Gusto Weinrich war im Staatsbauamt Objektleiter des Bauprojekts „Neues Kurhaus“

„Schaltpulte wie im Tower des Flughafens Frankfurt“

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Gustl Weinrich an der Rückseite der Wandelhalle: Sie ist modulartig aufgebaut und einzelne Module können deshalb auch abgerissen werden, sagt er.

Bad Wildunen - „Ich habe hier viel Herzblut investiert, besonders im letzten halben Jahr vor der Eröffnung.“

Gustl Weinrich, Architekt und Diplom-Ingenieur im Ruhestand, kennt das Wildunger „Neue Kurhaus“ wie kein Zweiter. In Diensten des Hessischen Staatsbauamtes kam ihm die Rolle des Objektleiters zu. Die Entscheidung über jede Marmorplatte des Fußbodens, jeden Schalter der Bühnentechnik oder jedes Bleiglas-Element in Türen und Fenstern lief damals über seinen Schreibtisch. Der befand sich vis à vis, neben dem „Fürstenhof“.

Wildungen sollte auf eine Stufe gestellt werden mit Orten wie Bad Kissingen

Sechs Monate vor dem geplanten großen Tag standen ihm einmal mehr die Schweißperlen auf der Stirn aus Respekt vor der Mammut-Aufgabe. Er erinnert sich gut an den Besitzer des beauftragten Malerunternehmens, der ihn beruhigte: „So kurz vor dem Termin konnte ich mir nicht vorstellen, dass sie pünktlich fertig werden, aber der Chef sagte mir, im Zweifel lasse er noch ein paar Leute anrücken“, schildert Weinrich. Wenige Wochen vor Ultimo hielten seine Zweifel an und im Hintergrund drängelte der Minister. Doch die Sorge war unbegründet. Alle Handwerker hielten Wort und die Zeitabsprachen ein.

Einer der letzten großen Prestigebauten der Hessischen Staatsbäder öffnete pünktlich seine Türen. Ein Rundgang um den Gebäudekomplex mit Gustl Weinrich heute kommt einer Reise gleich in die jüngere Wildunger Zeitgeschichte, die geprägt war von Aufbruchstimmung.

1974 trat der damals 36-jährige Architekt seinen Dienst im Staatsbauamt Bad Wildungen an. Er bezog sein Büro in der damaligen Kurverwaltung, unterhalb des „Fürstenhofes“. Die Klinik für moderne Ansprüche umzubauen, wurde zu seiner ersten Aufgabe bis 1976. Einzelzimmer waren ein Muss, doch sie drückten auf die Wirtschaftlichkeit. Die alte Kurverwaltung wich einem Hallenbad für die Klinik. Weinrich plante die neue Kurverwaltung oberhalb des „Fürstenhofes“, so wie er Schloss Friedrichstein unter seine Fittiche bekam oder die Straßenmeisterei oder die Wildunger Polizeistation.

Der „Fürstenhof“ war von entscheidender Bedeutung für das Großprojekt, das Anfang der 1980er-Jahre auf ihn zukam: Planung und Bau eines neuen Kurhauses. Es ging nicht einfach um neue Räume für Veranstaltungen. „Das Haus sollte etwas ausstrahlen, etwas bieten für Auge und Ohr. Bad Wildungen sollte sich auf eine Stufe stellen mit Kurorten wie Bad Kissingen“, sagt Gustl Weinrich.

Rasch war klar, dass dieses Gebäude architektonisch an den Jugendstil des „Fürstenhofes“ anknüpfen sollte. Die höchsten Qualitäten in der Ausstattung und der Einbau modernster Technik in allen Details waren eine Selbstverständlichkeit. Gustl Weinrich hatte darauf zu achten, dass das „Neue Kurhaus“ diese Ansprüche erfüllt. Kein Wunder, dass der Minister höchstpersönlich die Eröffnung nicht abwarten konnte.

Bau kostete alles inklusive 31,5 Millionen D-Mark

Alles inklusive wie Geschirr und Stühle nahm das Land Hessen umgerechnet 31,5 Millionen D-Mark für das neue Aushängeschild in die Hand.

Trotz allen Glanzes und allen Prunks, trotz Marmorflächen und Bleiverglasungen, trotz eines vergoldeten Brunnens und eines künstlichen Sternenhimmels im großen Saal meint Gustl Weinrich: „Die volle Wertigkeit sieht man dem Gebäude äußerlich nicht an.“

Er macht das am Beispiel der beiden Säle und der Bühne fest. Oben, hinter den Zuschauerreihen des großen Saals, hinter einer verdunkelten Scheibe, wurde der Steuerungsraum für die Bühnentechnik installiert. „Schaltpulte wie im Tower des Frankfurter Flughafens“, meint Gustl Weinrich. Der Orchestergraben, die fahrbaren Kulissen, die Schweinwerferbatterien; nach all dem hätte sich jedes Staatstheater die Finger geleckt, ist der Leiter des Kurhaus-Projektes überzeugt. Theaterbauer konstruierten die Bühne und die Künstlergarderoben.

