Frischquak

Der Preis des Ruhms

Bad Wildungen - Irgendwoher kenne ich Sie – waren Sie nicht neulich im Fernsehen? Ja, bei so ’nem Fußballspiel, als Zuschauerin groß im Bild?“

Ein wildfremder Sitznachbar sprach meinen Hausengel diese Woche bei einem beruflichen Seminar auf diese Weise an und sie kommt völlig fertig nach Hause. Schluchzend wirft sie sich in meine Arme und trommelt mit den Fäusten gegen meine Hühnerbrust, dass es schmerzt. „Hört das denn nie auf, dieses Leiden, diese Schmach? Nach vier Wochen muss das doch vorbei sein!“, stößt sie mit tränenerstickter Stimme hervor, während ich sie stütze und zur Couch geleite. An der hauseigenen Trauma-Therapie führt kein Weg vorbei. „Wie soll ich mich auf die WM freuen, wenn dauernd einer diese Wunde aufreißt?“, klagt mein bedauernswerter Engel inzwischen leise, ohne ein Fünkchen Zuversicht.

Das Los eines Fans von Arminia Bielefeld. Als ihr Verein die Relegation zu Hause gegen Darmstadt 98 vergeigte, war sie live dabei. Samt unserem Erstgeborenen. Im Stadion. Auf der Alm.

Und im Fernsehen, denn ausgerechnet in der Pause zur Verlängerung, fing die Kamera meinen Hausengel groß im Bild ein inklusive ihres Gesichtsausdrucks reiner Verzweiflung, in Vorahnung des dramatischen Endes.

Spießrutenfahren am nächsten Tag im Auto zurück ins Edertal. Trauermärsche bei Radio Bielefeld, doch Radio Paderborn feierte den Aufstieg in die Erste Liga und hr1 bejubelte den Darmstädter Sieg. Noch schlimmer die nächsten Tage daheim: „Na, Frau Nachbarin, da sahst du aber nicht glücklich aus im Fernsehen“, rief es vom Balkon oberhalb. „Na, die Tränen schon getrocknet? Warst ja groß im Bild“, fragte der Nächste an der Arbeit. „Wird schon wieder, ich habe nicht geglaubt, dass die Arminia das versemmelt, aber du bist ja wenigstens jetzt berühmt“, musste sie sich vom Dritten anhören.

Jeder Satz ein Stich ins schwarz-weiß-blaue Herz. Sie selbst hat die großen Siege der Arminia live miterlebt, damals zu Bundesliga-Zeiten, schon als Dreikäsehoch, an Papas Seite. Dieser infizierte auch unseren Erstgeborenen, nahm den Dreijährigen mit auf die Alm und als der kurz vor Anstoß pullern musste, dachte Opa nur: Nee, der Weg zum Klo ist zu weit, wir könnten was verpassen. Also ließ er den Enkel vom oberen Ende der Stehtribüne hinunter in die Tiefe strullen. Seitdem ist auch unser Erstgeborener emotional gekettet an diesen Club. Er hat den Relegations-Tiefschlag verwunden, anders als mein Hausengel. Darum hole ich ihn zur Therapie-Sitzung vorm WM-Start dazu: „Muttern, das wird! Der Ball ist rund und die nächsten 90 WM-Minuten zählen.“ Und dann erzählt Sohnemann von der Gratis-BILD-Sonderausgabe zur WM: Er hat ihn entdeckt auf einem Foto von Hunderten italienischer Tifosi im Stadion: einen einzelnen Arminen-Anhänger im Schwarz-Weiß-Blau-Trikot, hineinmontiert in die Azzurri-Fans. Moderner Voodoo-Zauber. Dieses Mal gewinnen Jogis Jungs gegen Italien, sicher, meint

Euer Ederlurch

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