Michael Paul aus Mandern lernt im zweiten Jahr den Beruf des Buchbinders in einem Handwerksbetrieb

Vollständig geleimt - das ist hier wichtig

Bad Zwesten - Viele Jobs warten am modernen Ende der Berufswelt, beherrscht von Bits und Bites: IT-Systems-Elektroniker, Webdesigner, Systemoperator ... Michael Paul ist ans andere Ende der Arbeitswelt gereist, dorthin, wo sich Tradition findet - und Papier. Der 21-Jährige aus Mandern wird Buchbinder.

Ungewöhnlich genug, ist er in Nordhessen einer von ganz wenigen, die den 500 bis 600 Jahre alten Beruf in einem Handwerksbetrieb erlernen, der Zwestener Firma Schellhöh. Stapelweise Papierseiten liegen auf Tischen in der Werkstatt. Übereinander geschichtete, gebrauchte Bücher ruhen eingezwängt zwischen den oberen und unteren Stempeln großer Handpressen. Offene Leimtöpfe, Schneidwerkzeuge und einige kleine Maschinen harren ihres Einsatzes.

Geduld und eine ruhige Hand gefragt

Ruhig geht’s hier zu, aber nicht gemächlich. „Mein Chef sagt manchmal, dass ich noch ein bisschen schneller werden muss“, gesteht Michael Paul und grinst. Zwei andere Eigenschaften, die ein Buchbinder braucht, bringt er von Natur aus mit. „Geduld muss man haben und eine ruhige Hand“, erklärt Firmeninhaber Ralf Schellhöh.

Vor rund zweieinhalb Jahren kam der junge Manderner zu ihm mit dem Wunsch, Buchbinder zu werden. „Eine Ausnahme. Normalerweise werden mögliche Lehrlinge eher vom Arbeitsamt geschickt“, sagt Schellhöh.

Michael Paul befand sich damals im berufsvorbereitenden Jahr, hatte sich im Einzelhandel ausprobiert und sich nicht wohlgefühlt. Dann erinnerte er sich an den Tipp, den ihm sein Fahrlehrer im Gespräch mal gegeben hatte. „Ich wäre ein ruhiger Typ, meinte er, und ich sollte mir einen Beruf suchen, der zu mir passt“, erzählt Michael. Wieso sein Fahrlehrer ausgerechnet auf Buchbinder kam, weiß er nicht, „aber das blieb bei mir im Hinterkopf.“

Ralf Schellhöh nahm den Jugendlichen zunächst als Praktikanten und schloss danach den Ausbildungsvertrag mit ihm ab. Eine Meisterin, eine Gesellin und eine weitere Auszubildende zählen noch zum Team.

Inzwischen befindet sich Michael Paul im zweiten Lehrjahr und hat seine Wahl nicht bereut. Die Mischung aus wiederkehrenden Abläufen und wechselnden Anforderungen durch Kundenwünsche und verschiedene Materialien macht für ihn den Reiz an seiner Arbeit aus.

24 Stunden Ruhezeit fürs Buch

Diese ist zur Rarität geworden in ihrer Gestalt als Handwerk. „Die nächste rein handwerkliche Buchbinderei befindet sich in Marburg“, berichtet Ralf Schellhöh. Industrieunternehmen beherrschen den Markt. Die zwei wesentlichen Unterschiede zwischen ihnen und den Handwerksbetrieben erläutert der Zwestener Familienunternehmer: „Die Industrie bearbeitet große Auflagen und setzt Heißleim ein. Wir übernehmen Kleinauflagen und binden traditionell mit Kaltleim.“ Während Heißleim binnen Sekunden trocknet und das Papier sofort weiterverarbeitet werden kann, braucht Kaltleim eine Ruhezeit von 24 Stunden, bevor der nächste Arbeitsschritt folgt. Dafür halten kaltgeleimte Seiten dauerhafter zusammen, denn sie werden an der Kante, die dem Buchrücken zugewandt ist, maschinell wellig eingeschnitten und aufgefächert, so dass der Leim beim Auftragen einen halben bis einen Millimeter tief ins Material eindringt. Heißleim wird oberflächlicher aufgebracht.

Anwälte, Notare, Unis wichtige Kunden

Einzelne Kunden geben bei Schellhöh ihre gedruckten Lieblinge zur Reparatur ab, strapazierte Kochbücher zum Beispiel. Anwälte und Notare lassen Gesetzesblätter und Urkunden für ihre Kanzleien binden. Dazwischen gibt es ab und an Schätze, die dem Buchbinder viel Raum für Kreativität gewähren: „Mit Pergament, Ledereinband oder sehr, sehr selten Vergoldearbeiten“, erzählt Ralf Schellhöh, ein Leuchten in den Augen.

Den zentralen Teil des Geschäfts machen öffentliche Auftraggeber aus wie Kommunen und Universitäten, die Standesamtsdokumente oder Zeitschriftenjahrgänge für ihre Archive zu festen Bänden verarbeiten lassen - oder ließen.

„Das Geschäft ist im letzten Jahr regelrecht eingebrochen, um 50 Prozent zurückgegangen“, bilanziert Ralf Schellhöh. Die digitale Welt dringt mit Macht ins Metier des Traditionshandwerks vor.

Die Standesämter sind verpflichtet, künftig digital zu archivieren. Universitätsbibliotheken abonnieren Zeitschriften online, um Kosten zu sparen. „Kurzsichtig, denn im Netz sind die Schriften nur für begrenzte Zeit verfügbar“, findet Schellhöh. Nachbestellungen seien dann richtig teuer. Er begegnet der Entwicklung, in dem er etwas größere Auflagenaufträge anvisiert, die sich trotzdem noch nicht für die Industrie rechnen.

„Das Buch bleibt. Davon bin ich überzeugt“, sagt er, und manches Archiv besinnt sich angesichts der Anfälligkeit elektronischer Datenspeicher schon wieder aufs Papier.

Michael Paul trägt seinen Teil dazu bei, dass sein Handwerk überlebt: „Ich lese gerne und oft Bücher.“ Der Chef könnte in diesem Punkt etwas von seinem Stift lernen, denn „ich lese wenig, ganz anders als meine Frau“, räumt Schellhöh schmunzelnd ein.

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