SG Bad Wildungen/Friedrichstein ebnet Flüchtlingen den Weg ins Fußballtraining und den Spielbetrieb

Aus dem Stuhlkreis in den Anstoßkreis

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Fünf Flüchtlinge, die seit Kurzem in Bad Wildungen leben, haben viel Spaß am Fußballtraining bei der Spielgemeinschaft Bad Wildungen/Friedrichstein.Foto: Lewen

Bad Wildungen-Altwildungen - Die Fußballabteilung der SG Bad Wildungen/Friedrichstein nimmt Flüchtlinge aus Somalia und Eritrea in ihren Trainingsbetrieb auf, um Integrationsarbeit zu leisten.

Viele Engagierte in Bad Wildungen wie kirchliche Einrichtungen, der „runde Tisch-Asyl“ des Mehrgenerationenhauses, Vereine und Freiwillige kümmern sich um Asylbewerber. So nehmen seit Ende Januar in Bad Wildungen untergebrachte Flüchtlinge regelmäßig am Training der Seniorenmannschaft der SG Bad Wildungen/Friedrichstein teil. Wolfgang Ochs vom VfL brachte den Ball ins Rollen: Vereinsmitglieder loteten mit den Flüchtlingen deren Sportinteressen aus, damit möglichst viele ein Hobby finden, das ihnen Spaß macht. Einige äußerten den Wunsch, Fußball zu spielen, was Michael Neuhaus, Fußballvorstand der SG, ins Spiel brachte. Er habe die Chance gesehen zu helfen. Das veranlasste ihn, gemeinsam mit Ochs das Asylbewerberheim Haus Edelhoff zu besuchen, um die Fußballabteilung vorzustellen, über Trainingszeiten und weitere Einzelheiten zu informieren. „Die ganzen Jungs, die Fußball spielen wollten, haben einen Stuhlkreis gebildet und mich herzlich empfangen. Ich habe angefangen, auf Englisch zu reden, wurde aber direkt gebeten, auf Deutsch fortzufahren“, erinnert sich Neuhaus.

Er habe die persönlichen Daten aller Interessierten aufgenommen und eine gemeinsame „What‘sApp-Gruppe“ gegründet, damit er mit ihnen in Kontakt bleiben kann. Beim nächsten Training rief Trainer Daniel Döring seine Spieler zu Spenden für die Flüchtlinge auf und machte selbst mit einem Paar alten Fußballschuhe und einem Trainingsanzug den Anfang.

Anfangs stellten die mangelhaften Deutschkenntnisse ein Problem im Trainingsbetrieb dar, denn Übungen müssen erklärt und verstanden werden. Doch mit viel Geduld seitens der Spieler und des Trainerstabs gelang es, einen harten Kern von fünf neuen Fußballern dauerhaft ins Training zu integrieren. Für sie sind Spielerpässe beim Verband beantragt. Jedoch ist aufgrund der Besonderheiten beim Asylverfahren und den zeitlichen Befristungen eine längerfristige Planung für den Spielbetrieb noch nicht möglich. Das spielt laut Neuhaus aber auch nicht die entscheidende Rolle.

Einer der Neulinge, Mohamed Ali Adan aus Somalia, hat sein Pflichtspieldebut in der zweiten Mannschaft bereits absolviert und hätte fast sein erstes Tor für sein neues Team erzielt.

Es sei schwierig für Asylbewerber, sich auf die ungewohnte Bürokratie in Deutschland einzustellen, sagt Michael Neuhaus: „Es dauert auch sehr lange, Spielerpässe für die Jungs zu beantragen, weil dafür beim Fußballverband ihres Heimatlandes angefragt werden muss.“ Jede Eigeninitiative eines Flüchtlings, etwas zu seiner Integration beizutragen, koste ihn daher „mehr Überwindung, als es uns kosten sollte“, ergänzt er. Er rät dazu, sich in die Lage eines Flüchtlings hineinzuversetzen, , um damit einen ersten Schritt zum Verständnis ihrer Situation zu tun und Integration zu leben.

Hintergrund

Asylsuchende werden in Deutschland „Erstaufnahmeeinrichtungen“ zugeordnet. Die hessische liegt in Gießen und gewährt Flüchtlingen vorübergehend Obdach. Über die jeweilige Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) stellen Asylsuchende ihren Antrag. Dabei werden ihre personellen Daten sowie ihre Fingerabdrücke aufgenommen und in die EuroDacDatei eingespeist, um zu kontrollieren, ob sie in einem anderen europäischen Staat, der die „Dublin-III-Verordnung“ ratifiziert hat, bereits einen Antrag gestellt haben. Ist das der Fall, versucht Deutschland, sie in diesen Staat abzuschieben, wie es das Abkommen vorsieht. In Deutschland erhält der Antragsteller bis zur Entscheidung im Asylverfahren eine so genannte Aufenthaltsgestattung die auf den Bezirk seiner Erstaufnahmeeinrichtung begrenzt ist. Dnach werden die Flüchtlinge auf verschiedene Unterkünfte im Bundesland verteilt. Ein Beispiel für solch eine Unterkunft ist das Haus Edelhoff in Bad Wildungen. Dort erhalten sie monatlich rund 300 Euro Taschengeld für ihre Verpflegung und können sich in Hessen frei bewegen. Gleichzeitig läuft ihr Asylverfahren: Das BAMF prüft unter anderem ihre Anerkennung als Asylberechtigte gemäß Artikel 16 a des Grundgesetzes. Dieser legt fest, dass nur politisch verfolgte Ausländer ein Recht auf Asyl haben. Entscheidet sich das BAMF dafür, einem Flüchtling Asyl zu gewähren, bekommt dieser zunächst eine Aufenthaltsgenehmigung für ein bis drei Jahre. Erst dann entscheidet sich, ob er dauerhaft in Deutschland bleiben darf. Wird der Asylantrag abgelehnt, erhält der Antragsteller eine „begründete Ausreiseaufforderung“. Ist eine Abschiebung nicht möglich, weil der Betroffene nicht reisefähig ist, keinen Pass für die Rückkehr besitzt oder die Situation in seinem Heimatland eine Rückreise nicht zulässt, erhält er eine sogenannte Duldung, bis die Abschiebung irgendwann möglich ist.

Von Andreas Lewen

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