1. WLZ
  2. Waldeck
  3. Bad Wildungen

Sechs neue Stolpersteine erinnern in Bad Wildungen an vertriebene und ermordete jüdische Mitbürger

Kommentare

Dieser Stein erinnert an den letzten jüdischen Lehrer von Bad Wildungen
Dieser Stein erinnert an den letzten jüdischen Lehrer von Bad Wildungen © Johannes Grötecke

Bad Wildungen. Die Pogromnacht vom 9.11.1938 war der Tiefpunkt jüdischen Lebens auch in der Badestadt. Im Vorfeld des 80. Jahrestages verlegte der Künstler Gunter Demnig aus Alsfeld neue Steine.

Es war die sechste Verlegung in Wildungen seit 2006.

Alle sechs Steine erinnern an Personen, deren Leben die von den Nazis so genannte Reichskristallnacht radikal veränderte. Ihre Schicksale konnten erst durch intensive Archiv-Recherchen in Deutschland, Frankreich, Israel, Litauen und Polen dokumentiert werden.

Der letzte jüdische Lehrer von Bad Wildungen

Bis vor kurzem unbekannt war der Name des letzten Lehrers der jüdischen Gemeinde: Elias Godlewsky zog mit seiner Frau Lucie sechs Wochen vor der Pogromnacht in die Synagoge am Dürren Hagen. Er stammte aus Hirschaid, seine Frau aus dem schlesischen Lüben. Das Paar hatte drei Kinder. Godlewsky entsprang einer Familie orthodoxer Lehrer, arbeitete in mehreren jüdischen Gemeinden in Bayern (Amberg, Nördlingen, Fürth) und kam über Kattowitz und Berlin nach Kassel, wo er 1924 bis 1936 als Lehrer wirkte.

Am Tag nach dem Pogrom 1938 wurde er mit knapp 20 Wildunger Juden ins KZ Buchenwald deportiert, nach drei Wochen entlassen und floh 1939 nach London. Nach dem Krieg emigrierte er nach New York, wo er 1953 verarmt und chronisch krank mit 73 Jahren starb.

In den Selbstmord getrieben

Zwei Stolpersteine sind Julius und Isaak IV. Katz aus der Lindenstraße 25 gewidmet. Vater Isaak, der aus Mandern stammte, war Kaufmann und wurde „Fett-Katz“ genannt, weil er Öle, Fette, Därme, Häute und Felle vertreib. Er zählte zu den wenigen Juden, die nach der Pogromnacht in der Stadt geblieben waren, im November 1939 aber aus der Stadt gewaltsam vertrieben wurden. Bad Wildungen galt jetzt als „judenfrei“. Immerhin wurde ihm gestattet, zu seiner Tochter Frieda nach Eisenach zu ziehen, wo er nur ein halbes Jahr später starb. Sein Sohn Julius, Jahrgang 1910, war ebenfalls Kaufmann und wurde Ende August 1939 an der Ederbrücke bei Wega tot gefunden. Zeitzeugen berichten übereinstimmend, er sei aufgrund der Verfolgungen so verzweifelt gewesen, dass er sich das Leben genommen habe.

Gestorben in Buchenwald

Aron Stern, geboren 1872 in Langenschwarz bei Fulda, besaß einen Laden- und Reisegeschäft für Manufakturwaren und war „Mäkler mit Landesprodukten im Kleinen, Häutehändler im Kleinen, Baumwollenzeugkrämer und Verkauf von Fleisch im Kleinen“, so seine Gewerbeanmeldung.

Zudem war Stern Schächter der jüdischen Gemeinde in seinem Wohnort Schlitz, später lebte er in Bad Nauheim. Seine Frau Rickchen war bereits 1935 gestorben. Das Paar hatte drei Töchter. 1937 zog er nach Bad Wildungen und wohnte in der Hinterstraße 51. Nach der Pogromnacht wurde er ins KZ Buchenwald deportiert, wo der Diabetiker am 18.11.1938 mit 66 Jahren starb. Dort kam übrigens auch Max Marx aus der Kornstraße 4 ums Leben.

Symbol der Zusammenführung eines ermordeten Ehepaares

Der letzte Stein wurde für Edith Helene Willinger verlegt. Zwar lebte die Dortmunderin nie in Bad Wildungen, aber ihr Mann Guido arbeitete hier als Koch im „Palasthotel“ der Familie Baruch. Für ihn wurde bereits ein Stein verlegt. Daher war es der ausdrückliche Wunsch seines Sohnes Gershon Willinger aus Kanada, mit einem Stein für seine Mutter seine Eltern, die beide 1943 im KZ Sobibor ermordet wurden, symbolisch wieder zusammenzuführen. Dem Wunsch entsprach Gunter Demnig sofort.

Gunter Demnig bei der aktuellen Verlegeaktion: Im kleinen Bild ist der Stein für den letzten jüdischen Lehrer in Bad Wildungen zu sehen.
Gunter Demnig bei der aktuellen Verlegeaktion: Im kleinen Bild ist der Stein für den letzten jüdischen Lehrer in Bad Wildungen zu sehen. © Johannes Grötecke

Von Johannes Grötecke

Auch interessant

Kommentare

Teilen