Podiumsteilnehmer: Lidl-Ausbau erster Sargnagel für Wildunger Innenstadt

Tödliche Schräglage prophezeit

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Auf dem Podium warnten vor dramatischen Folgen eines Lidl-Domino-Effektes (von links): Dr. Heinz Janning, Martin Knauff, Heinz Moering und Christine Neumann.

Bad Wildungen. - „Unser Anliegen ist eine sachliche Diskussion“, versicherte Moderator Heinz Moering bei der Podiumsdiskussion der „Wildunger Wirtschaftsrunde“ zur Lidl-Erweiterung und zur Zukunft der Innenstadt am Dienstagabend. Daraus wurde nichts.

Daraus konnte nichts werden, denn die Debatte nahm von Beginn an rasende Fahrt auf in eine Richtung und lud sich im vollen Waldeck-Saal des Maritim mit Emotionen auf. „Es ist fünf vor zwölf“, meinte Moering. „Wenn der Lebensmittelhandel in der Innenstadt kaputt geht, gibt es eine Kettenreaktion. Wenn ein Fachmarktzentrum an der Itzel entsteht, gehen alle da runter und nichts bleibt in der Innenstadt“, warnte der Jurist und Hauptreferent Dr. Heinz Janning, national anerkannter Fachmann für Planungsrecht. „Wenn Tegut geht, geht Manhenke, bis das ganze Scharnier zusammenbricht“, orakelte Martin Knauff, Vizepräsident des Einzelhandelsverbandes Hessen-Nord.

Misstrauen gegen „die Stadt“

Die Duftmarken waren gesetzt. Nach dem Janning’schen Vortrag und den untermauernden Mahnungen vom Rest des Podiums kamen aus dem Publikum in der Diskussionsrunde keinerlei Einwände mehr gegen die eine Argumentationslinie auf.

Grundsätzliches Misstrauen richtet sich gegen „die Stadt“ (gemeint: Bürgermeister, Magistrat, Verwaltung).

Misstrauen, dass die Erweiterung des Lidl von 800 Quadratmeter um etwa ein Drittel auf 1200 Quadratmeter das Scheunentor öffnet: Aldi vergrößert, Herkules zieht um und vergrößert, der Druck wächst und schließlich entsteht ein zweites Stadtzentrum mit Läden, in denen man all das kaufen kann, was heute nur in der Kernstadt zu finden ist.

Zwar gibt es seit Jahren eine Gift-Liste mit diesen „innenstadtrelevanten Sortimenten“, die nicht mehr neu an der Itzel angesiedelt werden dürfen - beschlossen von der Stadtverordnetenversammlung - aber diese Liste wird abgeschafft, wenn die geschilderte Entwicklung in Gang gesetzt ist. So argwöhnt zumindest die „Wildunger Wirtschaftsrunde“ und so argwöhnen mit ihr viele der Gäste bei der Podiumsdiskussion.

Das Misstrauen nährt sich etwa aus dem Versuch des Bürgermeisters, Trigema den Umzug aufs alte Gaswerkgelände zu erlauben, obwohl Bekleidung auf der Gift-Liste steht.

Es nährt sich daraus, dass die Industrie- und Handelskammer zwar zur Erweiterung des Lidl befragt wurde, aber laut Christine Neumann (IHK-Koordinierungsbüro Handel und Stadtentwicklung) die aktuelle Fortschreibung des Einzelhandelsgutachtens von 2008 erst auf mehrfaches Nachhaken erhielt.

Kein gutes Haar am Handelsgutachten 2013

An diesem fortgeschriebenen Gutachten ließ Dr. Heinz Janning (Experte vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag DIHK) kein gutes Haar. Es verdiene die Bezeichnung nicht, sondern sei lediglich ein Verträglichkeitsgutachten zur Lidl-Erweiterung. Christine Neumann bestätigt: „Ich war davon enttäuscht.“ Normalerweise fielen Fortschreibungen von Einzelhandelsgutachten ebenso detailliert aus wie die Ursprungs-Expertisen. Das Gutachten von 2008 umfasste mehr als 140 Seiten, das Nachfolgepapier 2013 von Michael Karutz (CIMA) deutlich weniger.

Enttäuschung äußerte erneut Martina Becker, Expansionsleiterin von Tegut: „Wir hatten am alten Standort 1300 Quadratmeter, durften aber nur 700 nutzen.“ Dann habe die Stadt dem Lebensmittler 1400 Quadratmeter versprochen und zugesichert, „dass es keine weiteren Ansiedlungen in der Peripherie geben würde“, wenn er in die Fürstengalerie umzieht.

Tegut geht, wenn der Herkules umziehen darf

Tegut gehe weg aus Bad Wildungen, falls diese Zusage nicht eingehalten wird, kündigte Becker an. Ein Rewe zusätzlich in der Kernstadt würde allerdings ebenso die Existenz des Tegut gefährden, fügt die Expansionsleiterin auf Nachfrage hinzu.

Für Heinz Janning und Christine Neumann spielt dieser letzte Punkt keine Rolle. „Wir wollen keinen Wettbewerbsschutz für bestehende Betriebe, sondern allein einen Schutz für die Innenstädte“, erläutert Neumann.

Im Bemühen darum sollen sich die Politiker von Drohungen der Konzerne nicht ins Bockshorn jagen lassen, meint Janning. Lidl werde sich bei einem „Nein“ zur Erweiterung vor Gericht nicht mit seiner Klage durchsetzen, ist er sicher.

Er forderte den „Primat der Politik“ ein. Zu Deutsch: Die Politiker entscheiden, wo es lang geht und lassen sich nicht treiben, weder von Experten noch von Lobbyisten. „Wir wollen der Stadt ja nichts Böses. Die Stadtverordneten können sich Zeit nehmen. Bad Wildungen hat keine Versorgungslücke bei Lebensmitteln“, rät Christine Neumann.

Was den gewöhnlichen Bürger an der Debatte beschäftigt, brachte eine ältere Dame zum Ausdruck: „Ich habe kein Auto und gehe mit meinem Wägelchen zum Einkaufen in den Herkules. Wo soll ich hin, wenn der in die Itzelstraße zieht?“ (su)

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