Bad Wildungen

Das Sehnen der fliegenden Fernfahrer

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- Bad Wildungen (su). Die Liebe und die Leidenschaft treiben alles an: die Liebe und die Leidenschaft des Odershäusers Ferdinand Heuskel zum Hobby seines Lebens und die Liebe und die Leidenschaft, in der ein Täuberich zu seiner Taube entbrennt.

„Täuberich“ sagt nur der Laie. Brieftaubenzüchter wie Heuskel bezeichnen das Männchen einfach als „Vogel“. Doch das dürfte so ziemlich das Einzige sein, was an diesem Hobby einfach daherkommt. „Der Brieftaubensport ist eine Wissenschaft für sich“, sagt Heuskel im Brustton der Überzeugung, dem der Singsang des gebürtigen Rheinländers innewohnt. Zu Tieren fühlte er sich immer hingezogen, hatte als Dreikäsehoch schon einen Schäferhund und hielt Hühner. Im Alter von sieben Jahren entdeckte er seine Leidenschaft für die gurrenden, geschickten Flieger, damals, mitten in der Innenstadt von Bonn.

„Meinen ersten Taubenschlag habe ich aus Autotüren und Apfelsinenkisten gebaut“, erinnert er sich. Ziertauben zogen ein; später ersetzte Heuskel sie durch Brieftauben. Seit mehr als 50 Jahren bleibt er ihnen treu. Warum? Ferdinand Heuskel weiß es nicht; Liebe und Leidenschaft brauchen keine Gründe. Vielleicht spielen die alten Menschheitsträume vom Fliegen und von grenzenloser Freiheit eine Rolle, wenn er seinen gefiederten Athleten beim Aufsteigen nachschaut. Er selbst hat seit fünf Jahrzehnten keinen Urlaub mehr gemacht, auch wegen der Tauben, um die er sich täglich kümmert. „Dreimal mache ich jeden Tag sauber.“

Weit sollen sie fliegen und schnell sollen sie sein, am besten als Erste von Tausenden Wettkämpfern ihren Schlag wieder erreichen. Kleine Leistungssportler sind sie, und das setzt ihrer Freiheit unter dem Himmel Grenzen. Ferdinand Heuskel hält es wie einst Sepp Herberger oder Helmut Schön. Frauen haben im Quartier während der WM nichts verloren. Kein Sex vorm Spiel, das hebt die Leistung. Bei Heuskel heißt das „trockene Witwenschaft“. Ohne zu tief in die Geheimnisse und Detailabläufe des Taubensports einzusteigen, sei so viel verraten: Vier Wochen vor dem Wettkampf trainiert der Chef seine Truppe mit Flügen über kleine und mittlere Distanzen. Ihre Tauben bekommen die „Vögel“ während dieser gesamten Zeit nicht zu sehen – was sind dagegen schon die Medizinbälle von Felix Magath?

Erst am Tag vor dem großen Rennen lässt Heuskel die Athleten zu ihren Damen, getrennt durch ein Gitter allerdings. „Sehnsucht schaffen, wie bei einem Fernfahrer“, beschreibt der Rentner das Verfahren. Die Täuberiche „drehen dann durch“, weil sie ganz genau wissen: Am nächsten Tag, nach dem Wettkampf, nach der Heimkehr, dürfen sie von ihren Holden nach einem Monat der Enthaltsamkeit und der Trainingsmühen den Lohn empfangen.

Mehr lesen Sie in der WLZ vom Samstag, 8. Januar.

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