Reinhardshäuser machen ihrem Ärger über geplante Umstellung auf Automaten Luft

„Setzt Sparkasse doch auf Fähnchen?“

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Die Reinhardshäuser machen ihrem Ärger über die geplante Umstellung auf Automaten Luft

Bad Wildungen-Reinhardshausen - „Vorsicht, Bumerang!“ gilt bei pfiffigen Werbekampagnen, wenn aus Kundensicht eine Kluft liegt zwischen Reklamebotschaft und Realität. „Setzt die Sparkasse doch auf Fähnchen statt auf ein dichtes Filialnetz?“

Diese Frage stellte Dr. Johannes Berlitz vom Gemeinde- und Kur- und Verkehrsverein mit Blick auf aktuelle Fernsehspots am Dienstagmorgen bei einer Protestaktion vor der Sparkassenfiliale. Bis Ende der Woche sammelt der Verein Unterschriften gegen den geplanten Abzug des letzten Schalter-Mitarbeiters des Instituts aus der Klinik-Hochburg Reinhardshausen mit einer Million Übernachtungen pro Jahr.

Künftig sollen die Dienstleistungen der Sparkasse nur noch per Automat in Reinhardshausen abrufbar sein. Stichtag ist der 31. August des Jahres. Ende Juni wurden Kundschaft und Stadt Bad Wildungen per Brief unterrichtet.

Ein Unding. Darin sind sich die schon jetzt rund 350 Unterzeichnerinnen und Unterzeichner der Protestliste einig, von denen rund 50, zum Teil mit Rollatoren oder in Rollstühlen, vor der Filiale ihrem Unmut freien Lauf ließen.

Berlitz verlas einen offenen Brief an den Sparkassenvorstand. Im Schreiben wird die Rücknahme der Entscheidung verlangt.

Reinhardshausen sei ein blühender Stadtteil, aber mit einem hohen Altersdurchschnitt und vielen Einwohnern und Gästen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt seien und deshalb nicht eben schnell zur Hauptstelle nach Bad Wildungen gelangen könnten. „Senioren suchen und brauchen den Kontakt von Mensch zu Mensch. Für sie ist oft nicht transparent, was die Maschine mit ihrem Geld macht“, erklärte Berlitz. Rolli-Fahrer könnten den Automaten nicht bedienen, ohne dass jedermann freie Sicht auf das Ziffernfeld und damit die Geheimnummer habe.

Drei große Wohn- und Pflegeheime haben ihren Sitz in Reinhardshausen. Auch ihre Bewohner sähen in der Umstellung auf Technik einen Nachteil, machten Vertreter der Einrichtungen deutlich. Mancher Bewohner habe sich für Reinhardshausen wegen der Infrastruktur entschieden, zu der eine Sparkassenfiliale mit persönlicher Betreuung zähle.

Trotz Gründen der Ökonomie sei die Sparkasse als öffentlich-rechtliches Institut zumindest verpflichtet, „ die Politikgremien vor Ort mit einzubeziehen, bevor eine solche Entscheidung fällt“, verlangte Berlitz.

Erster Stadtrat Bart van der Meer versicherte die verärgerten Senioren der Solidarität der Stadt: „Manchmal kapiere auch ich nicht ganz, was da beim Online-Banking passiert, und wie soll es da zum Beispiel der Generation meiner Eltern gehen?“

Die Demonstrierenden machten deutlich, dass sie zwar Verständnis für Zwänge der Wirtschaftlichkeit hätten, „aber man kann über eingeschränkte Öffnungszeiten reden und muss nicht gleich die persönliche Betreuung abschaffen“, kommentierte eine Kundin.

Bis Ende der Woche liegt die Unterschriftenliste gegen die Umstellung an vielen Orten in Reinhardshausen aus: bei der Kirche, in den Geschäften, Kliniken und Altenheimen. „Freundliche und kompetente Mitarbeiter sind gern persönlich für Sie da“, wirbt die Sparkasse Wal­deck-Frankenberg auf ihrer Internetseite. Die Reinhardshäuser nehmen sie beim Wort.

Wie die Sparkasse den Schritt begründet:

Einen veränderten Bedarf und anderes Nutzungsverhalten der Kunden gibt die Sparkasse in einer Pressemitteilung als Grund für die Umstellung in Reinhardshausen auf reinen Automatenbetrieb an. Raum und Technik erfüllten in der Filiale nur noch bedingt die Ansprüche an Diskretion und Sicherheit.

Die Kunden nutzten deshalb seit Längerem­ verstärkt den Service und die Beratung „der zentral gelegenen­ Sparkassen-Geschäftsstelle in der Wildunger Brunnenstraße“, heißt es. Das Institut verweist auf die Busverbindung in die Kernstadt im 30-Minuten-Takt.

„Gekennzeichnet war die Geschäftsstelle in der Vergangenheit durch eine weit über dem Durchschnitt liegende Nachfrage nach Dienstleistungen im Zahlungsverkehr, besonders im Bargeldbereich.“ Deshalb richte man eine SB-Geschäftsstelle mit Automaten für Ein- und Auszahlung sowie­ Kontoservice ein. „Als öffentlich-rechtliches Kreditinstitut stehen wir im Wettbewerb und müssen nach betriebswirtschaftlichen Grundsätzen handeln“, schreibt die Sparkasse.(r)

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