Kunsthistoriker Dr. Wolfgang Rinke erkennt Selbstbildnis des Malers

Sensationelle Entdeckung in der Pfingstdarstellung des Wildunger Soest-Altars

Überraschung: Hat sich Conrad von Soest in der Pfingstdarstellung selbst verewigt? Der Kunsthistoriker Dr. Wolfgang Rinke bejaht die Frage wohlbegründet. Fotos: Rinke

Bad Wildungen – Ist er’s? Ist das tatsächlich der berühmte Maler Conrad von Soest, der das berühmte Altarbild in der Stadtkirche schuf?

Bekommt der Künstler im Bewusstsein der Besucher nach fast 620 Jahren künftig ein Gesicht? Der Dortmunder Kunsthistoriker Dr. Wolfgang Rinke ist fest vom Ergebnis seiner sechsmonatigen Forschungen überzeugt: Conrad von Soest hat sich in der Darstellung des Pfingstwunders auf dem Altar selbst verewigt.

„Um Maria sind die zwölf Apostel in einem nahezu geschlossenen Kreis versammelt. Sie bleibt vom Geschehen unberührt und schaut sinnend auf ein unbestimmtes Ziel; andere dagegen blicken erwartungsvoll zum Himmel“, beschreibt Rinke.

Drei der Apostel nehmen aber offenbar keine Notiz von der Szenerie. Zwei von ihnen lesen. Der dritte – oben links, halb verdeckt – ist der einzige, der ganz woanders hinschaut: direkt auf den Betrachter vorm Altar.

Der Blick aus dem Bild

„Es ist ein ‘Blick aus dem Bilde’, so lautet der Titel eines Buches von Kunsthistoriker Alfred Neumayer“, unterstreicht Wolfgang Rinke. Demzufolge nehme eine so dargestellte Person die Rolle des Mittlers zwischen Werk und Betrachtern ein.

Ausschnittvergrößerung: Der Apostel am linken oberen Bildrand ist halb verdeckt und schaut den Betrachter an, statt am Pfingstwunder teilzuhaben.

Sie wendet sich direkt an die Betrachter, wird dabei aber an den Rand des Bildes gerückt. Meist verberge sich laut Neumayer dahinter der Künstler selbst, der Aufmerksamkeit auf sich und sein Werk lenke.

„Diese Kriterien machen es sehr wahrscheinlich, dass es das Selbstbildnis des Conrad von Soest ist“, schreibt Rinke, „wofür auch das Alter spräche, das zwischen 30 und 35 Jahren liegen dürfte. Es wäre das einzige und bisher nicht erkannte Bildnis des Malers.“

Und mehr noch: Die beiden lesenden Apostel und ihre Bücher stünden in einem speziellen Zusammenhang zum Selbstbildnis des Conrad von Soest und zu seinem Werk.

Der Altar ist berühmt für die Darstellung der Niet-Brille, die der eine der beiden Lesenden mit den Fingern hält. In diesem Apostel macht Wolfgang Rinke den Priester Conrad Stollen aus,wohl den theologischen Berater.

Er ist als „Pleban“, als Priester, auf der Rückseite des Altars schriftlich genannt. Gemeinsam mit dem Maler Conrad.

Der zweite Conrad

Es sei vielfach bereits spekuliert worden, dass es sich bei dem Mann mit der Brille um den Priester Conrad handele, schreibt Rinke.

Als neue Beweise für diese Vermutung führt er Entzifferungen von Buchstaben an, Sie seien auf den Seiten des Buches zu erkennen, das der Apostel mit der Brille in Händen hält.

Rinke verweist zudem auf die ausdrücklichen Geste, mit welcher der Abgebildete seine Gläser umfasst: „Diese Geste war insofern nicht nötig, weil es bereits im 14. Jahrhundert auch in Nordeuropa Brillen gab, die fest auf der Nasenwurzel saßen.“ Auffallend für Rinke auch die rötlich-braune Färbung der Gläser. „Könnte dies ein Zeichen dafür sein, dass er zur Zeit der Installation des Werkes schon verstorben war?“, fragt der Kunsthistoriker.

Die Abkürzungen der Worte, die er im Buch des Mannes mit der Brille und in der Lektüre des zweiten lesenden Apostels entdeckt hat, ergeben gemeinsam für Rinke einen hintergründigen Sinn. Demnach bat der Priester Conrad für sich selbst und für den Maler zum Einen um einen gnädigen Tod, wenn die Zeit gekommen ist. Zum Anderen richtet er an die nachfolgenden Priester das Anliegen, Fürbitten und Worte im Gedenken an die beiden Conrads zu sprechen. So gewinnt die Pfingstdarstellung auf dem Retabel in der Wildunger Stadtkirche eine spannende und sehr persönlich geprägte Botschaft in Bild und Wort – auf zweiter Ebene hinter der biblischen Pfingstgeschichte.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare