Er hörte Stimmen im Kopf

Verfahren gegen drogenabhängigen, wohl psychisch kranken Messerstecher

Bad Wildungen/Kassel - „Ich hab´ den Stimmen gesagt; Wenn Ihr nicht aufhört, stech´ ich einen ab.“ Die Stimmen im Kopf des heute 25-jährigen Rene K.* missachten die Warnung. Die Stimme seines Vaters und die anderen, ihm unbekannten. So sitzt er mit ihnen am frühen Abend des 13. Januar 2014 auf einem Stein, oben auf dem Kaiserlindendeck, und wartet auf ein Opfer. Irgendeins.

Ein Messer aus der Küchenschublade trägt er bei sich. 13 Zentimeter lang die Klinge, mit gewelltem Schliff... Ein 32-jähriger Wildunger Maurer fährt arglos mit seinem Fahrrad an diesem Abend den Radweg am Fuß des Bahnhofstraßendamms hinauf. „Im Stehen. Ich hatte Feierabend, wollte schnell nach Hause und war zügig unterwegs“, erinnert sich der junge Mann gestern im Zeugenstand der sechsten Strafkammer des Landgerichts Kassel. Plötzlich hört er hastige Schritte von vorne auf dem Aphalt. Jemand läuft. Etwas oberhalb der Einmündung von „Kesslers Gässchen“ auf die (kleine) Bahnhofstraße „rennt einer an mir vorbei und gibt mir einen Stoß gegen die Brust“, berichtet der schlanke, junge Mann über diesen unfassbaren Moment. Der Unbekannte mit Kapuze ruft bei und nach diesem Stoß nichts, sagt nichts, stoppt nicht, rast in vollem Tempo weiter. Der Maurer denkt, mit dem Rempler habe ihm einer zeigen wollen „He, ich kenn´ dich...“. Etwas Ähnliches sei ihm einige Monate zuvor schon mal passiert, schildert er dem Vorsitzenden Richter Mütze. Der junge Mann fährt weiter den Berg hinauf Richtung Kaiserlinden-Kreisel – weiter im Stehen, denn er will ja schnell nach Hause. Er steht unter Schock, ohne das zu realisieren. „Kurz vor dem Kreisel wurde mir schwindlig.“ Die Kraft verlässt ihn, er steigt vom Rad, schaut an sich hinunter und bemerkt erst jetzt die abgebrochene Klinge, die in seiner Brust steckt. Instinktiv zieht er sie heraus. „Hatten Sie keine Schmerzen?“, fragt Richter Mütze. „Nein, keine großen“, antwortet der Zeuge. Gekrümmt über seinem Fahrad steht er damals auf dem Bürgersteig am Kreisel. Ein junges Pärchen will gerade mit dem Auto Richtung Bahnhofstraße ausfahren. Die beiden halten spontan. Die 25-jährige Beifahrerin spricht den lebensgefährlich Verletzten aus dem Auto heraus an, obwohl sie denkt, „vielleicht ist er betrunken“, wie sie gestern vor Gericht erzählt. Wer weiß, ob sie nicht einfach weggeschaut hätte, wäre sie keine medizinische Fachangestellte. „Ist alles in Ordnung?“, fragt sie. „Nein“, antwortet der 32-jährige Wildunger. Im nächsten Moment ist die junge Frau ausgestiegen und bei ihm. Er zeigt die Stichwunde, links neben dem Brustbein, in der Herzgegend. Die aufmerksame Retterin wählt sofort die 112... „Ohne das rasche Eingreifen der Zeugin und des Rettungsdienstes hätte der Geschädigte nicht überlebt“, unterstreicht die Staatsanwältin gestern vor der Sechsten Strafkammer. Das Messer habe Herzbeutel und Herzmuskel getroffen und schwere innere Blutungen ausgelöst. Und heute? „Mir geht es gut. Körperlich und psychisch ist nichts zurückgeblieben“, sagt der im Januar lebensgefährlich verletzte Zeuge. Er arbeite uneingeschränkt als Maurer, schlafe gut und fahre an der Stelle des Überfalls mit dem Rad regelmäßig wieder vorbei. „Klar denkt man daran“, räumt er ein, aber er leidet unter keinen Angstzuständen und hat sein Gleichgewicht wiedergefunden. „Es hätte jeden anderen treffen können“, sagt er gegenüber der WLZ-FZ und fügt im Flur des Gerichtssaals, nach seiner Zeugenaussage, hinzu: „Ich bin froh, dass alles vorbei ist und hoffe, dass das Gericht die richtige Entscheidung trifft.