1. WLZ
  2. Waldeck
  3. Bad Wildungen

Neues Projekt am Bahnhof gedenkt Verfolgung der Wildunger Juden

Erstellt:

Kommentare

Eine „Stolperschwelle“ wie diese bringt der Künstler Günther Demnig am 1. Februar am Wildunger Bahnhof an.
Eine „Stolperschwelle“ wie diese bringt der Künstler Günther Demnig am 1. Februar am Wildunger Bahnhof an. © Johannes Grötecke/pr

Am 1. Februar wird am Wildunger Bahnhof eine „Stolperschwelle“ angebracht. Sie erinnert an die Deportation der letzten Wildunger Juden 1939.

Bad Wildungen – Die „Stolpersteine“, die an die vertriebenen und ermordeten jüdischen Familien von Bad Wildungen erinnern, gehören seit Jahren zum Stadtbild. Sie halten die Shoah im Gedächtnis: den Holocaust, den das Deutsche Reich unter nationalsozialistischer Herrschaft beging. Das neue Gedenkprojekt am Bahnhof fügt dieser Kultur der Erinnerung in Bad Wildungen ein weiteres Element hinzu. Um 12 Uhr beginnt das etwa zweistündige Programm. Künstler Günther Demnig installiert gegen 13 Uhr auf den Gleisen die „Stolperschwelle“. Sie trägt Namen der letzten 34 Jüdinnen und Juden, die 1939 mit dem Zug von Bad Wildungen nach Kassel deportiert wurden.

Die Gäste des Gedenkprojekts hören jiddische Musik, dargebracht vom Ehepaar Häusler aus Guxhagen. Um die Verfolgung der 34 genannten Menschen nach zu skizzieren, werden Dokumente präsentiert, die aus den „Arolsen Archives“ stammen.

Interviews mit Nachfahren der Wildunger Juden

Nachfahren Wildunger Juden sprechen in Interviews über ihre Sicht auf die Geschehnisse von damals und den Umgang heute damit. Es sind Richard Oppenheimer (USA), Eva Flörsheim (Norwegen) und Daniel Kaufmann (Deutschland), die ins Gespräch gehen mit Mitgliedern der Kasseler Initiative „Offen für Vielfalt, geschlossen gegen Ausgrenzung“.

Jugendliche der Enseschule Bad Wildungen und der Alten Landesschule Korbach spielen eine Theaterszene zum Thema. Grußworte von Regierungspräsident Mark Weinmeister, Kreisausschussmitglied Hannelore Behle und Bürgermeister Ralf Gutheil sind geplant.

Mehr als 100 Stolpersteine erinnern an die jüdischen Familien von Bad Wildungen

Mehr als 100 Stolpersteine liegen in Bad Wildungen. Sie gedenken an einzelne Personen. Die Verlegung der Stolperschwelle erinnert an eine ganze Gruppe und an ein konkretes Verbrechen: die Abschiebung unschuldiger Zivilisten und die Vernichtung ihrer Existenzen in Bad Wildungen.

„Die Deutsche Bahn als Betreiber und Nutzer von Bahnhöfen nimmt ihre Firmengeschichte seit einigen Jahren ernster und steht zu ihrer Verantwortung“, sagt der Lehrer und heimische Historiker Johannes Grötecke.

Gedenkprojekte zur Verfolgung und Ermordung der Juden in weiteren Bahnhöfen der Region

Die Vorgängerin der DB, die Reichsbahn, war in der NS-Zeit Teil des Massenmords an den Juden. Sie transportierte sie von deutschen Bahnhöfen aus in die Vernichtungslager vor allem im besetzten Polen. Mit der Stolperschwelle werde Bad Wildungen Teil einer regionalen Gedenkkultur, denn an die Deportationen erinnern auch Gedenkbänder auf den Bahnhöfen in Marburg und Treysa sowie das Denkmal „Gedächtnis der Gleise“ am Hauptbahnhof Kassel.

Am 15. November 1939 wurden die letzten 34 Bad Wildunger Juden abgeschoben und nach Kassel gebracht. „Ganz im Sinne der Nationalsozialisten war der Ort jetzt ‘judenfrei‘“, schildert Grötecke.

Historische Quellen zur Deportation der Wildunger Juden sind rar

Die historischen Quellen seien rar. Das gelte aus unterschiedlichen Gründen für die Akten des Wildunger Stadtarchivs, der regionalen Landratsämter und des Regierungspräsidiums Kassel. Im Hessischen Hauptstaatsarchiv finden sich laut Grötecke nur kleine Hinweise.

Alte Fahrplananweisungen der Reichsbahn aus der fraglichen Zeit existierten nicht mehr. Daher bleibe unklar, wer die Vertreibung der letzten Juden anordnete und wer die Täter in der Badestadt waren.

Namensliste der letzten deportierten Wildunger Juden ist gesichert

Dass die Vertreibung Realität war, ist jedoch belegbar. So schrieb Selma Hammerschlag nach dem Krieg, Wildungens Bürgermeister Sempf habe den Juden eine kurze Galgenfrist von wenigen Tagen –- die Angaben schwanken zwischen 48 und 72 Stunden – gegeben, bevor man sie abschieben werde.

Die Namensliste der 34 Deportierten sei durch mehrere, voneinander unabhängige Quellen gesichert. Selma Hammerschlag zählte zu den sieben der 34 Verfolgten, die überlebten. (red)

Auch interessant

Kommentare