Sippel zuversichtlich, dass es zur Einigung mit Edertaler Pflegeheim kommt

Noch kein Archäologie-Projekt gekippt

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Archäologie und Seniorenheim im Spannungsfeld. Dort wo in Giflitz gebaut werden soll, liegen Funde, wie sie aus der Region im Wildunger Stadtmuseum zu sehen sind (Pfeilspitzen, Tonschale, Illustration zu Bandkeramik).

Edertal-Giflitz - „Es wäre das erste Mal, dass wir mit einem Bauherrn keine Lösung fänden“, sagt Bezirksarchäologe Dr. Klaus Sippel von der Denkmalschutzbehörde. Kommende Woche trifft er sich mit den Planern und dem Investor des Edertaler Seniorenheims

Mit ihnen will er das weitere Vorgehen bei der Grabung erörtern, die auf dem künftigen Baugelände Spuren jungsteinzeitlicher Besiedlung sichert: Reste von Keramik und Steinwerkzeugen oder Pfostenspuren als eventuelle Überbleibsel von Häusern.

Das Internationale Bildungs- und Sozialwerk hat nach eigenen Angaben bereits 20?000 Euro an die Grabungsfirma bezahlt, denn in solchen Fällen muss der Bauherr die Kosten tragen.

Erste Funde in den 1970ern

Ein Ausweiten der Grabung mit zusätzlichen Kosten führe zur Aufgabe des Projekts durch den Investor, hatten die Architekten im Edertaler Planungsausschuss angekündigt. Dem Interesse der Gemeinde Edertal an einem Seniorenheim und dem Geschäftsinteresse des Bauherrn und Betreibers steht der Auftrag des Denkmalschutzes gegenüber. Ist erst für Jahrzehnte ein Gebäudekomplex auf diesem Flecken Erde errichtet, kommt die Wissenschaft an die alten Siedlungsspuren nicht mehr heran.

Die ersten Naturzerstörer

Deshalb verhindert die Auflage der Behörde zunächst das Erteilen einer Baugenehmigung. Klaus Sippel ordnet die Bedeutung des Giflitzer Fundortes ein: „In den 1970er-Jahren bei der Errichtung des Neubaugebietes um das Giflitzer Rathaus herum wurden Hinterlassenschaften der ‚Bandkeramiker‘ gefunden.“ So bezeichnet die Wissenschaft die Pionierkultur, die vor 7500 bis 6000 Jahren als erste in großem Stil durch Landwirtschaft die Natur umgestaltete und in nennenswertem Umfang gar zerstörte. Sie brachte die charakteristische und namengebende Töpferei. Noch wichtiger: Die Menschen dieser Jungsteinzeitkultur fertigten Werkzeuge unter Einsatz neuer Techniken: Bohren und Schleifen.

Scharfe Äxte ermöglichten ihnen das Roden großer Flächen, um diese in Ackerland umzuwandeln. „Zwei Meter dicke Schwarzerde gab es damals in der Region, den fruchtbarsten Boden“, erklärt Sippel. Anders, als es Romantiker sich vorstellen, lebten die Menschen dabei keinesfalls nur nachhaltig und im Einklang mit der Natur. Sie beuteten die Böden aus. Wind und Regen trugen und schwemmten die fruchtbare Erde durch Erosion fort.

Die Arbeit der Archäologen gewinnt dadurch sehr aktuelle Bezüge. Wie reagierte die Bevölkerung damals auf die von ihr selbst angerichtete Umweltzerstörung? Wie passte sie sich an und veränderte ihr Leben? Spannend sind weitere Aspekte: Die Bandkeramiker waren Einwanderer aus dem Dunstkreis der ersten Hochkulturen der Menschheitsgeschichte, ob Ägypten oder Vorderasien.

Und sie verwendeten nicht nur Rohstoffe, die sie vor der eigenen Tür fanden. Steinhandel europaweit „Für die Keramik gab es genug Tonvorkommen in der Region“, erläuterte Sippel, „doch Feuersteine für die Werkzeuge etwa mussten von weit her besorgt werden.“ Das heutige Belgien war eine bekannte Herkunftsregion für solches Rohmaterial. Je nachdem, welche Sorten von Steinen sich finden, können die Forscher auf weitläufige Handelsbeziehungen in der Jungsteinzeit Rückschlüsse ziehen.

Aus der späten Zeit Die Besonderheit des Giflitzer Fundortes liegt aus Sicht Sippels darin, dass er Spuren aus der späten Zeit der Bandkeramikkultur bietet. Wenn die Funde gesichert und die Fundsituation dokumentiert ist, können Wissenschaftler in späteren Jahren Erkenntnisse darüber gewinnen, wie und weshalb die Kultur schließlich ihr Ende fand und/oder in die nächste überging.

Eine spannende Geschichte, für die sich vielleicht auch mancher künftige Bewohner des Edertaler Pflegeheims interessiert. Damit es so weit kommen kann, müssen sich Investoren, Planer und Denkmalschutz kommende Woche einigen.

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