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„Star Club“ in Wildungen: Schausteller wirft nichts aus der Bahn

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Seit 50 Jahren feste Größe: der „Star Club“ auf dem Wildunger Viehmarkt. Betreiber Patric Schneider und seine Familie ließen und lassen sich von Hindernissen der Zeit nicht unterbuttern.
Seit 50 Jahren feste Größe: der „Star Club“ auf dem Wildunger Viehmarkt. Betreiber Patric Schneider und seine Familie ließen und lassen sich von Hindernissen der Zeit nicht unterbuttern. © Peter Fritschi

Ein Klassiker der heutigen Fahrgeschäfte feierte auf dem Wildunger Viehmarkt in diesem Jahr sein 50-jähriges Jubiläum: der „Star Club“.

Bad Wildungen – Unübersehbar: der Wildunger Kram- und Viehmarkt ist weiter zusammengeschmolzen. Die Corona-Krise etwa hat viele fliegende Händler zur Aufgabe genötigt. Auch die Schaustellerei sah sich durch die Einschränkungen im Zuge der Pandemie vor die Existenzfrage gestellt. Umso bemerkenswerter: Patric und Manuela Schneider reisten als alte Bekannte des Wildunger Volksfestes wieder mit ihrem „Star Club“ an, einer „Berg- und Talbahn“, wie es in der Fachsprache heißt. Seit 50 Jahren ist die Familie damit fester Bestandteil des Programms auf dem Wildunger Viehmarkt.

Die Familie Schneider aus Lippstadt betreibt in siebter Generation das Schaustellergewerbe. Generation acht steht in den Startlöchern und die neunte Generation kam vor kurzem zur Welt. Die Tradition soll sich also auch künftig fortsetzen. Gründervater Paul Schneider hatte 1870 das erste Fahrgeschäft. Es firmierte unter dem Namen „Schneiders Hippodrom“. Damals kamen Pferde zum Einsatz.

Eine Gang reiste der „Raupe“ mit Mofas hinterher

Der „Star Club“ heute ist selbst auch schon wieder ein Stück Geschichte. Die Stars, deren Konterfeis das Karussell schmücken, sind die Größen vergangener Jahre und erinnern auch an das Vorgänger-Fahrgeschäft von Freddy Schneider, Patrics Vater. Damals hieß das Ding „Raupe“ und im Volksmund „Amor-Raupe“.

„Bei so manchem Paar führte der Weg zur Ehe über die Amor-Raupe“ erinnert sich Patric Schneider an seine Jugendzeit in Lippstadt in den späten 60er Jahren. Er schwelgt in Anekdoten: „Das waren noch Zeiten. Eine ganze Gang reiste meinem Vater Alfred, genannt Freddy, mit dem Mofa von Kirmes zu Kirmes hinterher.“ Es war die Rock‘n Roll Zeit. „Freddy von der Raupe“ war bekannt wie ein bunter Hund und wurde von seinen Fans geadelt.

Es ging nicht um Geschwindigkeit, sondern um den Kuss unterm Verdeck

Hier an seiner Raupe steppte der Bär im Rock‘n Roll Takt. Das Geheimnis der Raupe: „Die Geschwindigkeit mag heute von größerer Bedeutung sein, damals lag die Aufmerksamkeit auf dem Moment, in dem das Verdeck sich über die Gondel schob“, erzählt Schneider schmunzelnd. Für 30 Pfennig pro Fahrt und Person setzte man sich zu zweit hinein und wartete gebannt auf den Moment, in dem man als verliebtes Pärchen den Blicken der Öffentlichkeit entzogen war.

Der Pastor mit der Stoppuhr in der Hand an der „Amor-Raupe“

Das blieb auch dem Klerus und dem Jugendamt nicht verborgen. Besonders in Lippstadt sah man dunkle Mächte am Werk, die den Verfall der guten Sitten einläuteten. Freddy Schneider musste deshalb einst eine Genehmigung beim Generalvikariat in Paderborn einholen. „Dabei wird doch schon rund herum öffentlich geknutscht, aber das stört niemanden“, sagte damals Freddys Frau Waltraud. Nur bei der „Amor- Raupe“ habe man genau hingesehen.

Jahrelang stand der Pastor ganztägig mit der Stoppuhr in der Hand und erhobenem Finger an der Bahn, wenn das Verdeck länger geschlossen war als erlaubt. Der Reiz des moralisch Verruchten: ein Küsschen im Verborgenen, das nicht länger als zehn Sekunden dauern durfte.

Der Stammplatz für die Schneiders war der Kuh-Markt von Lippstadt. Doch auch auf dem Viehmarkt in Bad Wildungen ist das Geschäft seit 50 Jahren ein nicht wegzudenkender Bestandteil. Die Familie ist mit gleichem Enthusiasmus dabei wie zu den Anfängen. Im Vergleich etwa zu den 70er Jahren ist das Publikum heute allerdings im Schnitt deutlich jünger.

Start des „Star Clubs“ in Bad Wildungern unter schlechtem Stern

Die Premiere in Bad Wildungen 1972 stand nicht unbedingt unter einem guten Stern. Die Anlage war fabrikneu. Bei einem Unfall während des Transports in die Badestadt entstand ein Sachschaden, der sich einschließlich der Reparaturkosten auf 25 000 D-Mark belief.

Damit nicht genug wurde die Berg- und Talbahn nach Reparatur und Ankunft in der Kurstadt falsch aufgebaut. Sie musste noch einmal zerlegt und wieder neu zusammengesetzt werden. Das alles, bevor „die erste müde Mark“ in der Tasche der Familie landete.

Wen wundert´s angesichts dieser Geschichte, dass auch die Pandemie den Schneiders nicht den Schneid abgekauft hat. „Trotz aller Widrigkeiten, die unser Geschäft für zwei Jahre zum Stillstand brachten, sind wir frohen Mutes und betreiben unser Geschäft mit voller Freude. Einen Schausteller wirft es nicht so schnell aus der Bahn“, sagt Patric Schneider und freut sich auf ein Wiedersehen beim Wildunger Viehmarkt 2023. (Peter Fritschi)

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