Wildunger Kurschattenbrunnen Peeling verpasst

Wenn der Mondmann anrückt...

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Bad Wildungen - Er sieht aus, als käme er gerade aus dem Weltall, doch sein Werkzeug verrät den vermeintlichen Mondmann. Er entdeckt keine neuen Planeten, sondern lässt den Kur‑schattenbrunnen in altem Glanz erstrahlen. Er verpasst den Figuren ein gründliches Peeling.

Der 38-jährige Lars Gimbel ist „Sandstrahltechniker“ – so lautet die genaue Berufsbezeichnung – und beschäftigte sich fünf Tage lang mit der Reinigung des Kurschattenbrunnens. „Die Schwierigkeit liegt darin, den harten Kalk von dem Brunnen zu entfernen, aber nicht den darunter liegenden Sandstein zu beschädigen“, erklärt Gimbel. „Außerdem muss das Muster des Steines erhalten bleiben.“ Der Druck und das Reinigungsmaterial spielen dabei die wichtigste Rolle. „Es gibt viele Materialien, wie zum Beispiel Glasperlen, Hartguss, Stahlguss, Wallnussschalen, Kalzitpudermehl und Maisschrot, um den Stein zu bearbeiten “ , erklärt der Fachmann. Das am Kurschattenbrunnen verwendete Granatmehl wird in Kanada und Australien in Minen abgebaut. Dann bereiten Firmen in Deutschland es auf. „Das Reinigungsmittel muss mindestens so hart sein, wie der Stoff, der abgetragen werden soll-Granatmehl ist also härter als Kalk.“ Nachdem das Material bestimmt ist, legt der Techniker den Luftdruck fest, mit dem er arbeitet. Die Körner rasen mit einer Geschwindigkeit von bis zu 2880 Stundenkilometer auf ihr Zielobjekt zu, auch deswegen braucht Lars Gimbel einen Schutzanzug. Das Wichtigste sei dabei der Helm, der den Sandstrahltechniker mit frischer und klimatisierter Luft versorge, berichtet er. Aktivkohlefilter halten die Luft im Helm staubfrei. Da ein Unterdruck im Helm herrscht, können keine Körner in die Atemluft gelangen. Die Hose spielt ebenfalls eine wichtige Rolle, weil sie aus einem dichtem Stoff bestehen muss, damit die bis zu zwei Millimeter großen Körnchen Gimbel als Querschläger nicht verletzen. Die vorschriftsmäßigen Handschuhe bestehen aus doppeltem Leder. Stahlkappenschuhe gehören zur Grundausstattung eines Handwerkers auf einer Baustelle. Die Sandstrahltechnik ist das letzte Mittel der Wahl. Der Versuch, den Kurschattenbrunnen mit Bürsten zu säubern, scheiterte. Gimbels Geschichte zu seiner Firmengründung ist so ungewöhlich wie sein Beruf: Da der gelernte Industriemechaniker durch einen Motorradunfall seine linke Hand verlor, konnte er seinem Ausbildungsberuf nicht mehr nachgehen und gründete die Sandstrahltechnikfirma, die seinen Namen trägt. Seine Behinderung schränkt ihn bei der Arbeit nur wenig ein. „Er arbeitet so schnell, wie ein Mensch mit zwei Händen“, staunt ein Mitarbeiter immer wieder. Gimbel erzählt, dass seine jetzige Arbeit kein gewöhnlicher Ausbildungsberuf sei. Er berichtet: „Aufgrund meiner Erfahrungen kann ich einschätzen, welcher Stein welchen Druck aushält und benötigt.“ So etwas befindet sich in keinem Lehrplan. Der Mondmann befindet sich inzwischen im Landeanflug zu seiner nächsten Mission: dem Wasserhochbehälter in Bergfreiheit. „Der Beton im Wasserhochbehälter braucht natürlich anderen Druck als der weiche Sandstein des Kurschattenbrunnens“, sagt er und grinst.

Von Laura Horn und Fabian Kepper

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