Narzisstische Störung diagnostiziert

Versuchter Doppel-Mord: Gutachter sagt aus - „Gesicht wie bei einer Furie“

Foyer des Landgerichts Kassel
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Das Landgericht Kassel: Mit der Expertise des psychiatrischen Sachverständigen steuert der Prozess um den doppelten Mordversuch auf die Zielgerade zu.

Der Angeklagte leidet unter einer „narzisstischen Persönlichkeitsstörung“. Diese Diagnose stellte der psychiatrische Sachverständige Dr. Georg Stolpmann im Prozess um den zweifachen Mordversuch von Mandern.

  • Der psychiatrische Sachverständige im Prozess um den zweifachen versuchten Mord im Bad Wildunger Stadtteil Mandern hat beim Angeklagten eine „narzisstische Persönlichkeitsstörung“ diagnostiziert
  • Der Gutachter kann nicht ausschließen, dass der Angeklagte bei seinen Messerangriffen in Folge der narzisstischen Persönlichkeitsstörung in seiner Steuerungsfähigkeit erheblich eingeschränkt war
  • Gewichtet das Gericht das Gutachten entsprechend, könnte der Paragraf 21 des Strafgesetzbuches über verminderte Schuldfähigkeit zu einem milderen Urteil führen

Bad Wildungen/Kassel – Seine Expertise birgt die Möglichkeit einer deutlich milderen Strafe für den 55-jährigen Mann aus Bad Wildungen, der am 29. April 2020 mit einem Küchenmesser von 20 Zentimetern Klingenlänge seine Frau und seinen Stiefsohn schwer verletzte. Grund: Stolpmann schließt nicht aus, dass die „Steuerungsfähigkeit“ des Angeklagten wegen der Persönlichkeitsstörung zum Zeitpunkt der Tat „erheblich gemindert“ war. Damit könnte Paragraf 21 des Strafgesetzbuches über „verminderte Schuldfähigkeit“ Einfluss auf das Urteil gewinnen.

Vereinfacht gesagt: Seit Jahrzehnten unterliegt der heute 55-Jährige in krankhafter Weise einer realitätsfernen Selbstüberschätzung inklusive Idealisierung der eigenen Person, gepaart mit weiteren typischen Merkmalen wie der Unfähigkeit zur Selbstkritik und einem hohen Anspruchsdenken in Bezug auf die Erfüllung eigener Wünsche und Bedürfnisse. Er nimmt gerne viel, gibt wenig zurück, kann sich schlecht in Andere hineinfühlen und gerät rasch in Wut, wenn Dinge nicht so laufen, wie er es sich vorstellt. Und die Schuld an Fehlschlägen tragen stets die Anderen. „Das ist keine Kritik an Ihrer Person, sondern damit beschreibe ich Symptome der narzisstischen Persönlichkeitsstörung“, erläuterte Stolpmann dem Angeklagten.

Gesicht „wie bei einer Furie“ während der Messerangriffe

Die mögliche Folge dieser Störung am 29. April 2020 im Bad Wildunger Stadtteil Mandern: Der Angeklagte fühlte sich durch die Ansage seiner Frau so schwer und ehrabschneidend gekränkt, dass er durchdrehte und die Messerangriffe startete. Weil seine Frau die gemeinsame Tochter an jenem Morgen mit an die Arbeit nehmen wollte, er in dieser Tagesplanung keine Rolle mehr spielte und sie die angestrebte Trennung von ihm bekräftigte.

Der innere Zustand des Angeklagten aus dem Bad Wildunger Stadtteil Mandern bei den folgenden Prügel- und Messerangriffen spiegelte sich in dessen Mimik, beschrieb der Stiefsohn als zweites Opfer. Gegenüber der Polizei sprach er vom „Gesicht wie bei einer Furie“, vor Gericht vom „irren Blick“ des Stiefvaters. Daran erinnerte Stolpmann in seinem Gutachten.