„Wir haben eine Akustik geschaffen wie im Leipziger Gewandhaus“, unterstreicht er: ein Ergebnis aufwendiger Planungen und Untersuchungen.

Die vom Staatsbauamt vorgegebenen Werte wurden durch Messungen genauestens kontrolliert.

Die Stühle, die heute in den Kellern des Kurhauses lagern und von denen etwa 50 in anderen städtischen Räumen stehen, sind unverzichtbarer Bestandteil der Saal-Akustik bei Kulturveranstaltungen, verrät der pensionierte Architekt und Ingenieur: „Sie sind so konstruiert und gepolstert, dass es keine Rolle spielt, ob die Zuschauerreihen voll besetzt sind oder nicht: Die Akustik bleibt die gleiche.“

Wenn kleiner und großer Saal zu einem verschmelzen, verschwinden die trennenden Schiebetüren in „Schattenbahnhöfen“. Bei weiteren Messungen stellte sich damals heraus, dass diese Bahnhöfe als Schwachstellen zu viele Geräusche transportierten.

Die Firma besserte so lange nach, bis die Prüfer an den unbestechlichen Messgeräten zufrieden waren.

Selbst im Parkhaus und in den Wandelgängen kamen die Akustiker zum Einsatz. Sie schnitten aus dem fertigen Deckenputz der Gänge ein Stück heraus und schickten es an ein Spezialinstitut, das diese Proben beschallte. Schluckt der Stuck Geräusche in ausreichender Weise? Die Antwort hieß „Ja“.

Bezüglich des Parkhauses testeten die Experten, ob die Motorengeräusche beim Ein- und Ausfahren bis in die Veranstaltungssäle vordrangen oder Nachbarn wie die Kurkliniken beeinträchtigten. Sie taten es nicht.

„Wissen Sie eigentlich, weshalb die Tore des Parkhauses aus Gittern bestehen?“, will Gustl Weinrich wissen und beantwortet seine eigene Frage: „Wegen der Belüftung.“ Auch auf diesem Feld sei das Kurhaus seiner Zeit weit vorausgeeilt. Unterhalb des Parks an der Rückseite wachsen große, inzwischen von allen Seiten zugewucherte Stahlröhren aus dem Boden. Sie saugen für Park- und Kurhaus Frischluft an. Die verbrauchte Luft gelangt unter anderem über die Parkhauszufahrten nach draußen.

Über die Bögen in den gläsernen Dächern werden die Wandelgänge und Flure mit Frischluft versorgt. Bestandteil der Belüftungsanlage ist eine Wärmerückgewinnung, ebenfalls Ausdruck des bis heute modernen Gesamtkonzepts des neuen Kurhauses, betont Gustl Weinrich. „Hier“, sagt er und tippt auf ein bronzenes Relief rechts neben dem Haupteingang, das einen stilisierten Rollstuhlfahrer zeigt, „als behindertengerecht wurde das Haus auch ausgezeichnet.“

Das Echo der Öffentlichkeit und der Fachkreise nach der Eröffnung des neuen Wildunger Kurhauses fiel überwältigend aus, erinnert sich Gustl Weinrich. „Es wurde in der Presse als schönstes Kurhaus Deutschlands bezeichnet.“

Es heimste Preise ein; Bauexperten und andere Fachleute selbst aus dem Ausland pilgerten in die Badestadt, um sich das Werk aus der Nähe anzusehen. „Über Jahre waren der goldene Brunnen und die Uhr im Wandelgang im Vorspann der Hessenschau zu sehen“, sagt Weinrich.

Er weiß noch bestens, wie der Kurdirektor von Bad Gandersheim bei so einer Gelegenheit neben ihm stand und meinte: „Wenn wir so was in der Stadt hätten, würden wir richtig Geld damit verdienen.“

Weder dem Hessischen Staatsbad noch der Stadt als späterer Eigentümerin gelang dieses Kunststück.

Trotzdem setzte das Kurhaus Impulse. Es gelang dem Staatsbad, das Badehotel an die Maritim-Kette zu verkaufen, die es sanierte und als Ganzjahreshotel etablierte (zuvor schloss es im Winterhalbjahr). Später folgte die Sanierung des leer stehenden „Quellenhofs“ in der Allee und seine Wiedereröffnung als Hotel.

Ein weiterer Beitrag mit Gustl Weinrich zur Vergangenheit des Kurhauses, zu Sonderwünschen des Landes, verworfenen spektakulären Ideen und der kniffligen Frage der Unterhaltung folgt in einer unserer nächsten Ausgaben.

Von Matthias Schuldt

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