Hirsche fraßen Feld bei Emdenau vor einigen Wochen ratzeputz kahl

Süßer Raps ist wie Opium fürs Wild

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Der Raps auf diesem Feld bei Emdenau war vor wenigen Wochen von drei Hirschrudeln weggefressen worden und hat sich inzwischen ein bisschen erholt.

Edertal - Wildschweine im Maisacker sind das bekannteste Beispiel: Der Konflikt zwischen frei lebenden Tieren und Bauern dürfte so alt sein wie die Landwirtschaft selbst. Hungrige Nationalpark-Rothirsche schrieben das jüngste Kapitel dieser ewigen Geschichte in Emdenau.

Drei Rudel aus dem Schutzgebiet fraßen vor einigen Wochen einen Raps-Acker oberhalb des Mini-Dorfes zwischen Kleinern und Gellershausen ratzeputz kahl. Bis zu 45 Tiere auf einmal. Inzwischen haben die Pflanzen nachgetrieben, bringen aller Voraussicht nach aber nicht mehr den Ertrag, den Landwirt Thorsten Hahn (Gif­litz) sonst hätte erzielen können. Er hat sich mit Revierförster Harald Wieck verständigt, dessen Sohn Sebastian die Jagd dort gepachtet hat. Abgerechnet wird nach der Ernte und ein Ausgleich für Einbußen gezahlt. In Deutschland haften die Jagdpächter grundsätzlich bis zu einem gewissen Grad für die in ihrem Revier auftretenden Wildschäden.

Alles abschießen geht nicht

Der Vorfall in Emdenau bot Anlass zu einem Treffen, zu dem Karsten Schmal, Vorsitzender des Kreisbauernverbands, an den Ort der Bescherung eingeladen hatte. Gibt es zu viele Rothirsche im Nationalpark? Wurden die Abschussquoten erfüllt? Wie kann man generell der Wildschäden besser Herr werden? Über diese und weitere Fragen sprachen Landwirte, Nationalpark-Verantwortliche und Vertreter der Jagd.

Komplett zu verhindern sind Wildschäden naturgemäß nicht, denn niemand kann und will alle hungrigen Mäuler abschießen. Reines Verjagen gleicht aber einer Sisyphos-Arbeit.

Leuchtpistole wirkt nicht

„Wir haben es versucht, als das Rotwild aus dem Wald auf den Acker ging“, berichtete Harald Wieck. Gemeinsam mit seinem Sohn gab er aus doppelläufigen Schrotwaffen des Abends Schüsse in die Luft ab, um die Tiere zu verscheuchen. Diese merkten schnell, dass ihnen keine echte Gefahr drohte. Weder eine Leuchtsignalpistole noch mit Menschenhaar präparierte Pfähle, deren Geruch die Hirsche fernhalten sollte, zeigten mehr Wirkung.

Früher schützte das Gatter

„Die Not im Wald war in diesem Winter zu groß und Raps ist Opium fürs Wild“, schilderte Wieck. Ähnlich wie Grünkohl nach dem Frost schmecken moderne Rapspflanzen Wildtieren süß. Dem Raps wurden seine Bitterstoffe herausgezüchtet, um das Öl seiner Samen für menschlichen Verzehr verwenden zu können.

„Seit 30 Jahren bewirtschaftet unsere Familie in Emdenau Land und nie hatten wir einen Schaden“, sagte Thorsten Hahn. Sein Berufskollege Willi Claudy (Giflitz), der im vergangenen Jahr einen ähnlichen Schaden bei Kleinern verzeichnete, macht das weggefallene Gatter für die Streifzüge der Rothirsche verantwortlich und brachte höhere Abschussquoten ins Gespräch.

„Der Bestand an Rotwild ist mit rund 100 Stück im Nationalpark an die Gebietsgröße angepasst. In anderen Waldgebieten gab es ja auch nie ein Schutzgatter“, entgegnete Nationalpark-Chef Manfred Bauer. Man habe die Abschussquote zu fast 100 Prozent erfüllt, liege um nur fünf Tiere darunter. Überdies liefen im Schutzgebiet Zählungen, wie sie sonst nicht üblich sind.

Kein Futter im Wald

Bauer machte zwei Umstände für den Kahlfraß in Emdenau verantwortlich: den langen, harten Winter und die ausgefallene Eichel- und Bucheckern-Mast im vergangenen Herbst. Die Bäume bildeten praktisch keine Samen. Den Hirschen musste der Magen knurren wie selten. In früheren Jahrhunderten wanderten die Rudel aus den Waldgebieten winters in die Eder-Talauen, wo sie Nahrung fanden. Seit der Regulierung des Flusses Mitte des 19. Jahrhunderts fehlt diese Ausweichmöglichkeit.

Mehr Infos austauschen

Im Gespräch bei Emdenau wurde deutlich, dass der Forst, die Landwirtschaft und die Jagdpächter einen intensiveren Informationsaustausch pflegen sollten, um Wildschäden effektiver in Grenzen zu halten. „Vom Wegfall der Eichel- und Bucheckernmast und welche Folgen das haben kann, wusste ich gar nichts“, sagte Thorsten Hahn. Wenn die Landwirte sich bei der Auswahl der Frucht enger untereinander abstimmten, könnten sie außerdem das Risiko für den Einzelnen absenken, riet Harald Wieck. Findet sich weit und breit nur ein Raps-Acker in einem Gebiet, treffen sich alle Hirsche aus der Umgebung am selben gedeckten Tisch. Säen mehrere Bauern Raps, verteilt sich die Belastung.

Alle Beteiligten streben einen intensiveren Informationsaustausch an, hielt Karsten Schmal als eine der wichtigsten Erkenntnisse aus diesem Treffen fest.

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