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Urteil nach Wildunger Razzia: Drogen „mit Verstand konsumiert“ und Vorstrafen gesammelt

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20 Gramm Amphetamin will der Angeklagte vor der Razzia genommen haben. symbolbild: Archiv
20 Gramm Amphetamin will der Angeklagte vor der Razzia genommen haben. symbolbild: Archiv © Archiv

Eineinhalb Jahre Haft auf Bewährung: so lautet das Urteil gegen einen 34-Jährigen im Nachgang zu einer Drogenrazzia in Bad Wildungen.

Bad Wildungen/Fritzlar – Für vier Straftaten im Zusammenhang mit illegalen Drogengeschäften und dem Einsatz von Pfefferspray gegen Polizeibeamte hat das Schöffengericht am Amtsgericht Fritzlar den Mann zu dieser Freiheitsstrafe verurteilt. Sie wird für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Der arbeitslose Mann muss zudem 120 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten, wird einem Bewährungshelfer unterstellt und sich regelmäßigen Drogentests unterziehen.

Das Urteil fiel nach drei Verhandlungstagen. Dabei wurde bis ins letzte Detail geklärt, was sich im Juli 2020 in einem Haus in Bad Wildungen abspielte und wie viele Drogen der Angeklagte damals in seiner Wohnung verwahrte. Wesentlich mehr, als er zugab, wie die umfassende Beweisaufnahme ergab. Er hatte zu Beginn der Razzia ein Pfefferspray gegen Polizeibeamte eingesetzt. In der Wohnung fand das Kommando neben verschiedenen Drogen einen Elektroschocker.

Staatsanwaltschaft: Anklage voll bestätigt

Die Anklage habe sich in vollem Umfang bestätigt, stellte die Oberstaatsanwältin im Plädoyer fest und beantragte zwei Jahren und neun Monate Gefängnis. Der mögliche Strafrahmen für die verhandelten Vorwürfe liegt zwischen sechs Monaten und zehn Jahren.

Der Angeklagte, der weder über Schul- noch Berufsabschluss verfügt, hatte Drogenkonsum 1Prozesses eingeräumt. Vor dem Einsatz will er er 20 Gramm Amphetamine eingeworfen haben. Die in der Wohnung sichergestellten Mengen bestritt er im Prozess erfolglos.

Drogenkonsum von Hartz IV finanziert

Der Drogenverkauf bereichere sein Leben, formulierte der Angeklagte, „im Moment ist absolute Ruhe“. Auf die Frage von Richterin Corinna Eichler, von was er die Drogen bezahle, kam die Antwort: Hartz IV. „Das funktioniert“, sagte er. Manchmal konsumiere er eine Woche lang gar nicht. „Ich will was von meinem Leben haben, konsumiere mit Verstand“, meinte er, „ich möchte niemandem Leid zufügen und mich nicht bereichern.“ Zudem gab er an, „für Russen“ mit Drogen gehandelt zu haben. Auf die Frage der Richterin nach dem fehlenden Schulabschluss antwortete er: „Ich habe zehn Jahre gesessen, sieben Jahre Bewährung gehabt, meine Jugend wurde mir genommen.“

Mit 15 Jahren zwei Jugendliche mit Luftpistole bedroht

Mit 15 habe er mit der Luftpistole zwei Jugendliche bedroht und versucht, Häuser in Brand zu stecken. Eineinhalb Jahre habe er gearbeitet, seitdem lebe er von der Grundsicherung und Arbeitslosengeld. Auf die Frage, warum er nicht arbeite, antwortete er: „Ich habe es immer wieder probiert, es haperte am Führungszeugnis.“ Vorbestraft ist der Mann unter anderem wegen versuchten Diebstahls, Freiheitsberaubung, Nötigung, Bedrohung, versuchter Brandstiftung und Verstoßes gegen das Waffengesetz.Die geständige Einlassung spreche für den Angeklagten, betonte die Oberstaatsanwältin. Der Mann sei viele Jahre in der forensischen Psychiatrie untergebracht gewesen, müsse sein Leben aus eigener Kraft stemmen.

Verteidigung plädiert auf geringere Strafe

Der Verteidiger beantragte eine Bewährungsstrafe unter sieben Monaten. Vom Vorwurf des Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte müsse er freigesprochen werden, weil sich die Polizei als Paketdienst ausgegeben habe. Das Pfefferspray habe er zur Notwehr eingesetzt. Der Angeklagte hatte nach eigenen Angaben Angst vor „Russen“, mit denen er im Konflikt gelegen habe. Der Elektroschocker lag laut Verteidiger verpackt auf dem Kleiderschrank. Das Geständnis sei strafmildernd zu berücksichtigen. Das Verfahren sei für den Angeklagten eine Lehre, „mit dem Zeug anders umzugehen.“

Gericht: Angeklagter hat Chance verdient

In ihrer Urteilsbegründung forderte die Richterin Corinna Eichler den 34-Jährigen auf zu bedenken: „Was kann ich aus diesem Leben machen? Machen Sie was draus. Dass Sie keinen Schulabschluss haben, ist nicht zu verstehen.“ Sie wolle ihm „ins Gewissen reden“, formulierte sie, und: „Vorstrafen begleiten ihn seit 20 Jahren.“ Über zehn Jahre sei er mit Medikamenten behandelt worden. Die Bewährungsstrafe von eineinhalb Jahren sei das rechte Maß. Dass man Drogen nicht verkaufen dürfe, sei ihm klar.

Der lange Aufenthalt in der Psychiatrie habe Einfluss, werde aber nicht strafverschärfend gewertet. Man wolle ihm nun eine Chance einräumen, er müsse eine Anbindung an Hilfe finden: „Er hat die Chance verdient, ob es gelingt, liegt in seiner Hand.“ (Manfred Schaake)

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