Ärztlicher Bereitschaftsdienst an Wochenende und Feiertagen vor Reform

Nichts aus Frankfurt überstülpen lassen

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iesenbezirke mit schlechterer Versorgung durch niedergelassene Ärzte an Wochenend- und Feiertagen: Das hätten die Reformpläne der hessischen Ärztefunktionäre zur Folge. Ihre Kollegen vor Ort in Wildungen und Edertal steuern gegen.

Bad Wildungen - Der unerträgliche, schlafraubende Rückenschmerz, der pünktlich Sonntagmorgen einsetzt, der plötzliche Fieberschub am Ostermontag: Ab 1. April (kein Scherz) haben Wochenend- und Feiertags-Patienten in Wildungen und Edertal immer dieselbe Anlaufstelle: die Asklepios-Stadtklinik.

Die niedergelassenen Ärzte der Region und das Krankenhaus haben eine Kooperationsvereinbarung geschlossen. Der Hausarzt, der jeweils Bereitschaftsdienst hat, versieht diesen Dienst nicht mehr in seiner Praxis, sondern in einem Untersuchungszimmer der Stadtklinik. Das Suchen unbekannter Adressen für die Erkrankten fällt flach.

Mehr Technik verfügbar

Dr. Mathias Bauer, seit 30 Jahren Obmann der heimischen Mediziner für den Bereitschaftsdienst, sieht weitere Vorteile: „In der Stadtklinik steht mehr entsprechende Untersuchungstechnik zur Verfügung.“ Wenn der Fall sich bei näherem Hinschauen als ernster herausstellt, bedarf es für die Einweisung nur noch einer Unterschrift und keiner weiteren Anfahrt. Nicht zuletzt kann der Arzt auf ganz kurzem Weg im Gespräch mit Kollegen aus dem Krankenhaus Diagnose und Behandlungsansatz bei Bedarf festigen.

Als Behandlungszeiten für Wochenende und Feiertage ist vormittags, 10 bis 12 Uhr, und nachmittags, 16 bis 18 Uhr, vorgesehen. Der ärztliche Hausbesuch für bettlägerige Patienten bleibt wie gewohnt erhalten. Auch die Korbacher Leitstelle bleibt vor dem Arztbesuch zentrale telefonische Ansprechstelle für die Patienten unter 05631/19222.

Regelung nur vorläufig

Das alles mit der Einschränkung:

Vorerst.

Zunächst.

Und hoffentlich auch für die weitere Zukunft.

Denn die heimischen Ärzte und die Stadtklinik tun sich nicht zufällig ausgerechnet jetzt zusammen. Nein. Vielmehr wollen sie gegenüber der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen mit Sitz im fernen Ballungsraum Frankfurt einen dicken Pflock einschlagen.

Die KV plant landesweit eine umfassende Reform des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes. Würde sie ihre Ideen 1:1 umsetzen, würde sich die ärztliche Versorgung außerhalb der Praxiszeiten für die Patienten der Region deutlich verschlechtern.

Neuental bis Wesetal

Für den gesamten Raum Wildungen/Edertal/Fritzlar/Zwesten/Jesberg/Neuental/Wabern­ schöbe nur noch ein niedergelassener Arzt Dienst, der obendrein nicht in der Wildunger Stadtklinik, sondern im Fritzlarer Heilig-Geist-Hospital Quartier beziehen könnte. Ein Frebershäuser beispielsweise müsste dann eine Fahrtzeit von einer halben Stunde für einen Weg einkalkulieren.

Ähnlich soll die Regelung ausfallen bei den ärztlichen Hausbesuchen außerhalb der Praxiszeiten. Der Diensthabende hätte noch beachtlichere Entfernungen zurückzulegen.

Für beide Situationen - Wochenend-Sprechstunden wie Hausbesuche - stellt sich die Frage: Wie soll das erst funktionieren bei schwierigen Straßenverhältnissen?

Und noch etwas: Statt der Korbacher Leitstelle soll künftig die Leitstelle in Kassel als erste telefonische Anlaufadresse auftreten - für ganz Nordhessen. Wie gut das Personal dort sich beispielsweise im Kellerwalddorf Hüddingen auskennt, lässt sich leicht ausmalen. Wie viele Leute in der neuen Zentrale sitzen müssten, damit Patienten nicht regelmäßig in einer „Bitte-warten-Sie“-Schleife landen; dazu hat sich die KV bislang nicht geäußert.

