Welche Konsequenzen hat das Unglück in Ober-Werbe während des Triathlons?

Unfall beschäftigt alle Beteiligten

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Die Unfallstelle liegt nahe dem unteren linken Bildrand. Die Weitwinkelperspektive lässt die Entfernungen größer erscheinen, als sie tatsächlich sind.

Waldeck-Oberwerbe - Der folgenschwere Zusammenstoß in Ober-Werbe zwischen einem Triathleten auf seinem Rad und einer Fußgängerin vom vorigen Samstag wirft für die Veranstalter des Wettkampfs, Genehmigungsbehörden, Polizei und Dorfbewohner eine Menge Fragen auf.

Die wichtigste: Wie geht es den beiden Verletzten? Über den Gesundheitszustand der 78-Jährigen, die mit einem Schädel-Hirn-Trauma in die Kliniken Kassel geflogen wurde, ist offiziell nichts bekannt. Der 31 Jahre alte Triathlet wurde nach stationärer Aufnahme in der Wildunger Asklepios-Stadtklinik auf eigene Verantwortung noch am Samstag wieder entlassen. Neben Prellungen und erheblichen Schürfwunden auf dem Rücken diagnostizierten die Ärzte eine Gehirnerschütterung, berichtet Gerd Kontner, Organisationsleiter des Edersee-Triathlons. Sein Helm habe dem 31-Jährigen wohl das Leben gerettet. Kontner steht im Kontakt mit dem Fahrer: „Ihn treibt, wie uns Veranstalter, die Sorge um die Gesundheit der schwer verletzten Fußgängerin um“, sagt er.

Eine von zwei Stellen mit heiklen Sichtbedingungen

Die zweite wichtige Frage, die sich für ihn und alle übrigen Beteiligten aus dem Geschehen ergibt: Welche Konsequenzen müssen Organisatoren und Behörden für den Edersee-Triathlon 2016 ziehen?

Der Unfallort in Ober-Werbe stellt laut Kontner eine von zwei sehr unübersichtlichen Stellen der Radrennstrecke dar. Deshalb habe dort eine zusätzliche Warnleuchte die Athleten zum Abbremsen und zu vorsichtiger Fahrweise bringen sollen.

Sehr bemerkenswert aus Sicht eines unbedarften Laien: Die Teilnehmer des Triathlons sind verpflichtet, sich während des gesamten Rennens an die Straßenverkehrsordnung zu halten. Das bestätigen neben dem Veranstalter der Regionale Verkehrsdienst der Polizei (RVD) und der Landkreis als für die Veranstaltung zuständige Genehmigungsbehörde.

Höchstens ein bis zwei Sekunden Zeit zu reagieren

Doch wie lässt sich kontrollieren und sicherstellen, dass der Radrennfahrer im Ringen um Platzierungen und Zeiten beispielsweise Geschwindigkeitsbegrenzungen einhält? Tachometer sind für Fahrräder nicht vorgeschrieben.

Etwa 15 bis 20 Meter vor der Unfallstelle gilt Tempo 30, danach die innerorts zulässige Höchstmarke von 50 km/h. Von dem Punkt aus, von dem man als Fahrer aus Richtung Sachsenhausen endlich freie Sicht in den Ort hat, dauert es bei Tempo 30 handgestoppte zwei Sekunden bis zum Erreichen der Unfallstelle. Bei Tempo 50 verkürzt sich diese Reaktions- und Bremszeit auf knapp eine Sekunde. Bergab, wie die Steilstrecke in Ober-Werbe aus Richtung Sachsenhausen, kommen Triathleten mit ihren Bikes leicht auf weit höhere Geschwindigkeiten.

Augenzeugen, die das Rennen von Positionen weiter oberhalb an der Steilstraße verfolgten, berichteten gegenüber der WLZ davon, dass sie Athleten „langsamer!“ zugerufen hätten, ohne dass diese nennenswert bremsten. Obwohl die meisten von ihnen auch ohne solche Tipps auf die Verkehrsschilder reagieren könnten, „denn die Triathleten arbeiten fast alle mit Tachometern zwecks Renneinteilung und Kontrolle ihrer Zeiten“, fügt Organisationsleiter Kontner hinzu.

Laut den bisherigen Ermittlungen des RVD der Polizei ereignete sich der Unfall am vom Radfahrer aus betrachtet linken Fahrbahnrand. Das spreche dafür, dass der Athlet nicht, wie von der Straßenverkehrsordnung vorgeschrieben, die rechte Fahrspur einhielt. Gemäß Zeugenaussagen hatte die Fußgängerin die andere Straßenseite fast erreicht, als das Unglück geschah. Der RVD geht ungeachtet dessen bisher von geteilter Verantwortung der beiden Verletzten fürs Geschehen aus, weil noch nicht zu klären war, ob die Frau möglicherweise unaufmerksam war oder entgegen dem Anraten von Streckenposten die Straße überquerte.

Gegenüber dem Veranstalter beteuert der Radfahrer, sich an die vorgeschriebene Geschwindigkeit gehalten zu haben, berichtet Gerd Kontner. Demnach rief der Triathlet der Ober-Werberin warnend zu und habe sich entscheiden müssen, ob er ihr links oder rechts ausweicht, weil der Bremsweg zu lang war. „Er weiß nicht, ob die Frau auf seinen Ruf reagierte, weil am Ende alles zu schnell ging“, erläutert Kontner.

Absperrungen oder Strafe wie in der Boxengasse?

Was kann man tun, um den Triathlon an den neuralgischen Punkten der Strecke künftig sicherer für Sportler und Publikum zu machen? Absperrungen an den schwer einzusehenden Ecken wären eine Möglichkeit. In der Formel 1 setzt es Strafen, wenn Fahrer in der Boxengasse das Tempolimit brechen. Alle Beteiligten setzen sich routinemäßig nach der Veranstaltung zusammen, um Bilanz zu ziehen und Verbesserungen für die nächste Schleife zu erarbeiten. Der Unfall wird zentrales Thema der anstehenden Gespräche sein, erklärt Landkreis-Pressesprecher Dr. Hartmut Wecker.

Von Matthias Schuldt

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