Medienkompetenz von Kindern

Verbote helfen nicht, aber richtige Werte

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„Chatten, spielen, lernen, posten, mobben...?“ war die Tagung des Netzwerkes Medienkompetenz Nordhessen mit 20 Ständen und Vorträgen in der Wandelhalle überschrieben. Es ging um neue Medien, die nach dem Muster von Dr. Jekyll und Mr. Hyde den Kindern und Jugendlichen viele Chancen eröffnen und sie zugleich Gefahren aussetzen. Smartphone, Laptop oder Tablet können beispielsweise Kreativität und Kommunikation fördern oder sie abwürgen, wie auf unseren Bildern dargestellt durch Helmut Schmidt-Bierm

Bad Wildungen - "...das Böse ist immer und überall..." lautet eine Liedzeile der Neuen Deutschen Welle aus den 80ern. Sie mag den Jugendlichen von damals wieder durch den Kopf gehen, die heute als Eltern ihre eigenen Kinder vor den Gefahren aus der Cyber-Welt zu schützen trachten.

Schnell sind die falschen Fotos auf Facebook hochgeladen und für die Ewigkeit im Gedächtnis des www. verankert. Leicht gerät das moderne Rotkäppchen unter meine-liebe-grossmutter@... an den pädophilen Wolf oder sieht sich dem Cyber-Mobbing seiner ehemals besten Freundin ausgesetzt. Es ist paradox: Ausgerechnet im Internet mit seinem Versprechen grenzenloser Freiheit geraten Seelen von Kindern und Jugendlichen in Gefangenschaft, scheinbar ohne Fluchtchance, und machen bitterste Erfahrungen der Ohnmacht.

Wie bewahre ich Kinder und Jugendliche vor diesen Bedrohungen? Dieser Frage ging das „Netzwerk Medienkompetenz Nordhessen“ bei einer Tagung für Fachpublikum in der Wandelhalle nach.

„Die Entwicklung hat sich in den letzten Jahren drastisch beschleunigt, weil das Internet über Geräte wie Smartphone und Tablet überall und zu jeder Zeit verfügbar ist“, erklärt Michael Grieneisen, Jugendkoordinator der Polizeidirektion in Korbach. Er kennt das Dilemma vieler Eltern sehr gut. Wo sie in gefühlt grauer Vorzeit „nur“ den heimischen PC und ihre Sprösslinge davor im Auge behalten und gegebenenfalls durch Passwörter deren Zugriff aufs Netz begrenzen mussten, werden Papa und Mama von den Entwicklern bei Apple, Microsoft & Co inzwischen vor schier unlösbare Kontrollprobleme gestellt.

„Viele Eltern nehmen allein aus Zeitmangel nicht jede technische Neuerung und jedes neue soziale Netzwerk so rasant an wie ihre Kinder“, sagt Grieneisen – und beruhigt zugleich: „Das müssen sie auch nicht. Wichtig ist es, den Kindern die richtigen Werte zu vermitteln und sie auf die Risiken und die angemessenen Verhaltensweisen im Internet allgemein hinzuweisen.“

Verbote wirken schwächer denn je, weil sie leichter denn je zu umgehen sind. Fachleute für Medienkompetenz setzen die Stärkung des „Prinzips Verantwortung“ dagegen. „Uneingeschränktes Interesse am Kind“, bezeichnet Uwe Josuttis als Voraussetzung für den Erfolg dieser Strategie. Er ist Koordinator des nordhessischen Medienkompetenz-Netzwerkes.

Auch die Medienpolitiker sollen sich diese Grundhaltung hinter die Ohren schreiben, verlangt Professor Dr. Murad Erdemir, Jurist und stellvertretender Direktor der Landesanstalt für den privaten Rundfunk und neue Medien.

Er hielt den Hauptvortrag in der Wandelhalle und mahnt: „Wir können nicht alles mit dem Recht fassen.“

Die Medienpolitiker hätten den Gedanken des Kinderschutzgesetzes nicht in die neue Zeit übertragen. Verbote oder das Sperren von Seiten verpufften wirkungslos.

Stattdessen gelte es, die Medienkompetenz der Kinder und Jugendlichen auch in Kindertagesstätten und Schulen zu stärken. Aber: Den Bildungseinrichtungen fehle es an den nötigen Geldern für Computer-Ausstattung und Fortbildung. „Abstinenz-Zonen“ zu schaffen und etwa Smartphones aus dem Unterricht zu verbannen; davon hält Erdemir nichts: „Sie werden nicht verhindern, dass Kinder diese Technik nutzen“, sagte er dem Fachpublikum aus Lehrern, Pädagogen, Erziehern, Pfarrern oder Jugendhelfern. Diese können Kinder und Jugendliche zwar dabei unterstützen, sich einen sicheren Weg durch den Dschungel des www. zu bahnen. Doch die Hauptverantwortung liegt bei den Eltern. Sie lässt sich nicht abschieben, sagen die Experten übereinstimmend.

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