“ Seinen Angreifer kennt er nicht, hat ihn nie zuvor gesehen. Anders als seine Frau. Sie hat ihren Mann in den Gerichtssaal begleitet und gehört, wie der 25-Jährige auf der Anklagebank „Ich möchte mich entschuldigen...“ sagt. Während ihr Mann dazu schweigt, muss sie sich zurückhalten. „Ich kenne den ja“, verrät sie im Anschluss: „Ich habe auf ihn aufgepasst, als er klein war, denn seine Schwester war meine Freundin.“ Vor 15, 16 Jahren sah sie ihn zuletzt und weiß nicht, ob sie dem Attentäter das glauben soll mit der Schizophrenie und den Stimmen. „Haben die Stimmen Ihnen befohlen, jemanden zu verletzen?“, will die Staatsanwältin von dem 25-jährigen Wildunger wissen, über dessen Zukunft die Sechste Strafkammer entscheidet. Nicht in einem Strafprozess, sondern in einem Sicherungsverfahren (zum Schutz der Allgemeinheit), denn die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Rene K. psychisch krank ist und deshalb schuldunfähig. „Nein, die Stimmen haben mir das nicht befohlen. Sie wollten mich dauernd testen, ob in mir noch die Hölle steckt.“ Momentan schwiegen die Stimmen, wegen der Medikamente, der er bekomme. Damals, am 13. Januar, habe er den Mann mit dem Fahrrad gesehen, sei die Treppe vom Kaiserlindendeck und die Straße hinuntergestürmt im vollen Lauf. Im vollen Lauf habe er seinem Opfer das Messer in die Brust gerammt, wobei die Klinge abbrach. Rene K. warf den Messergriff weg und raste nach Hause. „Ich habe geweint und dann war da diese Pfütze. Ich habe draus getrunken, damit der, den ich überfallen habe, wieder gesund wird. Wie ein Ritual, wissen Sie?“, erzählt er dem Gericht. Die Stimmen wirken nicht allein im Inneren von Rene am 13. Januar. Er hat ein Medikament intus, mit dem Opiat-Abhängigkeit behandelt wird – und dazu Kokain, erklärt er dem Richter. In Stendal geboren kam er im Alter von drei Jahren mit seiner Mutter und den Geschwistern nach Bad Wildungen. Die Mutter lebte getrennt vom Vater. Wo der sich heute aufhält, weiß K. nicht. Auffälliges Verhalten in der Schule, Schulwechsel, Heim. Der Junge steigt als Zehnjähriger mit Hasch in den Drogenkonsum ein. Von da an geht´s bergab. Er nimmt nach eigener Aussage bis heute so ziemlich alles: Alkohol, Extasy, Kokain... Seine Sucht finanziert er im Lauf der Zeit zunehmend durch Kriminalität. 2005/6 produziert er durch eine Diebstahlsserie Schlagzeilen in Bad Wildungen, vor allem, weil er in Reihe Spendendosen aus Geschäften oder Opferstöcke aus Kirchen stiehlt. Neben Eigentumsdelikten lädt er sich wiederholt Körperverletzung auf sein Kerbholz. Als Jugendlicher schlägt er den Kopf eines Gleichaltrigen zweimal gegen eine Mauer und tritt dem am Boden Liegenden dann in die Rippen, weil dieser ihm nicht, wie versprochen, die Playstation lieh. Therapieversuche in den Jugendhilfeeinrichtungen Böddiger Berg und Kleiner Bärenberg schlagen fehl. Er verweigert sich. Rene bleibt auf dem Weg von Sucht und Kriminalität, kassiert auch als Erwachsener Gefängnisstrafen. Zuletzt kommt er im September 2013, nach vollem Absitzen der Strafe, aus dem Gefängnis zurück nach Bad Wildungen. Eine psychische Erkrankung jenseits der Drogensucht ist nach seinen eigenen Angaben bislang nicht diagnostiziert worden. Sein Vorstrafenregister ist es, das der Polizei die Festnahme im Januar wegen des Attentats auf den 32-jährigen Maurer ermöglicht. Die Gerichtsmediziner hatten DNA-Spuren des Angreifers am Messergriff festgestellt und der Abgleich in der Datenbank mit Proben bekannter Straffälliger wies unter dem Eintrag Rene K.s einen Treffer aus. Morgen wird das Verfahren fortgesetzt, voraussichtlich mit der Stellungnahme der psychiatrischen Sachverständigen.*Name von der Redaktion geändert

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare