Neues Behandlungskonzept im Junkerngrund zieht Kulturwissenschaft als eine Grundlage heran

Seele gesundet, wenn Patient sich erdet

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Die Kulturwissenschaft spielt eine wichtige Rolle im Konzept Serafins und seines Teams.

Wildungen - Reinhardshausen - Der Mensch, rücklings liegend auf der Couch, der Therapeut auf einem Stuhl daneben, den Notizblock in der Hand.

In endlos scheinenden Gesprächen taucht der Patient tief ein in sein Innerstes?... So sieht es aus, das Klischee von der Behandlung psychischer Erkrankungen. Dr. Siegfried Serafin bricht mit diesem Bild. Er verschafft Patienten etwa mit Depressionen oder Burn-out-Syndrom neue Erfahrungen im Stall, auf dem Feld, in der Werkstatt. Unter Leitung ihres ärztlichen Direktors verfolgt die Psychosomatik an der Klinik Junkerngrund seit gut einem Jahr ein eigenes, in Deutschland wohl einmaliges Konzept.

Teils obskure Praktiken im Psycho-Boom

Die Psycho-Branche boomt. Kaum eine Reha-Klinik, die nicht auf den Zug aufgesprungen ist, der sie aus der Krise Mitte der 1990er-Jahre herausbrachte. Auswüchse bleiben nicht aus. Die Häuser mischen nicht selten werbewirksame Entspannungstechniken und „teilweise obskur anmutende Wellnesspraktiken“ in den Behandlungscocktail, kritisiert Serafin. Eine Stunde warm duschen täglich gegen die Erschöpfung. Das gibt’s tatsächlich.

Gewöhnlich beschreiten die Kliniken aber drei Hauptwege, um psychisch Kranke zu behandeln: Psychotherapie (Gespräche), Psychopharmaka (Medikamente) und Sport-Bewegungs-Therapie. Jeder für sich genommen erzielt laut Studien dauerhaft nur eine Wirkung knapp über dem Placebo-Effekt, über dem Effekt eines Scheinmedikaments, berichtet Serafin.

Die drei Methoden werden deshalb kombiniert und gehören auch im Junkerngrund zum Programm – aber lediglich begleitend, zur Abrundung. Bloß kein gläserner Patient Denn eines ist allen dreien gemeinsam. Der Mensch kreist um sich selbst und seine Bedürfnisse, beschäftigt sich allein mit der eigenen Seele, kehrt in Gesprächen vor Dritten sein Innerstes nach außen. Doch Serafin will von gläsernen Patienten nichts wissen, sondern „ihrer Psyche einen Schutzraum geben“. Er möchte sie in seinem Gegenentwurf auf ihre „sozio-kulturellen Wurzeln“ zurückführen. Sie erden. Im Wortsinn. Sie arbeiten auf einem Bauernhof und versorgen Haustiere. Nicht irgendwelche, sondern vom Aussterben bedrohte Rassen.

Sie bauen als unter starkem Übergewicht Leidende auf von der Klinik angepachteten Äckern ihre Nahrungsmittel selbst an, ernten sie und bereiten sie gemeinsam zu. Sie befassen sich mit Medien, gestalten eigene Internet-Seiten und geben eine Hauszeitung für die Klinik heraus. Oder sie setzen in der Gruppe ihre Hände ein, um Kunst und Handwerksprodukte hervorzubringen.

Lernen, Sinnvolles für die Gemeinschaft zu tun

Der Mensch sei ein Gemeinschaftswesen, „und wir müssen wieder lernen, etwas Sinnvolles für die Allgemeinheit zu tun“ – statt sich allein selbst zu verwirklichen und zu vereinsamen. Auf dieser Überzeugung Serafins gründen die vier Projekte, die das Zentrum des neuen Behandlungskonzeptes bilden. Nicht von ungefähr. „Einen Großteil meiner Kindheit habe ich auf dem Bauernhof meines Onkels im westfälischen Gütersloh verbracht“, erzählt der 60-Jährige. Er studierte Pädagogik, bevor er in die Medizin wechselte. Facharztausbildungen in Neurologie, Psychiatrie, Psychotherapie und Schmerztherapie zählen zum beruflichen Lebenslauf. Pädagogische Arbeit mit Suchtkranken in den 1970er-Jahren prägte ihn ebenso wie vielfältiges soziales Engagement.

Mit Blick auf seinen neuen Behandlungsansatz legt er auch bei seinen Mitarbeitern „mehr Wert auf ein breites Kompetenzprofil als auf den akademischen Titel.“ Eine Psychologin mit einer Vorgeschichte als Ingenieurin oder ein ausgebildeter Handwerker zählen beispielsweise zum Team. Obwohl die Forschung heute den Einfluss des kulturellen Umfeldes auf die Entwicklung des Gehirns in der Menschheitsgeschichte würdigt, gilt das Team des Junkerngrunds auf Kongressen mit seinem Konzept als Exot. „Wir werden belächelt“, bestätigt Christa Gallmeister-Hoppe, Leiterin des Sozialdienstes im Klinikzentrum Mühlengrund.

Zu den Aufgaben ihres Teams zählt, die Rückkehr der Patienten in ihren Alltag vorzubereiten. Ein Tier nimmt keine Rücksicht auf die Psyche Sie glaubt an den neuen Behandlungsweg, der etwa über die Arbeit an Tieren führt. Als Reiterin und Pferdebesitzerin „weiß ich, wie gut es mir tut, wenn ich nach einem harten Tag zu meinem Tier komme.“ Tiere fordern vom Menschen ein, was sie brauchen, ohne Rücksicht auf dessen aktuelle, psychische Verfassung. Das befreie und stärke.

Voraussetzung für einen dauerhaften Erfolg der Behandlung ist, dass die Patienten den während der Reha neu entdeckten Lebenssinn mitnehmen in den Alltag. Das kann sich im Kauf eines Haustieres ebenso äußern, wie im Anmieten eines Schrebergartens, Aufnehmen eines neuen Hobbys oder in ehrenamtlichem Engagement. „Die ersten Rückmeldungen der Patienten nach einem Jahr stimmen uns zuversichtlich, auf dem richtigen Weg zu sein“, sagt Serafin. Er will den neuen Ansatz wissenschaftlich prüfen lassen und hat deshalb Kontakt aufgenommen zur Uni Kassel. Die WLZ-FZ stellt die derzeit vier zentralen Projekte des Behandlungskonzeptes in einer Artikelreihe in den nächsten Monaten vor.

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