „Im Dach über dem Karlsdenkmal im Chor war Bewegung festgestellt worden“, berichtet die Pfarrerin.

Vorigen Sommer bauten Statiker und Zimmerer darum eine „Notsicherung“ ein, so dass die Stabilität wieder hergestellt ist. Grund zur Sorge vor einem Schaden oder gar herabfallenden Teilen besteht nicht, aber der Kirchenvorstand hat die Reparatur der Dächer ins Auge gefasst. Eine Mammutaufgabe, denn die Kosten dafür bewegen sich sehr deutlich im siebenstelligen Bereich.

Ohne Landeskirche für die Gemeinde nicht zu schaffen

„Das können wir niemals ohne die Landeskirche schaffen und diese kann nicht mehr als fünf solcher teuren Projekte zur gleichen Zeit bewältigen“, erklärt die Pfarrerin.

Sie hofft, dass innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre eine Aufnahme des Vorhabens ins Kirchenbauprogramm möglich wird.

Am liebsten würde der Kirchenvorstand die Fassade in einem Zug angehen, doch dann würden die Kosten in hohe Millionen-Gefilde klettern.

Ein Grund für den hohen Aufwand liegt darin, dass jede Sanierung mit dem Versuch verknüpft würde, einen möglichst großen Teil des historischen Dachwerks zu erhalten und es Schritt für Schritt in Teilen zu erneuern.

Von Matthias Schuldt

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