Stadt Fritzlar, EWF und VEW bauen zwischen Ungedanken und Fritzlar Kleinwasserkraft-Anlage

Wasserkraftschnecke fürs Eder-Wehr

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Mit dem Pfeil haben die Ingenieure die Stelle an der linken Seite des Wehres markiert, an der das Bauwerk entsteht, das in etwa so aussehen soll wie auf der Fotomontage des VEW (kleines Bild).Fotos: Schuldt/VEW

Fritzlar/Bad Wildungen - „Der Ausbau der Wasserkraft ist in Deutschland kaum noch möglich“, sagt Prokurist Stefan Kieweg vom heimischen VEW (Verbands-Energie-Werk).

Grund seien strenge Auflagen zum Schutz der Natur im Allgemeinen und der Fische im Besonderen. Umso stolzer sind das VEW und die Stadt auf ein neues, kleines Wasserkraft-Projekt am Fritzlarer Eder-Wehr. Bürgermeister Hartmut Spogat und Stefan Kieweg gaben am Freitag offiziell den Start für die Bauarbeiten frei.

An der, flussaufwärts gesehen, linken Seite des Wehres entsteht bis zum Herbst ein etwa vier Meter hohes Gebäude von neun Metern Breite und 17 Metern Länge in Strömungsrichtung. Es nimmt eine archimedische Schnecke von vier Metern Durchmesser auf. Die Schraube, die nach ihrem Erfinder aus dem antiken Griechenland benannt ist, dient seit mehr als 2000 Jahren dem Fördern von Wasser an eine höher gelegene Stelle. Als Spielgerät ist sie selbst Kindern bekannt, etwa vom Aquapark an der Sperrmauer her. Über eine Kurbel drehen sie die Schnecke und schöpfen so das Wasser aus einem Becken nach oben heraus.

Für die Stromgewinnung am Eder-Wehr kehren die Ingenieure das Prinzip einfach um. Das Wasser fließt von oben durch die Schnecke und versetzt sie dadurch in Rotation. Diese Dreh-Bewegung wird, wie bei den Turbinen am Edersee, in elektrische Energie umgesetzt.

Obwohl das Prinzip Jahrtausende auf dem Buckel hat, gilt es in diesem Zusammenhang als Innovation, erklärt Stefan Kieweg, „denn die Anlage ist auch bei wechselnden Durchflussmengen und geringer Fallhöhe des Wassers rentabel zu betreiben.“ 800000 Euro investiert das VEW, das auf erneuerbare Energieformen spezialisiert ist, in die Fritzlarer Konstruktion (siehe Text „Technische Daten“). Die nächsten vergleichbaren Anlagen stehen in Bad Zwesten und Warburg.

Die Planungen laufen seit 2013. Die Aufsichtsbehörden genehmigten das Projekt im Naturschutzgebiet laut Kieweg, weil es die Bedingungen für die Fischwanderungen an dieser Stelle in der Eder sogar verbessert (siehe „Hintergrund“).

Wehr soll seinen Charakter als Badeparadies behalten

Die Anlage nutzt ausschließlich das so genannte Restwasser, das ohnehin über das Wehr fließt. Für die Fischzucht und den Mühlgraben ändert sich nichts. „Den Fritzlarern ist außerdem wichtig, dass weiter Wasser über das Wehr fließt an dieser traditionellen Badestelle im Fluss“, betont Bürgermeister Spogat. Das sei auch gewährleistet, sofern die Eder einen ausreichend hohen Wasserpegel führe, ergänzt der planende VEW-Ingenieur Volker Jakob.

Aus Sicht von Bürgermeister Spogat steht die Anlage symbolhaft dafür, dass die Energiewende besser mit dezentralen Lösungen gelingt, mit vielen Solar-, Windkraft- oder Wasserkraftanlagen übers Land verteilt und nicht mit Großprojekten wie SuedLink, gegen das sich im Fritzlarer Raum großer Widerstand formiert hat. Gerade erst habe er bei einem Treffen mit Vertretern des Bundeswirtschaftsministeriums und der Bundesnetzagentur den wesentlichen Grund für die ablehnende Haltung von Bevölkerung und heimischer Politik verdeutlicht: Die Region soll den Raum für die Trasse bereit stellen und wird nicht mal an den Versorgungsstrang angeschlossen.

Hintergrund

Am linken Ufer des 80 bis 100 Jahre alten Eder-Wehres wurde vor Jahren eine Fischtreppe gebaut. Sie umgeht, gestaltet wie ein Bachlauf, das Hindernis und ermöglicht den Tieren den Aufstieg flussaufwärts. Das Problem: Bei der Suche nach dem Weg orientieren sich Fische an der stärksten Strömung. Die Verhältnisse unterscheiden sich am Fuß des Wehres bisher aber kaum, so dass die Wanderer im Fluss Schwierigkeiten haben, die Treppe zu orten. Ist die Schnecke installiert, herrscht an ihrem unteren Ende künftig die deutlich höchste Strömungsgeschwindigkeit am gesamten Wehr. Die Fische peilen die Stelle an und finden links davon leichter die Treppe. Streben sie flussabwärts, können sie sogar die Schnecke selbst wie einen Fahrstuhl nutzen. Anders als bei Turbinen werden sie nicht verletzt, weil die Archimedes-Schraube nur langsam rotiert.

Technische Daten

Die Wasserkraftschnecke am Eder-Wehr erzielt eine Maximalleistung von 140 kW oder 190 PS und dreht sich dazu bis zu 20-mal in der Minute. Jährlich kann sie bis zu 600 000 Kilowattstunden Strom erzeugen, die dem durchschnittlichen Jahresverbrauch von 170 Haushalten entsprechen.

Von Matthias Schuldt

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