Stadtarchivar findet Hinweise auf Ritualbad im Wildunger jüdischen Gotteshaus

Synagoge gibt spät Geheimnis preis

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Stadtarchivar Manfred Hülsebruch hat im Nachlass von Moritz Maus, dem ehemaligen Schriftleiter der Waldeckischen Landeszeitung und Vorsitzenden der Ortsgruppe Bad Wildungen des Waldeckischen Geschichtsvereins, vor sechs Monaten eine bisher wenig bekannte

Bad Wildungen - Jüdische Kultur war Teil des Wildunger Alltagslebens und prägte den Aufstieg der Stadt zum Weltbad mit, bis zum Holocaust in der Zeit des „Dritten Reiches“. Spuren der jüdischen Kultur heute zu finden und zu sichern, ist Detektivarbeit. Stadtarchivar Manfred Hülsebruch hat eine solche Spur verfolgt.

. Eine Spur, die zu einem wesentlichen Element der jüdischen Glaubenspraxis führt: zu einer „Mikwe“, einem rituellen Tauchbad (siehe „Hintergrund“). Hat in Bad Wildungen eine existiert?

Darüber hielt der Stadtarchivar bei der Jahreshauptversammlung des Waldeckischen Geschichtsvereins Bad Wildungen einen Vortrag.

Anfrage aus Braunschweig

Der Anstoß, sich dieser Frage zuzuwenden, kam von außen. Im Mai des vergangenen Jahres erreichte Manfred Hülsebruch die Anfrage einer Forschungsstelle der Technischen Universität Braunschweig, die gemeinsam mit der Universität Haifa an einem Forschungsprojekt zu jüdischen Ritualbädern arbeitete. Die in Braunschweig vorliegenden Aufzeichnungen wiesen auf die Existenz einer Mikwe in der Wildunger Synagoge hin.

Hülsebruch zog die im Stadtarchiv liegenden Baupläne der Synagoge aus dem Jahre 1913 zu Rate. Vergeblich. Er fand keinen Hinweis auf ein Tauchbad. Hülsebruch befragte Dr. Volker Berbüsse (Berlin), der sich vor 30 Jahren als Student intensiv mit den Synagogen-Bauplänen befasst hatte, und er wandte sich an die Heimatforscher Gerhard Kessler und Klaus Mombrei. Alle drei hatten von einer Mikwe gehört. Allerdings soll sie sich am Meerschlund befunden haben.

Zisterne im Meerschlund gesucht

Hülsebruch verfolgte den Hinweis, versandte per Mail Anfragen an ehemalige jüdische Wildunger Mitbürger und deren Nachkommen in Südafrika und in den USA. Doch sie konnten nicht weiterhelfen. Hülsebruch suchte in Beständen des Staatsarchivs Marburg und im Grundbuchamt Fritzlar, beim Fritz-Bauer-Institut und beim jüdischen Museum in Frankfurt. Schließlich stieß er auf alte Bauakten. Ihnen zufolge errichtete 1894 der Steinhauer Fritz Junkermann auf dem Grundstück Fetter Hagen 18 im teilweise unterkellerten Bereich eines Gebäudes ein Schwitzbad, das nur über eine von außen in die Tiefe führende Treppe zugänglich war.

Hinweis auf Leichenhalle

Die Spur schien sich zu verdichten, denn Hülsebruch stieß auf ein weiteres Dokument für das Grundstück: eine städtische Genehmigung von 1910, es an die Kanalisation anzuschließen. Antragsteller: der Vorstand der israelitischen Gemeinde. Im Grundrissplan der Akte stieß Hülsebruch auf das Wort Leichenhalle: „Was lag näher, als an eine Verbindung zwischen Leichenaufbewahrung und ritueller Waschung in einer Mikwe zu denken?“, fragt Hülsebruch. Der jüdische Glauben schreibt eine rituelle Waschung unter anderem nach dem Kontakt mit Toten vor.

Hülsebruch suchte am Meerschlund nach möglichen Überresten der vermuteten Mikwe, etwa nach einer Zisterne, denn für das Ritualbad bedarf es „lebendigen Wassers“, in der Stadt also Grund- oder Regenwassers.

Der Stadtarchivar fand nichts vor, aber später einen Aktenhinweis, der Schwitzbadtreppe und Leichenhalle als Sackgasse in dieser Frage auswies: der Anschluss des Grundstücks an die städtische Wasserleitung. Sie liefert kein „lebendiges Wasser“ und damit schloss Hülsebruch ein Ritualbad in dem Gebäude aus.

Aufgeben wollte der Stadtarchivar aber nicht. Noch einmal vertiefte er sich in die Bauakten der Synagoge...

Zwei Wasserbehälter im Synagogenkeller

In einer der Bauzeichnungen zum Kellergeschoss entdeckte er plötzlich den Begriff „Frauenbad“. Diese Stelle wurde später in der Zeichnung dem Treppenhaus zugeordnet. In den Plänen für die Entwässerung des Synagogengrundstücks fand Hülsebruch in einem unter dem Sockelgeschoss gelegenen Kellergeschoss Heizung und einen Baderaum mit zwei Wasserbehältern eingezeichnet. Hülsebruch geht davon aus, dass der eine Behälter als Zisterne diente, um Regenwasser als „lebendiges Wasser“ vom Dach zu gewinnen, und dass der andere Behälter ein Tauchbecken darstellt.

Mit einer Nachtragsbaugenehmigung, im August 1914 dem Vorsitzenden der israelitischen Gemeinde Bad Wildungen Adolf Hammerschlag ausgehändigt, wurde der Bau des Kellergeschosses nachträglich gebilligt - bei der Rohbauabnahme des Gebäudes im Mai 1914 war festgestellt worden, dass abweichend von dem bis dahin gültigen Bauplan das nur teilweise begehbare Geschoss beim Einbau der Fundamente einfach angelegt worden war.

Für Manfred Hülsebruch liefert das den Beweis, dass sie existiert hat; die Wildunger Mikwe. Eine wertvolle Erkenntnis auch für die Gruppe von Wildungern, die mit dem Wildunger Museumschef Bernhard Weller das zerstörte jüdische Gotteshaus als Modell und/oder in einem virtuellen Rundgang wieder erstehen lassen will. (szl)

Hintergrund

Die Mikwe (Mehrzahl: Mikwaot) ist ein rituelles Tauchbad, dem im Judentum große Bedeutung zukommt. Zur Reinigung von ritueller Unreinheit durch Ablution (Waschung) muss lebendiges Wasser verwendet werden, keinesfalls Wasser aus dem Wasserleitungssystem. Daher sind viele Mikwaot in die Tiefe gebaut worden, also unterhalb des Grundwasserspiegels.

Oft wird auch Regenwasser verwendet. Rituelle Tauchbäder haben ihren Ursprung in der Zeit der Propheten. Viele Mikwaot wurden?in der NS-Zeit zerstört oder stehen leer. Heute gibt es in Deutschland etwa 30 genutzte Mikwaot, die zu modernen Badeanlagen geworden sind. Zumeist werden sie durch Regenwasser gespeist.(szl)

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