Verfahren wegen gewerbsmäßigen Betruges gegen Wildunger neu angesetzt, weil das Gericht Pflichtverte

Sich selbst verteidigen - keine so gute Idee

Fritzlar/Bad Wildungen. - Richter Hold und Richterin Salesch hinterlassen Spuren in deutschen Justiz­sälen - weil Leute glauben, vor Gericht gälten tatsächlich Sitten wie bei den erfundenen TV-Prozessen im Doku-Look.

Und so quatschte der Mann einer geladenen Zeugin munter aus der hinteren Zuschauerreihe dazwischen, als Richterin Corinna Eichler mit dem Angeklagten sprach. „Sie dürfen zuschauen, aber nicht mitreden. Anders als im Fernsehen“, beschied sie dem Mann. Auf der Seite des angeklagten 63-jährigen Wildungers fiel ihr Hinweis keinesfalls auf fruchtbaren Boden, wie sich im Lauf der nächsten halben Stunde zeigte. Einen Rechtsanwalt hatte der Geschäftsführer eines in Waldeck-Frankenberg ansässigen Krankentransport-Unternehmens nicht mitgebracht: „Der Anwalt sitzt in Berlin und wollte 3000 Euro für heute haben. Das kann ich mir nicht leisten.“ Also übernahm der Sohn den Job und trat als Beistand des Angeklagten auf.

Er überreichte dem Gericht ein ärztliches Attest, demzufolge der Vater sich - abgesehen von seiner Schwerhörigkeit - wegen Depressionen in ärztlicher Behandlung befinde. Eine Strafe, insbesondere eine Geldstrafe könne er nicht ableisten.

Für Richterin Eichler war die Angelegenheit klar: Der Angeklagte ist nicht dazu in der Lage, sich ohne gelernten Rechtsbeistand zu verteidigen. Das Gericht ordne ihm einen Pflichtverteidiger bei und werde einen medizinischen Sachverständigen einschalten zur Beantwortung der Frage, ob der Angeklagte dem Verfahren folgen könne.

In dasselbe Horn stieß der Staatsanwalt: „Den Antrag auf Pflichtverteidigung hätte ich allein deshalb gestellt, weil es um 25 Fälle gewerbsmäßigen Betruges geht. In jedem Einzelfall käme eine Haftstrafe von sechs Monaten in Frage.“

Das brachte den Sohn des Wildungers auf die Palme, der dem Staatsanwalt ins Wort fiel, dessen Behörde falsche Recherchen vorwarf und meinte, dass von der Anklage am Ende wenig übrig bleiben werde. „Wir können die Verhandlung machen. Wir sind extra angereist“, sagte er der Richterin und bestand darauf, die Sache ohne Anwalt durchzuziehen: „Wenn mein Vater verurteilt wird, gehen wir sowieso in Berufung.“ Geduldig versuchte Corinna Eichler, ihm klarzumachen, dass auch ein Amtsgericht ein ordentliches Verfahren zu gewährleisten hat und in der Fürsorgepflicht für den Angeklagten stehe. Das habe nichts mit finanziellen Möglichkeiten zu tun: „Selbst Uli Hoeneß würde ein Pflichtverteidiger beigeordnet, wenn er sich ohne Anwalt verteidigen wollte.“ Der Angeklagte habe die Möglichkeit, sich einen Pflichtverteidiger auszusuchen. „Wenn Sie das nicht wollen, muss ich das tun“, sagte die Richterin.

Die Reaktion des Angeklagten bewies, wie recht sie tat. „Ich habe die Fahrten ja gemacht...“, hob er an, ging damit auf die gar nicht verlesene Anklage ein und wurde von der Richterin zu seinem eigenen Schutz gestoppt.

„Die Staatsanwaltschaft kann uns doch ein Geschäftsangebot machen“, fiel der Sohn nun ein - als befänden er und sein Vater sich auf einem Basar - um dann der Richterin und dem Staatsanwalt Nachhilfe zu erteilen, was unter gewerbsmäßigem Betrug zu verstehen sei, der seinem Vater fälschlicherweise vorgeworfen werde. „Stopp“, wurde es Corinna Eichler zu bunt: „Wir halten hier kein juristisches Kolloquium.“ Sie schloss die Verhandlung und setzte sie neu an. Mit Rechtsanwalt muss sich der Wildunger dann verantworten, weil er von März 2009 bis August 2010 Krankentransporte gefahren und parallel als Arbeitsunfähiger Krankengeld über 18 000 Euro von der Krankenkasse bezogen haben soll. (su)

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