Ausstellung zur Geschichte der Wildunger Synagoge eröffnet

Steht es uns zu, Flüchtlinge auszugrenzen?

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Bad Wildungen - Zur Ausstellungseröffnung „Ein Himmel voller Sterne – Synagoge Bad Wildungen, eine Spurensuche“ kamen so viele Besucher, dass die Veranstaltung vom Stadtmuseum in die benachbarte Bücherei verlegt wurde.

Über das große Interesse freute sich Bürgermeister Volker Zimmermann: „Wir sind mit diesem Projekt ganz bewusst in den Kern der Altstadt gegangen, weil dort die Synagoge stand.“ Es wichtig und richtig, dass sich die Initiatoren des Projektes mit dieser Geschichte befasst hätten, „damit wir wissen wie es war und wie es zu den schlimmen Geschehnissen gekommen ist“, meinte Zimmermann. Die Frage, wie sich die heutigen Bürger damals verhalten hätten, könne nicht eindeutig geklärt werden. Die zweite Frage allerdings, ob eine Wiederholung des Holocaust denkbar wäre, beantwortete der Bürgermeister mit einem „Ja! Schauen wir uns doch um. Noch immer gibt es Neid, Hass und Ausgrenzung, schauen wir uns um in Mitteleuropa, wie in unseren Nachbarländern gewählt wird; und steht es uns zu, lange darüber zu diskutieren, wie man Flüchtlinge ausgrenzt, statt sie aufzunehmen und ihnen zu helfen?“ Der Bürgermeister begrüßte unter den Vernissage-Besuchern besonders die jüdischen Mitbürger und die Vertreter der jüdischen Gemeinde Kassel. Sein besonderer Dank galt Johannes Grötecke, stellvertretend für alle am Projekt „Synagoge“ Beteiligten: „Er hat uns auf die Spur geführt.“ Museumsleiter Bernhard Weller bezeichnete das Projekt als Zeichen der Aufarbeitung – „Wiedergutmachung kann nicht gelingen“ – und als ein Signal des guten Miteinander, das in die Zukunft wirkt. Weller erläuterte die Exponate, an deren Gestaltung mehr als 50 Bad Wildunger Bürgerinnen und Bürger mitgewirkt haben. Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen Modelle der Synagoge. Zwei davon wurden von Schülerinnen und Schülern der Enseschule angefertigt. Eine besonders gelungene, aufwändige Arbeit stammt vom Modelldesigner Andreas Pockrandt. Der Frebershäuser Diplom-Designer Herbert Nagel hat anhand von Bauplänen und wenigen Fotos ein visuelles Modell geschaffen, das einen virtuellen Rundgang durch die Synagoge vor dem Bildschirm ermöglicht. Katharina Jäger und David Heise haben speziell für die Ausstellung Interviews mit Juden in Bad Wildungen, Korbach und Kassel geführt. Großfotos der Synagoge und von deren Umgebung stammen aus Privatbesitz und verschiedenen öffentlichen Institutionen. Johannes Grötecke, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Synagoge, begann seine Betrachtungen über die Bedeutung von Synagogen mit einem jüdischen Witz, „weil ich glaube, dass man auch über Synagogen Witze machen darf: Ein Jude betet in einer Kirche. Da kommt der Priester zu ihm und sagt: ‚Mein Freund, ich kenne dich, du bist doch Jude.‘ Der Jude: ‚Na und ?‘ Darauf der Priester: ‚Ihr habt doch euer eigenes Gotteshaus, die Synagoge. Warum betest du nicht dort?‘“ Da steht der Jude auf, geht zum Altar, blickt nach oben und sagt: „Komm Jesus, wir gehen, wir sind hier nicht erwünscht.“ Grötecke machte an diesem Witz fest, wie eng die Verbindung zwischen Juden und Christus durch Jesus ist und wie wichtig und wertvoll das Zusammenleben von Juden und Nicht-Juden. Johannes Grötecke sprach über die Geschichte der Synagogen, deren Bedeutung und was sie von christlichen Kirchen unterscheidet. Vor dem Zweiten Weltkrieg habe es in Deutschland 3000 Synagogen gegeben, jetzt seien es wieder mehr als 100, und ihre Zahl wachse vor allem nach dem Fall der Mauer, seitdem wieder mehr und mehr Juden den Weg nach Deutschland fänden.Die Ausstellung „Ein Himmel voller Sterne“ im Stadtmuseum in der Lindenstraße ist bis zum 9. Januar des kommenden Jahres zu sehen. Sie läuft über 75 Tage – jeder Tag steht für ein Jahr nach der Zerstörung der Synagoge im Jahre 1938. Gut möglich, dass die Ausstellung danach in Berlin gezeigt wird. Dr. Volker Berbüsse, der von Berlin zur Vernissage kam, berichtete von großem Interesse der jüdischen Gemeinde Berlin an der Wildunger Ausstellung.

Von Werner Senzel

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