Wildunger Märchenwelten

Über dieses Buch freut sich Schneewittchen sehr

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Bad Wildungen/Kassel - Der erste Versuch, mit Markus Lefrançois zu telefonieren, läuft ins Leere. Im Hintergrund ist eine Kinderstimme zu hören. „Papaa!“ klingt es energisch, nachdrücklich, einem Weinen der Enttäuschung nahe. Wir vertagen uns auf den nächsten Morgen.

Beim zweiten Telefonat erklärt der Illustrator aus Kassel, welchen Kummer sein vierjähriger Sohn hegte: „Er liebt Bücher. Ich war gerade dabei, ihm aus dem neuen Schneewittchenbuch vorzulesen.“ Ausgerechnet in so einem Moment muss das doofe Telefon klingeln... Der kleine Mann dürfte vollstes Verständnis erfahren von jedem, der die aktuelle Schneewittchen-Ausgabe aus dem Reclam-Verlag in Händen hält. Markus Lefrançois hat zu dem Bilderbuch die großformatigen, farbigen Zeichnungen beigesteuert. Nicht sein erstes Projekt dieser Art, denn Aschenputtel, Dornröschen und Hänsel und Gretel sind in dieser Reihe aus seinem Pinsel bereits erschienen. Doch es ist ein sehr besonderes Werk – aus Sicht der Wildunger zumal, denn Lefrançois hat ihrer Stadt in seinen wunderbaren Zeichnungen seine Reverenz erwiesen. Schneewittchen und die Stiefmutter leben unverkennbar auf Schloss Friedrichstein mit seinem Spiegelsaal, das Burgmannenhaus direkt nebenan. Die Stadtkirche ist im Land der sieben Zwerge auszumachen. Die kleinen, hilfsbereiten Männer wohnen unverkennbar im Bergfreiheiter Schneewittchenhaus. Und selbst der Sarg, in dem die Schöne dreimal nur vermeintlich ihre letzte Ruhe findet, steht an einer Stelle, die Kennern von Bergfreiheit bekannt sein wird. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten... „Märchen erzählen Geschichten aus dem Volk. Deshalb sind mir reine Fantasy-Welten nicht so recht, um sie zu illustrieren“, erzählt der freiberufliche Gestalter, der unter anderem auch als Dozent an der Kunsthochschule Kassel lehrt. Auf der Suche nach Ansatzpunkten kam er auf die Märchenstraße und erkundigte sich, welche Städte sich mit welchen Märchen identifizieren. Bei Schneewittchen hat Bad Wildungen zwar Konkurrenz durch einen Ort an der Weser, „aber in Bad Wildungen und Bergfreiheit konnte ich in Bildern schwelgen.“ Gebäude wie das Schloss und das Schneewittchenhaus, die Landschaft mit ihren Buchenwäldern und Felsformationen sind unverwechselbar. Drei Tage verbrachte Markus Lefrançois in der Kurstadt und ihrer Umgebung. Wie ihn diese Eindrücke gefesselt haben, spiegelt sich in seinen Bildmotiven wider. Doch nicht allein deshalb ist dieses Buch besonders. Der Illustrator hat ein Exemplar seiner Tante geschenkt. Diese wunderte sich sehr, als sie es aufschlug, denn sie wusste nicht, woher ihr Neffe seine Motivideen gesammelt hatte. „Ihr kam das Schloss gleich bekannt vor – sie hat ihren Lebensgefährten dort kennengelernt, als sie in Bad Wildungen zur Kur war“, berichtet der Kasseler Künstler. Und noch enger sind seine persönlichen Bindungen zu dem Werk, verrät er: „Vorbild für das Schneewittchen ist meine Frau. Zum ersten Mal habe ich jemanden aus meinem Leben in ein Märchen eingebaut“, berichtet Lefrançois. Seine Frau wusste davon nichts, bis das Buch aus der Druckerei kam. „Sie hat sich sehr gefreut“, sagt Lefrançois lachend. Seine beiden Söhne, heute zwei und vier Jahre alt, möchte er auch irgendwann in einem Märchenbuch mitspielen lassen. Indirekt beeinflussen sie seine Arbeit bereits heute. Der Reclam-Verlag hat die Reihe für Erwachsene und Kinder ausgelegt. Es sind die Originaltexte der Grimms. Nichts wird ausgespart oder glatt gebügelt, „und in den Urfassung wird das Böse bestraft“, erläutert Lefrançois. Den bösen Stiefschwestern von Aschenputtel hacken die Tauben die Augen aus. Die böse Stiefmutter von Schneewittchen muss sich in brennenden Schuhen zu Tode tanzen. „Ich versuche das so ins Bild zu setzen, dass Kinder trotzdem nicht erschrecken“, sagt der Künstler. Orange-Rottöne überlagerten die Füße der tanzenden, sterbenden Stiefmutter, der aufsteigende Rauch verdecke die Sicht auf das schmerzgeplagte Gesicht... Faszinierende Einblicke in die Entstehungsgeschichte der Märchenbilder. Genannt werden Bad Wildungen und Bergfreiheit an keiner Stelle, und das gehört zum Konzept: „Es sollen keine Werbebücher für die Märchenstädte sein. Mir geht es darum, dass die Menschen manches vielleicht wiedererkennen oder glauben, etwas Ähnliches schon mal gesehen zu haben.“Er will den Lesern das Gefühl geben, Er wolle den Lesern das Gefühl geben, dass sie nur eine halbe Stunde fahren müssten, um den Ort zu erreichen, an dem dieses Volksmärchen spielen könnte.

Von Matthias Schuldt

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