Aussagen von Noch- und Ex-Ehefrau des Angeklagten im Prozess um Messerangriffe untermauern Diagnose

Das Gespräch mit dem Angeklagten im Gefängnis im Vorfeld des Prozesses um den zweifachen Mordversuch im Bad Wildunger Stadtteil Mandern brachte Dr. Georg Stolpmann auf die Spur der narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Die Aussagen der 2020 verletzten Noch-Ehefrau und der Ex-Frau des Angeklagten über seine zwei langjährigen Ehen bestätigten den Sachverständigen in seiner Diagnose: in der Tatsache, dass die Persönlichkeit des 55-Jährigen auf der Anklagebank seit vielen Jahren in der beschriebenen Weise gestört ist.

Seine Ex-Frau, mit der er zwei erwachsene Töchter hat, schilderte, wie sie das Einkommen der Familie bestritt und so den Ausbau des Hauses, das sie geerbt hatte, finanzierte. Wie sie kochte und den Haushalt in Ordnung hielt, während ihr damaliger Mann zumeist in den Tag lebte und seinen Hobbys nachging. „Wenn er zornig wurde, machte ich mich klein. Dann beruhigte er sich“, sagte sie vor Gericht aus. Auch dieses Verhalten sei bezeichnend für eine narzisstische Persönlichkeitsstörung, so Stolpmann. Aggressionen offenbarte der Angeklagte, als die Trennung 2001 von seiner ersten Frau Konturen annahm. Er schlug laut Ex-Frau mit einer Axt die Hintertür ein und „einmal stand er mit dem Messer vor mir und drohte, mich umzubringen. Ich hatte Angst, aber damals glaubte mir niemand“, schilderte sie vor Gericht. Ähnliche Erscheinungen in der Ehe hatte die Noch-Ehefrau des Mannes beschrieben: Auch ihr gehört das Haus in Mandern, auch sie brachte das Geld nach Hause, kochte und besorgte den Haushalt.

Angeklagter im Prozess um Messerangriffe wittert Komplott der beiden Frauen

Der Angeklagte im Prozess um die Messerangriffe im Bad Wildunger Stadtteil Mandern wertet beide Aussagen dagegen als abgesprochen, wittert ein Komplott der beiden Frauen. Doch auch das passt für den Sachverständigen in das Bild der Persönlichkeitsstörung: keine Selbstkritik. Die Verantwortung für eigenes Scheitern liegt bei den anderen.

Die vermeintliche Verschwörung aus Perspektive des Angeklagten: Sie könnte ihm zu einem milderen Urteil verhelfen, wenn das Gericht das Gutachten entsprechend gewichtet.

Angeklagter im Prozess um Messerangriff „kann ein sehr charmanter, netter Blender sein“

„Warum trennten sich die Frauen nicht früher von ihm?“, fragte Verteidiger Dieter Reinemann den psychiatrischen Sachverständigen. „Weil sich die Schattenseiten einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung erst über einen längeren Zeitraum nach und nach zeigen“, antwortete Dr. Georg Stolpmann.

Die derart gestörte Person wirke zunächst freundlich und zugänglich, wende sich dem Anderen zu, denn „sie braucht den Anderen als Spiegel, um Bestätigung zu finden.“ Stolpmann verwies damit auf den namengebenden Narziss, den schönen Jüngling aus der griechischen Mythologie, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebte. „Er kann ein sehr charmanter, netter Blender sein. Das Schlimme ist: Wir hatten auch sehr schöne Zeiten“, hatte die erste Frau des Angeklagten im Prozess um den zweifachen Mordversuch im Bad Wildunger Stadteil Mandern zuvor dem Gericht berichtet.

Am Montag geht es weiter mit dem Prozess. Die Noch-Ehefrau und der Stiefsohn des Angeklagten hatten kürzlich dem Bericht von der traumatisierenden Viertelstunde der Messerangriffe berichtet. (Matthias Schuldt)

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