Er griff die junge Mutter eines ihm fremden Jungen an:

Sein Ausrasten wegen streitender Kinder bringt Wildunger Vater Bewährungs-Haftstrafe ein

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Das Amtsgericht Fritzlar verhängte ein Bewährungsstrafe von sechs Monaten.

Bad Wildungen/Fritzlar – Zwei Jungs geraten beim Kinderturnen aneinander; ein Allerweltszank. Doch dessen Fortsetzung brachte den Vater des einen Jungen vors Amtsgericht Fritzlar, wo der 32-jährige Deutsche angeklagt war: wegen Körperverletzung und Sachbeschädigung.

Was sich exakt in der Turnhalle am 25. April 2018 abspielte, bleibt ungeklärt. Der Junge, der mit dem Sohn des Wildungers im Clinch gelegen hatte, erzählte Mama daheim weinend: Der fremde Vater habe ihn auf die Matte geworfen. „Ich wollte ihn zur Rede stellen,“ sagte die Mutter im Zeugenstand über ihren Beweggrund aus, am selben Abend zum Haus des Angeklagten zu fahren.

„Ich habe den anderen Jungen nicht angepackt. Mein Sohn hat ihn auf die Matte geworfen mit dem, was er bei Selbstverteidigung gelernt hat“, hielt der Angeklagte vor Gericht dagegen. Darum sah er sich am Abend des 25. April von der 28-Jährigen an der Haustür falsch beschuldigt und geriet sofort in Rage im Beisein von Ehefrau und Sohn. Die Haustür flog zu, doch damit endete es nicht.

Weiter in Wut riss der Angeklagte die Tür wieder auf und folgte der Frau bis zu deren Auto. „Er stieß mich vor die Brust und hob den Arm gegen mich. Ich fragte: ‘Willst du auf mich draufschlagen?’ Da nahm er kleine Steine und warf sie gegen mein Auto“, sagte die Wildungerin. Ihr Arzt attestierte eine Brustquetschung mit Bluterguss als Folge des Stoßes und eine Rückenprellung nahe der unteren Brustwirbelsäule: weil die Gestoßene laut Anklage gegen den Spiegel ihres Autos prallte.

Der Angeklagte gestand die Sachbeschädigung, schilderte den Rest aber anders: „Ich hab´ sie mit leichten Schubsern vom Grundstück getrieben.“ Richterin Corinna Eichler folgte jedoch der Auffassung der Staatsanwaltschaft und glaubte der Zeugin. Nicht nur wegen des Arzt-Attestes: Die Ehefrau des Angeklagten bekam bis zum Zuknallen der Tür das Geschehen mit und stützte die Angaben der geschädigten Zeugin komplett.

„Dieses Verhalten ist Ihnen nicht persönlichkeitsfremd“, unterstrich die Richterin und verwies auf die Vorstrafen des Angeklagten seit 2002, etwa wegen Körperverletzung, Bedrohung, Beleidigung und des „Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen“, wie es Hitlergruß oder Hakenkreuze darstellen. Die jüngste Tat geschah 2014. Die deshalb ebenfalls von Richterin Eichler verhängte Bewährungsstrafe von vier Monaten stammt aber erst vom Januar 2017. Der Angeklagte stand damit noch unter Bewährung und deshalb drohte ihm nun Haft.

Gleichwohl gab ihm die Staatsanwaltschaft mit ihrem Antrag eine letzte Chance, obschon der Angeklagte sich trotz Aufforderung nicht bei der Geschädigten entschuldigte: sechs Monate Freiheitsstrafe, auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt, und das Zahlen von 400 Euro Entschädigung und Schmerzensgeld an die Zeugin. Das Gericht folgte dem 1:1. Die verteidigende Anwältin hatte vergeblich Freispruch in Sachen Körperverletzung gefordert.

Drei für die letztmalige Milde benannte Gründe: 1. die relativ geringen Verletzungen des Opfers. 2. Der Angeklagte betreut zu Hause seine kleinen Kinder, während die Ehefrau arbeitet. 3. Die letzten beiden Straftaten vor dem Ausraster 2018 lagen vier und neun Jahre zurück: Tendenz zur Besserung. Aber: „Passiert binnen der nächsten drei Jahre noch etwas, gehen Sie für zehn Monate plus X ins Gefängnis“, mahnte die Richterin.

Therapiemöglichkeiten wie ein Anti-Aggressionstraining fehlen

Als der heute 32-jährige Wildunger 2017 verurteilt wurde, ließ Richterin Eichler klären, ob er schuldfähig sei. Die psychiatrische Sachverständige bejahte damals, bezeichnete laut Eichler aber ein Anti-Aggressions-Training für den Mann als nötig. Mangels ambulanter Angebote in Bad Wildungen – weitere Fahrten sind dem dreifachen Familienvater wegen der Betreuung seiner Kinder im Kleinkind- und Grundschulalter nicht möglich – kam das Training nie zustande. Die Staatsanwältin bezeichnete ihn im aktuellen Verfahren „als Pulverfass und hätte darum das Aggressionstraining gerne als Bewährungsauflage mit aufgenommen.“ Auch das Gericht sah das so, doch gemeinsam mit der Anklagevertretung verzichtete es auf die Auflage, weil de facto noch immer kein entsprechendes Angebot in der Kurstadt existiere. Die nächstgelegenen Möglichkeiten fänden sich erst in Frankenberg und Korbach. Das Defizit an psychiatrischen Behandlungsmöglichkeiten verschiedener Art ist häufiger Thema bei Gericht. (su)

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