Nostalgischer Rummel bis Sonntag in Bad Wildungen:

Unstet im Auftrag der Gemütlichkeit

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Pascal Raviol (links) und Lothar Ketterer vor ihrem Wohnwagen, in der Hand ein Foto ihrer nostalgischen Reisekonditorei, die seit zwei Jahren Bestandteil der „Oad’n Wies’n“ auf dem Münchener Oktoberfest ist.

Bad Wildungen - „Fernsehen, Youtube, Facebook - der Rummel war früher alles in einem: Man ging dorthin, um sich zu unterhalten, zu informieren und ein wenig zu gruseln“, sagt Pascal Raviol. Die Frau ohne Kopf im Panoptikum, die Fahrt im Riesenrad, die Diskussion über Neuigkeiten im Festzelt: Jahrmärkte waren Treffpunkte, ein Stück Alltagskultur, das auszusterben gefährdet ist.

So hat Korbach gerade die Einstellung seines Herbstmarktes ab 2015 verkündet. Raviol und seine Truppe stemmen sich dem Verschwinden des Rummels entgegen nach der Devise „Zurück in die Zukunft“. Bis einschließlich morgen macht ihr nostalgischer Jahrmarkt Station unterhalb der Wandelhalle im Wildunger Kurpark. Raviol erläutert, weshalb er und sein Team auf dieses Konzept setzen:

„Es gibt mehr Schausteller als früher, aber die meisten versuchen, mit einem Imbiss oder ähnlichen Buden bei möglichst geringem Aufwand viel herauszuholen“, kritisiert der Dürener. Ein neues Fahrgeschäft verschlingt heute Millionen Euro, höhere Kosten an allen Ecken und Enden lassen sich durch höhere Preise nicht hereinholen. Die Folge: kaum neue Attraktionen, zu wenig Abwechslung. Die Besucher bleiben fern. Neben dem Kostendruck macht der Dürener „einen Mangel an Fantasie“ seiner Zunft für den Niedergang verantwortlich. Höher, schneller, weiter, größer - stets zählte das Sensationelle zum Geschäftsprinzip der Schausteller, doch in einer Welt der Mega-, Hyper-, Gaga-Events haben die Jahrmärkte in diesem Punkt scheints das Ende der Fahnenstange erreicht.

Ältere nutzen iPhone & Co, schalten aber fürs Leben ab

Auf ihrem historischen Rummel drehen Pascal Raviol und seine Leute den Spieß um. Sie setzen den Rummel als Kontrapunkt der Gemütlichkeit in einer dahinrasenden Zeit. Ein Riesenrad aus den 1920er-Jahren, ein Kinderkarussell aus den 50ern, eine Schießbude aus den 60ern. Authentisch soll es sein; bei den Älteren Kindheitsgefühle wecken, wenn sie mit ihren Enkeln hierherkommen. „Die ältere Generation nutzt durchaus die modernen Kommunikationsmedien, um sich zu informieren“, meint Raviol, dann aber schalte sie Handy oder iPad ab, „um auf ein Bier und Gespräche in die Kneipe zu gehen oder sich auf dem Rummel zu treffen.“ Über diese Zielgruppe möchte er die gesamte Familie anlocken, obgleich Nostalgie und junge Generation manchmal hart aufeinanderprallen.

„Nein, so nicht, du bist raus!“, ruft Raviol einem Jungen zu und zieht ihn energisch von der Leiter des Feuerwehrwagens herunter, dem Schmuckstück des alten Kinderkarussells. „Die Wagen sind alle aus Holz und gehen schnell kaputt. Manche Kinder verstehen das nicht“, sagt er. Und manche Eltern verstehen nicht, dass solche Vergnügungen ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit erfordern. Mütter, die angestrengt und unentwegt auf ihr Smartphone starren und tippen, während ihr Dreikäsehoch fast aus dem fahrenden Karussellauto klettert: Solche Szenen kennt Raviol, „und deshalb müssen wir selbst sehr aufpassen.“

Entschleunigt leben und arbeiten auf dem Rummel

Ohne Stress ist eben auch die gute alte Zeit nicht zu haben, aber solche einzelnen, unvermeidlichen Momente verderben Raviol und seinem Partner Lothar Ketterer nicht die Freude am Ganzen. Der nostalgische Rummel bedeutet für sie, entschleunigt zu arbeiten und zu leben.

Ihr Zuhause ist ein historischer Wohnwagen. Beim Aufwachen morgens fällt der Blick in dieser Woche auf die Wildunger Wandelhalle auf der einen Seite und auf die Kurpark-Kastanienallee zur anderen. „Da fühlst du dich wie der Kurfürst“, meint Raviol. Mal bezieht die Gruppe Quartier in der Wiener Innenstadt, mal auf einem Dorfplatz, mal auf Sylt.

Engagements ergeben sich oft kurzfristig. Ein unstetes Dasein, das Pascal Raviol seit 25 Jahren führt - paradoxerweise seit fünf Jahren im Zeichen der Gemütlichkeit eines nostalgischen Rummels. Er und Ketterer fühlen sich in ihrem Konzept bestätigt: Seit zwei Jahren sind sie mit ihrer antiken Reisekonditorei Bestandteil der „Oad’n Wies’n“ auf dem Münchener Oktoberfest. (su)

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