Gutachter im Berufungsprozess: 48-jähriger Wildunger nicht pädophil

Noch knapp Bewährung erhalten

Bad Wildungen/Kassel - 12-jährige Mädchen in der Heloponte-Umkleide unter der Trennwand hindurch fotografiert. Weit mehr als 1000 kinderpornografische Bilder auf dem eigenen Rechner. Seine damalige Freundin aus Eifersucht mit einer täuschend echt wirkenden Pistolenattrappe bedroht und mehrfach gewürgt. Dazu ohne Führerschein Auto gefahren - das alles in wenigen Wochen und kurz nach der Entlassung aus einer vierjährigen Haft.

Mehrfach stand ein 48-jähriger Wildunger wegen dieser Verbrechen aus 2009 v vor Gericht. Auch ein Urteil - zwei Jahre Gefängnis - fiel in Fritzlar bereits. Gestern endete der Berufungsprozess vor der zehnten Strafkammer des Landgerichts.

Der Angeklagte hatte alles eingeräumt. Der psychiatrische Gutachter Dr. Stoltmann hält den Wildunger weder für pädophil noch für eingeschränkt in seiner Einsichtsfähigkeit. Kinderpornografische Neigungen zeige der Angeklagte als Ausweichverhalten, wenn er in keiner Beziehung lebe oder die aktuelle zu Ende zu gehen drohe.

Allerdings diagnostizierte der Sachverständige bei dem 48-Jährigen eine „kombinierte Persönlichkeitsstörung“, tief verwurzelt und ohne Wenn und Aber behandlungsbedürftig. Sie schränkt die Schuldfähigkeit ein, hebt sie aber nicht auf.

Kennzeichen der Störung sind unter anderem die aggressive Reaktion auf jegliche Art von Kritik, die der Angeklagte stets persönlich nimmt. Emotional instabil schwanke er zwischen dem Wunsch nach Selbstbestätigung durch Andere - speziell in der Beziehung zu Frauen - und dem Anspruch, alles unter Kontrolle zu behalten. Gewalt, gerade nach Alkoholgenuss und Reue im Wechsel sind Symptome.

Unbehandelt würde der Angeklagte Taten wie 2009 und in 18 Fällen zuvor höchstwahrscheinlich wieder auftreten, betonte der Gutachter. Die Gespräche des 48-Jährigen mit einem Wildunger Arzt und die Tatsache, dass der Angeklagte seit 2009 nicht mehr straffällig geworden sei, wertete der Psychiater so: „Persönlichkeitsstörungen kann man unter bestimmten Bedingungen kontrollieren.“ Zu so einer Anpassungsleistung sei der Wildunger in der Lage. Die eher allgemeinen Gespräche mit dem Arzt bezeichnet der Psychiater nicht als Therapie.

Der Sachverständige riet, dem Angeklagten eine bestimmte Therapieform aufzuerlegen, die ein verändertes Verhalten antrainiert. Zwei bis fünf Jahre könne das dauern und sei auch ambulant möglich, „wenngleich es ambulant mehr Möglichkeiten gibt, sich der Therapie zu entziehen.“ Was sie beinhaltet, machte der Gutachter deutlich: „Ein Trümmerbruch ist ein Klacks dagegen. Die Therapie bedeutet Schwerstarbeit.“

Schwerstarbeit, die der Angeklagte am besten in einer geschlossenen Einrichtung verrichte, verlangte der Staatsanwalt im Plädoyer: zwei Jahre Haft ohne Bewährung und Einweisung in die Psychiatrie.

Der Verteidiger hielt dagegen: Seit drei Jahren sei sein Mandant nicht mehr auffällig geworden und habe für Anfang 2013 nach vier Jahren Arbeitslosigkeit eine Stelle in Aussicht. Zwei Jahre Haft und Therapie seien das rechte Strafmaß, aber es solle zur Bewährung ausgesetzt werden; die Behandlung könne ambulant erfolgen.

„Ich bin vollständig bereit dazu“, sagte der Wildunger.

Die Strafkammer verhängte ein Jahr und acht Monate Haft bei Einweisung in eine Psychatrie-Einrichtung, allerdings für vier Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Der Wildunger muss sich der ambulanten Therapie unterziehen und durchhalten - sonst muss er stationär seine Strafe antreten.

„Eine knappe Entscheidung“, mahnte Vorsitzender Richter Dreyer. Dagegen sprach das Vorstrafenregister, dafür die laut Justizbehörden seit 2009 andauernde Ruhephase und die Tatsache, dass der Angeklagte ärztlichen Rat eingeholt hat. Künftig muss es allerdings laut Gutachter und Gericht ein qualifizierterer sein als bislang.(su)

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