Erwartetes Urteil im Fall des Wildunger Messerstechers

Psychiatrie angeordnet

Bad Wildungen/Kassel - Im wesentlichen Punkt waren sich Donnerstag alle einig: Staatsanwältin Bring, Verteidiger Schenk, Nebenklagevertreter Jedamski und die Sechste Strafkammer des Landgerichts unter Vorsitz von Richter Mütze.

Der 25-jährige Rene K.*, der am 13. Januar auf der Wildunger Bahnhofstraße willkürlich einen Radfahrer auswählte und ihm lebensbedrohend ein Messer in die Brust rammte, muss in die geschlossene Psychiatrie. Alle drei Anwälte forderten die Unterbringung in ihren Plädoyers und das Gericht folgte ihrem Ansinnen in seinem Urteil.

Das Gutachten der psychiatrischen Sachverständigen Dr. Beate Eusterschulte zur extrem hohen Rückfallgefahr bei dem Beschuldigten hatte keine andere Entscheidung zugelassen.

Allgemeinheit vor schwer psychisch Krankem schützen

„Der Angeklagte kann nicht bestraft werden, weil er schwer psychisch krank ist. Seine paranoide Schizophrenie ist Ursache für die Tat. Er wollte jemanden töten, um die Stimmen in seinem Kopf zum Schweigen zu bringen“, erläuterte Mütze die Überzeugung der Sechsten Strafkammer. Die Allgemeinheit müsse vor Rene K. geschützt werden. „Es hätte jeden treffen können“, fügte er hinzu: die Zeugin, die den Angeklagten einige Zeit vor der Tat beobachtete, wie er mit dem Messer spielte und sie fixierte oder den Zeugen, der mit seinem Auto dem rennenden Attentäter ausweichen musste, als dieser die Bahnhofstraße hinunter auf den Mann zuraste, der zu seinem Opfer wurde. Der heute 33-jährige Maurer, der mit seinem Rad damals auf dem Heimweg von der Arbeit war, hatte ein unglaubliches Pech, als er zur Zielscheibe des im Wortsinn Wahnsinnigen wurde, denn im Wahn, die Stimmen in seinem Kopf zum Schweigen zu bringen, handelte Rene K..

Andererseits „ist mein Mandant ein echtes Glückkind, dass er diesen Anschlag überlebt hat: die Zeugin, die sofort aus ihrem Wagen stieg und half, der Rettungswagen, der eine so kurze Anfahrt hatte, der Notarzt, der so entschlossen und richtig handelte und den lebensgefährlich Verletzten nach Kassel begleitete, so dass der Informationsfluss reibungslos gegeben war“, unterstrich Rechtsanwalt Jedamski. Die meisten Menschen mit solchen Verletzungen überleben nicht. Vier Millimeter weiter rechts hätte der Stich ins Herz ihm keine Chance mehr gelassen, hatten die behandelnden Ärzte während des Prozesses erläutert.

Unterschiedlich werteten die Juristen die Tat aus rein rechtlicher Sicht. Staatsanwältin Bring ging von einem Mordversuch aus, „weil Rene K. nach eigenen Worten jemanden abstechen, also töten wollte.“ Heimtücke als Mordmerkmal sei gegeben, weil das Opfer völlig arglos war.

Dem widersprach Verteidiger Schenk, weil seinem Mandanten infolge seiner psychischen Erkrankung das „Ausnutzungsbewusstsein“ gefehlt habe, also die Absicht, die Arglosigkeit eines Anderen bewusst für die Tat auszunutzen. Nach Ansicht von Schenk habe sein Mandant den Radfahrer zwar verletzen, aber nicht töten wollen. Die Tat stelle eine gefährliche Körperverletzung dar (wegen Verwendung eines Messers).

Das Gericht ordnete sich in der Mitte ein: Tötungsvorsatz ja, Mordversuch nein, weil das Ausnutzungsbewusstsein fehlte. Die Sechste Strafkammer wertete die Tat juristisch deshalb als versuchten Totschlag.

Jährliche Überprüfung

„Für das Urteil haben diese Einzelheiten allerdings keine Bedeutung“, erklärte der Vorsitzende Richter. Auch nicht darauf, wie lange Rene K. in der geschlossenen Psychiatrie bleiben muss.

Trotz Medikamenten gegen seine paranoide Schizophrenie hatte ihm die Gutachterin eine nur „schrittchenweise Besserung“ attestiert. Alljährlich wird überprüft, ob die Unterbringung des 25-Jährigen weiterhin nötig ist. Über sein künftiges Schicksal entscheiden psychiatrische Gutachten - und über das Schicksal möglicher weiterer Opfer, sollte er einmal frei gelassen und doch wieder rückfällig werden.

*Name geändert

Von Matthias Schuldt

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