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Waldeck-Frankenberg: „Auszeit für Gesundheit“ im Hartz-IV-Bezug

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Von: Matthias Schuldt

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Kochkursus im Wildunger Mehrgenerationenhaus
auszeitfuergesundheit.jpg © Matthias Schuldt

Hartz-IV macht viele Arbeitslose krank. Krankheit erschwert die Arbeitssuche. Das Projekt „Auszeit für Gesundheit“ soll den Teufelskreis durchbrechen.

Bad Wildungen – „Ich kenne niemanden unter meinen Klienten, der freiwillig ins Arbeitslosengeld II gegangen ist.“ Also in den Hartz-IV-Bezug, wie die Leistung – noch – salopp bezeichnet wird. Helge Führer vom Kreisverband der „Treffpunkte“ kümmert sich als Gesundheitslotsin seit 2020 um Menschen, die im „ALG II“ und in einer Krankheit zugleich fest stecken. „Gefangen sind“, wie es die Lotsin beschreibt.

„Auszeit für Gesundheit“ heißt das Gemeinschaftsprojekt, das einen Ausweg aus der doppelt belastenden Situation öffnet. „Auszeit“ deshalb, weil das Jobcenter als zweiter Projektpartner die freiwillig teilnehmenden Kundinnen und Kunden während der Laufzeit nicht in die Pflicht nehmen muss. Nicht in die Pflicht, ein Bewerbungsgespräch zu führen, ein Bewerbertraining zu absolvieren oder eine andere Hartz-IV-Auflage zu erfüllen als Bedingung für vollen Bezug der Finanzhilfen. In diesem speziellen Programm existiert also längst, was als Bestandteil des neuen Bürgergeldes heiß diskutiert wird: Vertrauenszeit.

Krankheit und Arbeitslosigkeit sind vielfältig miteinander verwoben

„Wir begleiten die Menschen während der Auszeit aber intensiv dabei, Gesundheit und Selbstbewusstsein wieder zu erlangen“, erklärt Julia Rusch, Pressesprecherin des Jobcenters Waldeck-Frankenberg. Denn eine „Auszeit“ ohne unterstützende, stärkende Begleitung brächte die Kundinnen und Kunden am Ende nicht weiter. Krankheit und Arbeitslosigkeit sind in vielfacher Weise miteinander verknüpft. Sie bedingen oder verstärken sich wechselseitig, ergänzt Projektkoordinatorin Claudia Schimek vom Treffpunkte-Kreisverband.

Wer ALG-II beziehe, habe nicht selten seinen Job und manchmal gleich seinen Beruf wegen einer schweren, chronischen Krankheit verloren. Andererseits belaste anhaltende Arbeitslosigkeit, der Verlust eines geregelten Tagesablaufs, die Seele so, dass sie erkrankt und den Körper mitzieht. Teilhabe am einst für die Person „normalen“ gesellschaftlichen Leben schwindet wegen weggebrochener Kontakte und verlorener, eigener Finanzkraft. Das Selbstbewusstsein sackt ab. Schlaflosigkeit und Gefühle wie Scham breiten sich aus. Schlechte Ernährungsgewohnheiten reißen ein, weil Geld, Perspektive und Motivation fehlen, auf sich selbst Acht zu geben.

Im Karussell negativer Gedanken

„Am Ende sitzen Sie auf einem nicht anzuhaltenden Karussell negativer Gedanken.“ So fasst Gesundheitslotsin Helge Führer zusammen, was ihr täglich im Projekt „Auszeit“ an Lebensläufen und -wirklichkeiten im Hartz-IV-Bezug begegnet. Von wegen Hängematte – auch „wenn es sicher Ausnahmen und Einzelfälle gibt“, fügt Claudia Schimek hinzu.

Den Ausstieg aus dem bedrückenden Gedankenkarussell und das Heraus aus der Isolation soll das Auszeit-Projekt durch eine Vielzahl unterschiedlicher Angebote fördern. Sie werden laufend abgewandelt und aktualisiert.

Kräfte bündeln, neue Stärken an sich entdecken: Dabei helfen den Teilnehmerinnen und Teilnehmern am „Auszeit“-Projekt: (von links) die Gesundheitslotsinnen Claudia Schimek und Helge Führer (beide Kreisverband „Treffpunkte“), Manuela Maerz (Leiterin des Mehrgenerationenhauses), und Julia Rusch (Jobcenter Waldeck-Frankenberg).
Kräfte bündeln, neue Stärken an sich entdecken: Dabei helfen den Teilnehmerinnen und Teilnehmern am „Auszeit“-Projekt: (von links) die Gesundheitslotsinnen Claudia Schimek und Helge Führer (beide Kreisverband „Treffpunkte“), Manuela Maerz (Leiterin des Mehrgenerationenhauses), und Julia Rusch (Jobcenter Waldeck-Frankenberg). © Matthias Schuldt

Wohlfühlsport, Gehirnjogging durch gemeinsame Spiele, Gesprächsgruppen, Entspannungstechniken, Yoga, eigene Möglichkeiten und Stärken entdecken, „Endlich besser schlafen“, Malkurse, „Zeit für dich“, Fitnesstraining und nicht zuletzt gesundes Kochen und gesunde Ernährung zählen zu dem, was Teilnehmer in Bad Wildungen nutzen. „Ganz praktisch zeigen Kochkurse zum Beispiel Wege, sich auch mit wenig Geld gesund zu ernähren“, erklärt Claudia Schimek.

Projekt „Auszeit für die Gesundheit“ Waldeck-Frankenberg ist auf eineinhalb Jahre angelegt

Das Auszeit-Projekt ist auf ein halbes Jahr intensiver Betreuung und Begleitung ausgelegt. Das Jahr im Anschluss greifen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf Angebote und vertraute Ansprechpersonen zurück, um die Entwicklung zu stabilisieren. Im Idealfall haben sie eine Arbeit gefunden, und das Projekt hilft ihnen im dritten Schritt, sich voll einzuleben.

„Vielleicht steht eine ehrenamtliche Tätigkeit am Beginn oder ein Minijob“, berichtet Claudia Schimek. Es könne sich aber ebenso herausstellen, dass eine Krankheit nachhaltig die Rückkehr in einen Beruf versperre, das Projekt daher in einen Antrag auf Reha oder sogar Rente münde.

„Auszeit für die Gesundheit“ lässt Teilnehmer in Waldeck-Frankenberg eigene Stärken entdecken

Julia Rusch hebt mit Blick auf Bad Wildungen den vielseitigen Nutzen des Mehrgenerationenhauses hervor. Mal dient es als Treffpunkt, um in einer Gesprächsgruppe die Hartz-IV-Isolation zu überwinden, mal als Anlaufstelle, um bei Kochkursen in der MGH-Küche mitzuwirken.

Als echte, persönliche, wirkungsvolle Unterstützung lernt eine Wildungerin, die seit Längerem ALG II bezieht, das Hilfssystem zum ersten Mal kennen, sagt sie über das Projekt. „Mit über 50 brauche ich kein Bewerbungstraining“, winkt die chronisch kranke Frau ab. „Auszeit für Gesundheit“ dagegen vermittelte ihr neues Selbstwertgefühl, „ausgerechnet durch einen Malkursus, wo ich mit dem Tuschkasten in der Schule nie was am Hut hatte.“

Mensch steht im Mittelpunkt des Projektes „Auszeit für die Gesundheit“ Waldeck-Frankenberg

Sie habe Seiten und Fähigkeiten an sich entdeckt, „von denen ich nichts wusste.“ Eine sinnvolle ehrenamtliche Tätigkeit habe sie begonnen, die sie aus dem Alltag der Arbeitslosigkeit und der Isolation herausgelöst hat. Eine andere, jüngere Frau, die erst vor relativ kurzer Zeit nach Deutschland kam, ringt mit den Tränen, als sie von Einsamkeit und Perspektivlosigkeit erzählt, von der seelischen Erkrankung, die sie niederdrückte in einem Land, dessen Sprache sie mühevoll lernt. „Wenn ich aufgeregt bin, ist es noch schwieriger mit Deutsch“, sagt sie, doch ihre Gesundheitslotsin Helge Führer ermutigt sie, weiter zu berichten. Denn die Neu-Wildungerin hat, gestärkt durch das Programm „Auszeit“, eine 450-Euro-Stelle als Einstieg gefunden. Helge Führer habe sie sanft zum Vorstellungsgespräch geschoben, deutet die Frau, etwas verlegen lächelnd, mit einer Bewegung ihrer Arme an. Sie habe sich das nicht zugetraut, doch die Arbeit mache ihr Spaß. Ihr Selbstvertrauen wachse: „Ich schaffe das.“

Ihr gegenüber sitzt eine alleinerziehende Mutter, deren Gesundheit ebenfalls durch familiäre Belastung und Arbeitslosigkeit angegriffen war. „Ich habe zum ersten Mal hier gehört, dass ich auch daran denken muss, einfach mal etwas für mich zu tun“, erzählt sie. Das habe sie zuvor komplett vernachlässigt im Einsatz für ihre Kinder. Yoga und weitere Angebote der „Auszeit“ helfen ihr, neue Stärke und neue Perspektiven heraus aus der Arbeitslosigkeit zu entwickeln. Alle drei Wildungerinnen heben die wichtige Rolle ihrer Lotsin Helge Führer hervor, die ruhig bekräftigt: „Der Mensch steht im Mittelpunkt unseres Projekts.“

Ansprechpartner bei „Auszeit für die Gesundheit“ Waldeck-Frankenberg

Für „Auszeit für Gesundheit“, das auch unter „Rehapro“ läuft, stehen für Infos bereit, an den „Treffpunkten“: Bad Arolsen, Roland Lüders-Lill, 0173/457 51 45; Bad Wildungen, Helge Führer, 0173/ 457 52 24; Frankenberg, Claudia Schimek, 0173/626 46 23; Korbach, Heike Weinreich, 0173/457 51 62 oder:
als Projektverantwortlicher im Jobcenter Waldeck-Frankenberg, Karl-Heinz Wilke, 05631/957 450. (Matthias Schuldt)

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