Szenen wie aus einem schlechten Film

Prozess um Hammerattacke in Bad Wildungen: Hausbewohner "starr vor Panik und Schreck"

Bad Wildungen/Kassel. „Bin ich hier angeklagt oder was?“ Der 29-jährige Zeuge rückt nervös an seiner falsch herum aufgesetzten Baseballkappe. Gericht, Staatsanwaltschaft und Verteidigung hinterfragen nachdrücklich seine Aussagen. Denn er war der Auslöser für die dramatischen, brachialen Szenen wie aus einem schlechten Thriller, die sich am Abend des 30. September in einem Wildunger Mehrfamilienhaus abspielten.

Der Mann hatte sich im Mai 50 Euro geliehen von dem 25 Jahre alten Angeklagten, den er nur flüchtig kennen will. Mit dem er nur hie und da mal ein Bier an der Theke des inzwischen geschlossenen „Harlekino“ in der Altstadt getrunken habe. „Und jemand, der Sie kaum kennt, leiht Ihnen 50 Euro?“, fragt Vorsitzender Richter Mütze von der sechsten Strafkammer des Landgerichts. „Ja...“, antwortet der Zeuge und lacht verlegen.

Ging es dabei um Drogen?

Richter Mütze hakt nach, ob es vielleicht um Drogen gegangen sei. Von der Polizei dokumentierter Whats-App-Verkehr zwischen den beiden Männern nährt den Verdacht. Eine Mitbewohnerin aus dem Haus wird später im Zeugenstand sagen, auch sie gehe davon aus, dass die 50 Euro mit Drogen zusammen hingen.

„Nein, er hat sie mir geliehen und gesagt, ich kann ihm das Geld zurückgeben, wenn ich es habe“, gibt der 29-Jährige zu Protokoll.

Am Abend des 30. September schickte ihm der Angeklagte eine Whats-App-Nachricht, er brauche das Geld zurück. Doch der 29-Jährige hielt ihn hin. Alkoholisiert, zusätzlich berauscht durch Amphetamin und Cannabis, drehte der 25 Jahre alte Wildunger durch. Mit Beil und Hammer stand er nach einem Fußmarsch durch die Stadt er wutentbrannt vor der Wohnungstür seines Schuldners. Er zerschlug den Glaseinsatz der Tür und stürmte auf den deutlich kleineren 29-Jährigen ein.

„Hatten Sie Geld im Haus?“, fragt das Gericht den Zeugen. „Ja“, antwortet dieser. Warum zahlte er nicht einfach? „Wenn ich Geld im Haus habe, heißt das nicht, dass ich Geld habe.“ Diese Hartleibigkeit löste die Gewaltorgie des Angeklagten aus.

Während der Zeuge keine erheblicheren Blessuren davon trug, verletzte der Angeklagte durch harte Hammerschläge gegen Kopf und Körper eine Nachbarin schwer, die zu Hilfe eilen wollte.

Ein anderer Bewohner aus der Etage darüber „stand starr vor Panik und Schreck“, wie der 50-Jährige dem Gericht berichtet. „Ich bring´ dich um“ hörte er jemanden schreien. Er habe der Nachbarin noch abgeraten, durch die zerstörte Tür in die Wohnung zu gehen, aus der Kampfgeräusche drangen. Er rief „Die Polizei kommt gleich“ und zog sich unter Schock zurück.

So bekam er die Flucht des Angeklagten nicht mit, als es dem 29 Jahre alten Schuldner und der schwer verletzten Nachbarin gelang, sich im Wohnzimmer vor weiteren Attacken zu verbarrikadieren. Eine 23 Jahre alte Mitbewohnerin aus dem Erdgeschoss hatte da längst per Smartphone die Polizei alarmiert und nach dem Auflegen die Kamera eingeschaltet.

Tat auf Handy dokumentiert

Die Aufzeichnung liefert bei Gericht zwar keine Bilder vom Geschehen, aber Töne: die bedrohlichen Schreie des Angeklagten, das Dröhnen von Hammerschlägen gegen eine Tür, das Splittern von Glas. Durch den Türspion ihrer Wohnung beobachtete die junge Zeugin die Flucht das Täters. Dann eilte sie nach oben und versorgte die schwer verletzte Nachbarin.

Vielleicht fünf Minuten dauerte der Albtraum, schätzen die Zeugen. Wäre der Angeklagte eine halbe Stunde früher aufgetaucht, hätte ein Kind all das miterlebt. Der kleine Sohn des 29-jährigen Wohnungsmieters befand sich da noch bei seinem Vater.

Rubriklistenbild: © Oliver Berg/dpa

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