Vor 60 Jahren: Burgfestspiele nach Episoden aus der Geschichte

140 Waldecker wirkten mit

Waldeck - Vor 60 Jahren wurden die Burgfestspiele im Hof der Waldecker Burg eröffnet. „Sie waren nicht nur für unsere kleine Stadt, sondern für den ganzen Kreis Waldeck das Ereignis des Jahres“, erinnert Paul Neuhaus an vergangene Zeiten. 140 Waldecker wirkten beim „Spiel im Schloss“ mit.

Sechs Jahrzehnte nach diesem Gemeinschaftswerk wissen nur noch ältere Waldecker Details zu dieser kulturellen Glanzleistung. In der Neuauflage des Ortssippenbuchs (WLZ berichtete) vermisste kürzlich ein ehemaliger Waldecker ein Hinweis auf die Burgfestspiele in 1954, berichtet Neuhaus als Herausgeber des Werks. Im Gespräch schilderten ihm daraufhin einige der damaligen Akteure, die als junge Mädchen oder Burschen dabei waren, Episoden aus den achtmonatigen Proben. Margret Heinzemann, Brunhild Ziegler und Karlheinz Gottheiss, erzählten Hintergründe zu den ersten und einzigen Waldecker Burgfestspielen. „Initiator war der Schlosswirt Rudolf Bittner“, sagt Neuhaus. In dem aufwendigen Theaterstück sollte ein geschichtliches Ereignis dargestellt werden. In Rektor Walter Zander aus Hamburg fand Bittner einen Geschichtskenner, der aus einer Episode des Siebenjährigen Krieges ein Drehbuch schrieb. Als Spielleiter gewann er den bekannten Kasseler Regisseur Alexander Herwig. Ihm zur Seite stand Realschullehrer Berthold aus Bad Wildungen. Nachdem das Führungsgremium stand, ging es an die Besetzung der Rollen. Angedacht war es, die Hauptrollen an Berufsschauspieler zu vergeben – alle anderen Rollen sollten durch Laienspieler aus dem Ort besetzt werden. Alle Bürgerinnen und Bürger wurden zur Mitwirkung aufgerufen. Nach der Einladung durch Bürgermeister Herzog erschienen so viele Interessierte, dass der Spielleiter einige zunächst nach Hause schicken musste. Die Leseproben fanden zuerst in der Schule statt. Schnell stellte sich heraus, dass unter den Spielern ungeahnte Talente waren, so dass der Regisseur auf die Berufsschauspieler verzichtete und alle Rollen mit Laienspielern besetzte. Neuhaus: „Die Spielerinnen und Spieler kamen aus allen Berufsgruppen: Arbeiter, Angestellte, Handwerker, Bauern, Einheimische und Heimatvertriebene. Sie bildeten eine große Spielgemeinschaft.“ Insgesamt waren es 140 Mitwirkende, es gab aber nur über 30 Sprechrollen. Die Übungsabende wurden bald in das Schloss verlegt. Vor dem Bergfried und den Burgverliesen wurde eine Zweietagenbühne aufgebaut. „Das Ganze bereitete den Akteuren erst richtig Spaß, als sie in den von den Staatstheatern Kassel und Berlin entliehenen Kostümen auftreten konnten“, berichtet Neuhaus. „Erstaunlich gut war auch die Akustik auf dem Burghof. Bis in die hinteren Reihen konnte man jedes Wort verstehen.“ Schirmherr der Burgfestspiele war Ministerpräsident Georg August Zinn. Am 31. Juli war die Premiere, weitere Aufführungen waren an jedem Wochenende im August. Dargestellt wurde die Besetzung von Burg und Stadt Waldeck durch die Franzosen 1762. Der französische Major Lois oder Leonardi feierte mit seinen Freunden auf dem Schloss, während seine Soldaten die übrigen Bewohner der Burg und der Stadt drangsalierten. Eine Liebesgeschichte hatte der Autor auch eingebaut: Der Forstadjunkt Franke war mit der Förstertochter Marie Dehnert verlobt. Der französische Offizier Marselle wollte sie ihm abwerben. Es kam zum Konflikt, der zum Glück günstig für die Verlobten ausging. Dann erfolgte die Rückeroberung der Stadt und Belagerung der Burg durch englische, preußische und braunschweigische Truppen. Die Franzosen gaben auf und der englische General Convay gewährte ihnen freien Abzug. Die Waldeckische Landeszeitung schrieb über die Premiere: „Wirksam aufgebaute Massenszenen, geschickt eingefügte Tänze und Lieder standen immer wieder im Mittelpunkt des Geschehens und setzten der Handlung volkstümliche und gefühlsbetonte Lichter auf.“ Auch das Kasseler Sonntagsblatt berichtete über diese beachtliche Gemeinschaftsleistung. Paul Neuhaus: „Das Stück war ein voller Erfolg. Auch die nachfolgenden Aufführungen waren gut besucht.“ In Böhne wurde im selben Jahr das Dorfgemeinschaftshaus fertiggestellt. Bürgermeister Sauer lud die Spielschar ein, bei der Einweihung des Hauses eine Szene aus dem Stück aufzuführen. Die Spielschar erfüllte den Wunsch mit vollem Erfolg. Das Spiel sollte auf der Burg einige Jahre später wiederholt werden. Doch Rudolf Bittner ging Ende 1954 von Waldeck nach Kassel und übernahm dort ein anderes Hotel. So blieb es bei den acht Aufführungen im ­August 1954 auf dem Burghof von Schloss Waldeck.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare