Am zweiten Verhandlungstag schockieren Einzelheiten über die Vorgeschichte des Messerangriffs

Niemand entschärfte die wandelnde Gefahr

Bad Wildungen - Das kann nicht sein! Wie kann das sein? Zu der lebensbedrohlichen Messer-Attacke von Rene K.* auf sein argloses Opfer am 13. Januar in Wildungen hätte es nicht kommen müssen. Diese grausame Erkenntnis vermittelte der zweite Verhandlungstag im Sicherungsverfahren gegen den 25-Jährigen.

Die Psychiaterin und Gutachterin Dr. Beate Eusterschulte berichtete von den Ergebnissen der Untersuchung des Attentäters. Sie ist stellvertretende Ärztliche Direktorin der Vitos Klinik für forensische Psychiatrie in Haina (Kloster) und Gießen.

Sie befürwortet ohne Wenn und Aber die zwangsweise Unterbringung des jungen Wildungers in einem geschlossenen psychiatrischen Krankenhaus (Paragraph 63, Strafgesetzbuch). Eine „extrem hohe Rückfallgefahr“ stellt sie als Prognose, würde man ihn auf freien Fuß setzen. Wissenschaftliche Testverfahren zog die Ärztin für ihre Einschätzung heran.

Extrem hohe Werte bei Rückfall-Tests

39 von 40 möglichen Punkten ergab der Test, was etwaige neue Gewaltausbrüche angeht. Auf 20 von 22 möglichen Punkten kam der Untersuchte in der Frage, wie wahrscheinlich es ist, dass er wieder Straftaten begeht. „Extrem hohe Werte“, betonte Beate Eusterschulte.

Zugleich bescheinigte sie ihm eine mindestens erheblich verminderte Schuld- und Steuerungsfähigkeit. Wobei die Gutachterin nicht ausschloss, dass er sogar schuld- und steuerungsunfähig ist und zum Zeitpunkt des Messerangriffs war.

Als Ursache dafür diagnostizierten die Ärzte in Haina eine paranoide Schizophrenie, die sich etwa ausdrückt in wahnhaftem Erleben (der pädophile Vater, den er gar nicht kennt, fasst ihn an) und dem Hören nicht vorhandener Stimmen. Unter Medikamenten lassen diese Symptome nach, doch das ändert nichts an der Bewertung der Rückfallgefahr.

Denn die Erkrankung paart sich bei dem 25-Jährigen mit Alkoholmissbrauch, Abhängigkeit von sonstigen Drogen aller Art, hoher Aggressivität und Gewaltausbrüchen aus geringem Anlass, mit „fehlendem Lernen aus Erfahrung“ (heißt: Haftstrafen führen zu keinerlei Besserung) und einem gestörten Sozialverhalten. Er lügt und täuscht, hält sich nicht an Absprachen, lässt sich nur sehr schwer in Behandlungsrahmen integrieren, macht Andere(s) als sich selbst für seine Taten verantwortlich, empfindet Reue und Mitgefühl für seine Opfer höchstens oberflächlich.

Er hätte an diesem Tag auch ohne Kokain zugestochen

All diese Verhaltensweisen und Eigenschaften stellen jedoch keine Erkrankungen im Sinne des Strafrechts dar, fügte Beate Eusterschulte hinzu. All diese Diagnosen würden den 25-Jährigen also nicht davor bewahren, wegen Mordversuchs in ein gewöhnliches Gefängnis gesperrt zu werden.

Allein die paranoide Schizophrenie begründe eine verminderte oder komplett fehlende Schuld- und Steuerungsfähigkeit. „Hätte er den Messerangriff auch begangen, wenn er am Tag der Tat kein Kokain konsumiert hätte?“, erkundigte sich Vorsitzender Richter Mütze. Die Gutachterin bejahte.

Doch etwas anderes an ihren Ausführungen erschreckt. In der gesamten Biografie des Kindes, Jugendlichen und jungen Mannes zeichnet sich eine steigende Gewaltbereitschaft ab. In den Konsum von Drogen und Alkohol stieg er mit zehn Jahren ein. Als Jugendlicher startete er zur Finanzierung seiner Sucht eine Karriere als Dieb, regelmäßig begleitet von Verurteilungen wegen Körperverletzung. Gefängnisaufenthalte und rasch scheiternde Therapieversuche in Suchtkliniken und ähnlichen Einrichtungen reihten sich aneinander. Er nahm an Methadonprogrammen teil, verbrauchte die Arznei als Beigabe zum täglichen Drogenkonsum, wenn er nicht hinter Gittern saß. Auch im Gefängnis fielen Drogentests positiv aus.

Während einer Haftstrafe 2012 brach er einem schlafenden Mitgefangenen durch Faustschläge Jochbein und Oberkiefer. Ein Psychiater registrierte in diesem Zeitraum eine beginnende Schizophrenie. Methadon verursache depressive Stimmungen beim Delinquenten.

Das Amtsgericht Kassel verhängte wegen des neuerlichen Gewaltausbruchs im Gefängnis eine viermonatige Freiheitsstrafe - und setzte sie zur Bewährung aus, weil der Angeklagte versicherte, nun wirklich sein Leben zu ändern, eine Drogentherapie zu beginnen und durchzuhalten. Es endete wie so oft zuvor.

Wenige Wochen vor der Tat aus der Klinik geflogen

Nach vier Wochen warf ihn die Klinik hinaus, weil er gegen die Regeln verstoßen hatte: eine „disziplinarische Maßnahme“, von der die Justizbehörden nichts erfuhren (siehe „Hintergrund“). Das geschah im November 2013. Rene K. stieg in Freiheit voll wieder ein: Drogen, Diebstähle. Mitte Januar 2014 rammte der Mann dem ihm völlig fremden Radfahrer auf der Nebenstraße der Bahnhofstraße das Messer in die Brust. Im April 2014 hob das Amtsgericht Kassel die Bewährung über die viermonatige Haftstrafe auf...

Am heutigen Donnerstag wird das Verfahren mit den Plädoyers fortgesetzt. Woh im Anschluss verkündet das Gericht sein Urteil.

*Name geändert

Weitere Hintergründe und einen Kommentar lesen Sie in der gedruckten Ausgabe von WLZ und FZ sowie im E-Paper.

Von Matthias Schuldt

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare