Polizei erläutert aktuellen Ermittlungsstand · Rechtspsychologe hält Tat in erster Einschätzung für

Das Motiv liegt weiterhin im Dunklen

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Zu den Spuren, die in der Bahnhofstraße sichergestellt wurden, zählen Teile der mutmaßlichen Tatwaffe.

Bad Wildungen - Mehr als eine Woche ist vergangen seit der lebensbedrohenden Messerattacke auf einen 32-jährigen Wildunger am Kaiserlinden-Kreisel. Die Polizei ermittelt auf Hochtouren, doch das Motiv des Angreifers liegt weiterhin im Dunklen. Der Gesundheitszustand seines Opfers ist nach wie vor kritisch, obwohl Beamte inzwischen mit ihm sprechen konnten.

Viele Anrufe zu dem Anschlag sind bei der Polizei eingegangen. Mit sachdienlichen Angaben zwar, aber „es gibt keinerlei Hinweise auf einen vorausgegangenen Streit, auf eine persönliche Beziehung zwischen dem unbekannten Täter und dem Opfer oder darauf, dass es sich um ein Eigentumsdelikt handeln könnte“, erklärt Pressesprecher Volker König zum aktuellen Kenntnisstand der Kripo.

Außerdem geht die Polizei davon aus, dass es sich bei dem gefundenen Küchenmesser um die Tatwaffe handelt.

Aufgrund von Zeugenaussagen haben die Beamten eine Reihe von Personen ermittelt, die vernommen werden. „Als Zeugen“, wie König hinzufügt. Die Polizei bittet die Öffentlichkeit dessen ungeachtet um jeden Hinweis, der zur Aufklärung der rätselhaften Tat beitragen kann.

Ein Angriff mit einem mitgeführten Messer.

Ohne klassisches Motiv.

Ein einziger Stich in die Brust mit schweren Folgen.

Keine erkennbare persönliche Beziehung zwischen Angreifer und Opfer. Ungewöhnlich.

„Dies und die übrigen Umstände in Kombination sprechen für eine gewisse Tatplanung im Vorfeld“, sagt Professor Dr. Denis Köhler, Rechtspsychologe an der Fachhochschule Düsseldorf.

Wer spontan handelt, sticht eher mehrfach zu

In den meisten Fällen dienen Messer spontan als Waffe - bei Streitigkeiten, Beziehungsdelikten oder Raubüberfällen. In all diesen Situationen „kennen“ sich Opfer und Täter, haben zumindest ein paar Worte gewechselt.

Und: Normalerweise stächen Angreifer bei einer spontanen Tat mehrmals zu und selten so gezielt, wie am Kaiserlinden-Kreisel geschehen.

„Der Täter hatte vielleicht ein persönliches Motiv, eine Gewalt- oder Machtfantasie, die er am Opfer auslebte“, spekuliert Köhler. Schon so etwas versteht ein Psychologe unter „Planverhalten“; der Täter spielt die Tat zuvor im Kopf durch. Der gezielte Stich in die Brust deute auf ein solches gedankliches Ausleben im Vorfeld hin.

„So wie sich der Fall momentan darstellt, vermute ich, dass die Tat nicht spontan war.“

Messer aus Entsetzen über eigene Tat weggeworfen?

Dass der Täter das Messer hinterher augenscheinlich wegwarf, sodass die Polizei es rasch fand, könnte laut Köhler auf Erschrecken und Entsetzen des Unbekannten über das eigene Tun zurückgehen.

Wenn alle genannten klassischen Motive ausscheiden, kämen als mögliche Beweggründe beim Angreifer Machtausübung, sexuelle Befriedigung durch Gewaltausübung oder eine Frustverschiebung auf das Opfer in Frage (der Täter suchte einen Sündenbock).

„In diesen Fällen war das Opfer einfach zur falschen Zeit am falschen Ort“, sagt der Rechtspsychologe.(mb)

Hintergrund

Das Gesetz nennt drei mögliche Merkmale, die einen lebensbedrohlichen Angriff zu einem versuchten Mord machen, erklären Juristen: Wenn der Täter handelt, um eine andere Straftat zu verdecken (einen Zeugen zum Schweigen zu bringen). Oder wenn der Täter aus niederen Beweggründen wie Habgier oder Eifersucht attackiert. Oder wenn er heimtückisch vorgeht. Nach der bisherigen Ermittlungslage lässt sich nicht beurteilen, ob eines der ersten beiden Merkmale zutrifft. Heimtücke kennzeichnet dagegen nach bisherigem Wissen der Kriminalpolizei den Angriff auf den Wildunger Maurer. Dieser ahnte nichts von dem Stich gegen seine Brust.(su)

Auf der Liste der Tatwaffen stehen Messer weit oben. Weil sie leicht zugänglich sind. Zumeist greifen Männer zum Messer. Im Alter zwischen 21 und 39 Jahren ist die Gewaltbereitschaft bei ihnen am höchsten, weshalb in Berichten häufig junge Männer als Messerstecher erscheinen. Allein in den vorigen drei Monaten berichteten Zeitungen, Illustrierte oder Online-Dienste von zehn Messerattacken in Deutschland. Bei den meisten handelte es sich um Beziehungstaten (Eifersuchtsdrama), Überfälle oder eskalierte Gruppenstreitigkeiten. Nur in einem Fall gab es keine Täter-Opfer-Beziehung – in Berlin stach in der Silvesternacht ein Autofahrer auf einen jugendlichen Fußgänger ein, weil dieser zur gleichen Zeit die Straße überqueren wollte, wie der Angreifer sie befuhr. Zwei Gerichtsprozesse im neuen Jahrtausend verhandelten mit Messern begangene, schwere Straftaten im Wildunger Raum. 2001 wurde ein Fritzlarer vom Landgericht Kassel wegen Mordes verurteilt, weil er bei einem spontan beschlossenen Raubüberfall an einer Züschener Straße einen Wildunger mit mehreren Messerstichen getötet hatte. 2005 wurde ein Wildunger zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt, weil er im Zuge schweren Raubes, einer Vergewaltigung und schweren räuberischen Diebstahls ein Messer benutzt hatte, um den Widerstand eines Pärchens in dessen Wohnung zu brechen.(nb)

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