„Das alles wollen wir nicht und das wollen auch die Kollegen im Fritzlarer Raum nicht. Es muss zwei Standorte und zwei getrennte Bezirke geben“, fordert Mathias Bauer und ebenso sieht das Dr. Dirk Fellermann, Geschäftsführer der Wildunger Asklepios-Kliniken. Beide wollen auch weiter mit der Korbacher Leitstelle zusammenarbeiten. Beide sind überzeugt, dass sich Bad Wildungen als Klinikstandort einen derartigen Rückschritt in der medizinischen Versorgung der Bevölkerung nicht erlauben kann.

KV kann allein entscheiden

Problem: Die Kassenärztliche Vereinigung beschließt alleine die Reform. Die Ärzte vor Ort können ihre Meinung kundtun. Stimmrecht haben sie nicht. Und die Patienten als Beitragszahler werden von der KV nicht gefragt (siehe „Hintergrund“).

Ganz wichtig: Bei lebensbedrohenden Notfällen - also für die Rufnummer 112 - bleibt alles beim Alten. Dafür sind die Kassenärztlichen Vereinigungen nicht zuständig.

Hintergrund

„Kommunalpolitiker sollten einsehen, dass der rund um die Uhr direkt um die Ecke verfügbare Doktor ein Wunsch ist, der ... nicht mehr bedient werden kann.“ Ein Satz aus der offiziellen Begründung der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen für die angestrebte Reform. Auf dem Land droht ein Mangel an Hausärzten und nicht allein zu geringe Gewinne aus den Praxen sind laut KV Ursache dafür.

Oft drücken zu viele Dienste an Wochenenden und Feiertagen die Attraktivität dieses Mediziner-Daseins. Grund: Die Ärztlichen Bereitschaftsdienste sind nach Bezirken eingeteilt. Manchen, etwa in Waldeck und Sachsenhausen, gehören nur ein halbes Dutzend Hausärzte an; in krassen Fällen sind es gar nur zwei. Leicht lässt sich ausrechnen, wie oft der Einzelne mit Diensten an der Reihe ist.

Die KV will deshalb Bezirke zusammenlegen, sodass immer mindestens 50 Ärzte in einem Pool versammelt sind. Nur so lasse sich die Attraktivität des Hausarztberufes auf dem Land für junge Ärzte steigern – und vor allem für junge Ärztinnen. Zu 70 Prozent treten heute Frauen die Nachfolge in solchen Praxen an und sie legen Wert auf ihr Familienleben, zu dem das Wochenende gehört. Dieser Analyse der KV stimmt Dr. Mathias Bauer als Obmann für die Bereitschaftsdienste in Bad Wildungen und Edertal durchaus zu.

Doch die KV-Pläne, Bad Wildungen/Edertal gleich mit dem Großraum Fritzlar zusammenzulegen, gehen den niedergelassenen Medizinern zu weit. Ein Gebiet mit mehr als 100 Ärzten und langen Wegen für Diensthabende und Patienten entstünde. „Bad Wildungen/Edertal hier und Fritzlarer Raum dort sind groß genug. Wir haben 47 Kolleginnen und Kollegen“, betont Bauer.

Selbst wenn die Zahl der Hausärzte in den kommenden Jahren abnimmt: Mehr als zwei bis drei Wochenend- und Feiertagsdienste pro Jahr fielen für den Einzelnen im Schnitt nicht an. „Das ist zumutbar und wird ja auch bezahlt“, meint der Wildunger Obmann. Er hält auch nichts davon, hessenweit nur noch zwei Leitstellen damit zu beauftragen, die Telefonanfragen von Patienten an Wochenenden und Feiertagen zu filtern: Eine sitzt nach Plänen der KV in Frankfurt, die zweite in Kassel, zuständig für den Großraum Nordhessen.

Zu anonym, zu geringe Ortskenntnisse im Detail sieht Bauer als zwei gravierende Nachteile: „Die Zusammenarbeit mit der Leitstelle in Korbach hat sich sehr bewährt. Das sollte so bleiben.“ Die KV Hessen dagegen möchte durch die Reduzierung auf zwei Leitstellen Geld sparen. Sie zeigte sich auf WLZ-FZ-Nachfrage überrascht von der Initiative der Wildunger und Edertaler Ärzte. Sie habe durch Zufall von der Kooperation mit der Stadtklinik erfahren. „Wir haben die KV stets auf dem Laufenden gehalten“, hält Mathias Bauer dagegen. Gemeinsam mit Asklepios-Chef Dr. Dirk Fellermann setzt er darauf, dass die KV am Ende die Wildunger Lösung akzeptiert. Die Ärzte sind darauf angewiesen, denn das Honorar für die Dienste fließt über die KV. Sie hat „enge Abstimmung“ mit den Akteuren vor Ort versprochen. Die warten darauf.(su)

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