Eine Familie, „ihr“ uralter Baum und das reiche Naturerbe der Badestadt

Naturschatzsuche im Wildunger Stadtwald

Vater Udo Münchow und seine Tochter Karlotta an einer abgestorbenen uralten Eiche.
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Udo Münchow und Tochter Karlotta an der abgestorbenen hohlen Eiche in Reitzenhagen, die mehr als 400 Jahre alt wurde.

Naturschutzgebiete und ein über viele Jahrzehnte nachhaltig genutzter Forst: Diese Kombination hat dem Wildunger Stadtwald eine große Fülle an Naturschätzen eingebracht.

Bad Wildungen – „Eigentlich ist sie gefühlt unser Familienbaum“, sagt Heike Schade. Das gilt noch heute, da die altehrwürdige Eiche ihr Leben seit längerem ausgehaucht hat und hinter dem Reitzenhagener Knusperhäuschen am Boden liegt. „Mit den Kindern sind wir damals in den hohlen Stamm hineingestiegen“, erinnert sich Ehemann Udo Münchow. Witzige, originelle Fotos der Reitzenhagener mit ihren Töchtern Lena und Karlotta existieren von diesen Momenten an einem besonders schönen Ort im Wildunger Stadtwald. Rund 20 Jahre ist das her. Inzwischen sind die beiden Mädchen erwachsen und längst ausgezogen, doch wenn sie ihre Eltern besuchen, führt der Spaziergang ab und zu wieder zu der hohlen Eiche.

Marcus Sarrazin vom Nationalparkamt kennt den Baum sehr gut aus seiner Zeit als Wildunger Revierförster. Die Eiche stand in einem von mehreren Naturschutzgebieten, die der Wildunger Forst mit umfasst.

Die Eiche stand schon, als die schwedische Armee im 30-jährigen Krieg in Bad Wildungen lagerte

„Das Alter solcher Eichen ist schwer zu bestimmen, aber sie muss mindestens 400 Jahre alt geworden sein“, meint er. Dann hätte sie als Jungbaum in der Nachbarschaft des schwedischen Heerlagers gestanden, dem die Altwildunger „Schwedenschanze“ ihren Namen aus der Ära des 30-jährigen Krieges verdankt, der von 1618 bis 1638 nicht enden wollendes Leid über Europa brachte.

Eine solche Spanne zu erreichen, nötigt Respekt ab, erst recht, weil die Eiche auch jetzt, als toter Stamm, vielen spezialisierten Tier- und Pflanzenarten Leben spendet, wie Jahrhunderte ihres Daseins zuvor. Marcus Sarrazin kennt viele von denen, die sich im und um einen alten, hohlen Baum herum wohlfühlen:

Spechte bauen sich Wohnungen. „In alten Bäumen sind es auch die seltenen Arten wie Klein- oder Mittelspecht“, erzählt der Mitarbeiter des Nationalparks Kellerwald-Edersee. Der Baumläufer, eine Vogelart, die ihre auffälligste Fähigkeit im Namen trägt, fand Schutz unter der sich ablösenden Rinde. Hornissen bauten ihre Nester ebenso in die hohle Eiche wie Eulen. An den Wurzeln richtete der größte Käfer Europas, der Hirschkäfer, seine Kinderstube ein.

Spezialisten der letzten Eiszeit fanden in Bad Wildungen Rückzugsgebiete

„Habitatbaum“ nennen die Fachleute einen solchen Naturschatz, von denen der Wildunger Stadtwald sehr viele zu bieten hat. Das verdeutlichte Marcus Sarrazin bei seinem offiziellen Abschied als Revierförster in einem Wildunger Parlamentsausschuss. „In Ihrem Stadtwald finden sich seltene Pflanzenarten, die nicht einmal der Nationalpark zu bieten hat“, erläuterte er. Grund: Spezialisten für karge Untergründe nach der letzten Eiszeit Rückzugsgebieten an Standorten wie den Felshängen von Sonderrain und Helenental.

Der „Steife Lauch“ ist eine solche Art, eine Zwiebelpflanze, die in Deutschland auf der Roten Liste der gefährdeten Arten steht. Die „Astlose Graslilie“ zählt dazu. Selten ist auch der „Ausdauernde Knäuel“, eine Nelkenpflanze wie die „Pfingstnelke“, die vielen aus dem Nationalpark kennen und die mit einem kleinen Bestand im Stadtwald vertreten ist. Insekten wissen die Vielfalt zu schätzen. Besondere Freude bereiten Sarrazin dabei Schmetterlinge wie der „Hau-Hechel-Bläuling“ oder der „Schachbrettfalter“.

Dieses Bild ist rund 20 Jahre alt: Heike Schade und ihre Tochter Karlotta schauen aus der alten, hohlen Eiche heraus.

Wer aufmerksam und etwas vorbereitet durch den Stadtwald streift, entdeckt auf diese Weise große und kleine Naturschätze. Sarrazin verdeutlichte, wie die Kombination aus Naturschutz und nachhaltiger Forstwirtschaft diese Vielfalt über Jahrzehnte und Jahrhunderte schaffen und erhalten half. Der Klimawandel und dessen dramatische Folgen selbst für die Laubbäume stellen die Stadt als Eigentümerin vor die große Herausforderung, dieses Erbe für künftige Generationen zu bewahren und zu entwickeln. Das schwante den Ausschussmitgliedern angesichts des Vortrages, wurde in ihren Reaktionen deutlich. (Matthias Schuldt)

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