Mitarbeiterinnen vom „Seifenplatz“ verlieren ihren Job und noch viel mehr

Wenn König Kunde den Tyrannen spielt

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Traurig die Situation vor ausgeräumten Regalen an ihrem Noch-Arbeitsplatz, traurig die Erfahrungen, die Petra Schwalenstöcker (links) und Marina Hinz in den vergangenen Wochen mit vielen Kunden machen mussten.

Bad Wildungen - „Warum? Ich weiß nicht, vielleicht macht es Spaß, nach jemandem zu treten, der am Boden liegt.“ Petra Schwalenstöcker hat viel erlebt in drei Jahrzehnten beim „Seifenplatz“, davon 25 Jahre als Wildunger Filialleiterin.

Was in den vergangenen Wochen und Monaten an der Kundenfront geschah; das war aber selbst ihr neu und eigentlich hatte sie solche Verhaltensweisen nicht für möglich gehalten.

Wegen 1,74 Euro

Die niederschmetternden Erfahrungen gipfelten vorige Woche in den Ausfällen eines Rentnerpaares, denen die junge Kollegin Marina Hinz ausgesetzt war. „Der Mann hat mir gedroht, er werde mich ohrfeigen und an den Haaren aus dem Laden ziehen“, berichtet die 26-jährige schwangere Frau. Grund: 1,74 Euro, Gegenwert eines um 50 Prozent preisreduzierten Päckchens von drei Putzlappen.

Marina Hinz hatte an der Kasse drei Päckchen abgezogen. Die Kunden kamen fünf Minuten später zurück, sie hätten nur zwei gekauft. Die Frau schimpfte, der Mann stieß an der Tür die Drohung gegen die Angestellte aus. „Ich stand hinter der Kasse. Wäre ich näher bei ihm gewesen, hätte er seine Drohung wahr gemacht“, glaubt die werdende Mutter.

„Ganz normale Leute“

Schon vor dem Kauf der Putzlappen hätten die beiden Älteren im Laden schwadroniert, hier müsse man aufpassen. Grund: Für die vermeintlich gleiche Sonnenschutzcreme hatte Marina Hinz einen höheren Preis genannt als zuvor ihre Kollegin. „Es handelte sich zwar um die gleiche Marke, aber um verschiedene Lichtschutzfaktoren, doch das interessierte die beiden nicht“, erinnert sich Marina Hinz, die sicher ist, wegen dieser Vorgeschichte an der Kasse genau aufgepasst zu haben, um Ärger zu vermeiden.

„Selbst wenn sie sich vertan hat, ist das kein Grund, Schläge anzudrohen“, kommentiert ihre Kollegin Petra Schwalenstöcker. Ganz normale Leute seien das vom äußeren Erscheinungsbild her gewesen; sie schüttelt den Kopf.

Das krasseste Beispiel, in der Tendenz aber kein Einzelfall, seitdem die Turbulenzen bei Schlecker/Seifenplatz bekannt wurden. Innerlich angegriffen sind die beiden verbliebenen Mitarbeiterinnen. Drei Kolleginnen haben bereits aufgehört, eine von ihnen fand eine neue Stelle.

Keine Infos für Belegschaft

„Für mich ist es mit 55 Jahren nicht leicht, etwas Gleichwertiges zu bekommen und Marina wird als Schwangere bestimmt nicht eingestellt“, meint Petra Schwalenstöcker. Informationen haben sie vom Insolvenzverwalter des Konzerns nicht erhalten. Nur indirekt. Am 24. Juli kam ein Schreiben, dass der Ausverkauf am 26. Juli beginne. Erst dann war klar, dass Bad Wildungen nicht zu den 109 Filialen gehört, die Rossmann übernimmt.

Vorige Woche wurden große Anzeigen geschaltet, dass nochmals neue Ware beim „Seifenplatz“ eintreffe .

Geier kreisten früh

Die Welle der Schnäppchenjäger schwoll wieder an, „doch alle Läden, mit denen ich telefoniert habe, bekamen nur fünf Container Windeln, genauso wie wir“, erzählt Petra Schwalenstöcker.

Den Ärger der Kunden müssen die Mitarbeiterinnen auf Abruf ertragen. Ohnehin gaben ungezählte Bemerkungen den Frauen in den vergangenen Wochen des Hoffens und Bangens Stiche ins Herz.

Die Geier kreisten früh. Eine Kundin wollte lange vor dem Ausverkauf wissen, „wann endlich 50 Prozent ermäßigt wird. Da habe ich geantwortet, dass sie 50 Prozent haben will, wir aber gerne unsere Arbeitsplätze behalten möchten“, erinnert sich Marina Hinz.

Schlechte Scherze

Andere machten misslungene Scherze oder „wunderten sich, was wir uns denn aufregen würden. Schließlich sei das nicht unser Laden“, erzählt Petra Schwalenstöcker und holt dabei aus dem Büro einen gelben Sack, voll mit Verpackungen: Die Ware wurde aus ihnen gestohlen. Was inklusive Hülle unbezahlt verschwand, weiß sie nicht. Die Computer, in denen sie Bestand und Verkauf abgleichen könnte, sind im Zuge der Insolvenz abtransportiert.

Traurig die Situation, traurig solche Erfahrungen. Petra Schwalenstöcker und Marina Hinz halten sich an den seltenen positiven Erlebnissen fest:

„Bitte keine Ratschläge“

An der langjährigen älteren Stammkundin, die mit Tränen in den Augen den Mitarbeiterinnen 50 Euro „für ein paar Blümchen“ gab oder an der jungen Frau, die beim Hinausgehen der Filialleiterin über die Wange strich mit den Worten „Ich wünsche Ihnen alles Gute“. Das sei spürbar ehrlich gemeint gewesen, sagt Petra Schwalenstöcker und wünscht sich von den Kunden, dass sie einfach vernünftig und normal freundlich mit den Frauen im Laden umgehen: Keine Ratschläge, keine dummen Witze.

So hoffen die beiden, die letzten Tage im Geschäft in Ruhe über die Bühne bringen zu können. Am 1. September schließt der „Seifenplatz“.

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